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Chronischer Schmerz 2026: Neue Leitlinie, neue Substanzen – und warum Bewegung wirksamer ist als Opioide

March 30, 2026

Im März 2026 hat die Deutsche Schmerzgesellschaft zusammen mit zwölf weiteren Fachgesellschaften die erste S2k-Leitlinie zur stationären interdisziplinären multimodalen Schmerztherapie (IMST) bei Kindern und Jugendlichen veröffentlicht – ein Meilenstein, der eine jahrelange Versorgungslücke schließt. Gleichzeitig steht die überfällige Überarbeitung der LONTS-Leitlinie zur Langzeitanwendung von Opioiden bei nicht tumorbedingten Schmerzen kurz vor dem Abschluss.

Wenn Schmerz zur eigenständigen Erkrankung wird

Chronischer Schmerz betrifft rund 23 Millionen Menschen in Deutschland. Davon leiden etwa 2,2 Millionen an stark beeinträchtigenden Dauerschmerzen. Er ist die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung und verursacht volkswirtschaftliche Kosten von ca. 40 Milliarden Euro jährlich. Die WHO hat chronischen Schmerz im ICD-11 erstmals als eigenständige Diagnosegruppe eingestuft.

Das biopsychosoziale Modell

Modernes Schmerzverständnis begreift chronischen Schmerz als Ergebnis biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Biologisch: Zentrale Sensitivierung – das Nervensystem wird dauerhaft überaktiv, ein Schmerzgedächtnis bildet sich im limbischen System. Psychologisch: Katastrophisieren, Fear-Avoidance-Beliefs und komorbide Depression verstärken die Chronifizierung; psychologische Variablen sagen Chronifizierung besser voraus als die initiale Schmerzstärke [1]. Sozial: Sozialer Rückzug, Arbeitsplatzkonflikte und medizinische Überdiagnostik verstärken das Schmerzsystem zusätzlich.

Multimodale Schmerztherapie: Was die Leitlinien empfehlen

Die S3-Leitlinie (Chronischer nicht-tumorbedingter Schmerz) empfiehlt die MIST (Multimodale Interdisziplinäre Schmerztherapie) für schwer beeinträchtigte Patienten als Methode der Wahl: 1. Medikamentös: NSAR/Metamizol bei nozizeptivem Schmerz; Antikonvulsiva (Pregabalin, Gabapentin) + Antidepressiva (Amitriptylin, Duloxetin) bei neuropathischem Schmerz. 2. Physiotherapie: Aerobe Ausdauerbelastung 3×/Woche 30 Min reduziert chronischen Schmerz signifikant – über endogene Opioide und das descendente Schmerzhemmsystem (DNIC). 3. Psychotherapie: KVT als Goldstandard; ACT und MBSR mit vergleichbaren Effektstärken in Metaanalysen. 4. Neuromodulation: Rückenmarkstimulation (SCS) und TMS beim DGS Innovationsforum 2025 als zunehmend erstattungsfähige Optionen bei therapierefraktem CRPS und Radikulopathie diskutiert [2].

Neue Kinder-Leitlinie: Ein Meilenstein (März 2026)

Die S2k-Leitlinie „Stationäre IMST bei Kindern und Jugendlichen“ (AWMF 145-006, März 2026) setzt erstmals Mindeststandards für Diagnostik, Team-Zusammensetzung (Pädiatrie, Schmerzpsychologie, Physio- und Ergotherapie) und Nachsorge. „Chronische Schmerzen im Kindes- und Jugendalter werden systematisch unterschätzt und unterbehandelt“, sagte Prof. Boris Zernikow, Gründer des Deutschen Kinderschmerzzentrums Datteln, zur Veröffentlichung.

Opioide: Wirksam, aber nicht für alle

Opioide sind bei Tumorschmerz und neuropathischen Schmerzformen gut belegt. Bei chronischen Rückenschmerzen und Fibromyalgie fehlt die Evidenz für Langzeitnutzen bei realen Risiken (Toleranz, Abhängigkeit, Opioid-induzierte Hyperalgesie). Die überarbeitete LONTS-Leitlinie (in Überarbeitung 2026) wird die Indikationsstellung voraussichtlich verschärfen. Deutschland gehört zu den Top-5-Opioidverbrauchsländern Europas. Cannabinoide zeigen bei einzelnen Schmerzformen Wirksamkeit, aber mit starker individueller Variabilität.

Selbstmanagement und Versorgung

Schmerztagebücher (NRS 0–10, Lokalisation, Auslöser) verbessern Selbstwirksamkeit. Zugelassene DiGAs wie Vivira (Rückenschmerz) unterstützen aktives Bewegungsprogramm. Eine frühe Überweisung an eine interdisziplinäre Schmerzambulanz – idealerweise vor dem dritten Chronifizierungsmonat – verbessert die Langzeitprognose erheblich.

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Quellen: [1] AWMF S3-Leitlinie Chronischer nicht-tumorbedingter Schmerz: https://www.schmerzgesellschaft.de/topnavi/patienteninformationen/leitlinien-zur-schmerzbehandlung | [2] DGS Innovationsforum 2025 Neuromodulation: https://www.dgschmerzmedizin.de/news/dgs-pressemitteilungen/detail/news/kongressnews-innovationsforum-der-dgs-2025/ | AWMF S2k-Leitlinie IMST Kinder März 2026: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/145-006 | Deutsches Gesundheitsportal 24.03.2026: https://www.deutschesgesundheitsportal.de/2026/03/24/intensive-schmerztherapie-bei-kindern-neue-leitlinie-garantiert-hohe-behandlungsqualitaet/

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