DiGA per eRezept: Hamburger Pilot zeigt 12,6 Prozent Erfolgsquote
Nur 15 von 119 ausgestellten DiGA-eRezepten wurden vollständig digital eingelöst. Der SVDGV empfiehlt, den bundesweiten Rollout zu pausieren.
Von 119 ausgestellten Rezepten wurden gerade einmal 15 vollständig digital eingelöst. Das sind 12,6 Prozent. Diese Zahl stammt aus einem Pilotprojekt, das von Mai bis September 2025 in Hamburg getestet hat, wie Digitale Gesundheitsanwendungen — kurz DiGA — künftig per elektronischem Rezept verordnet werden sollen. Das Ergebnis ist ernüchternd. Der Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung (SVDGV) empfiehlt jetzt, den geplanten bundesweiten Rollout zu pausieren und den Einlöseprozess grundlegend zu überarbeiten.
Was beim Hamburger Pilot schiefging
Das elektronische Rezept, kurz eRezept, ist für klassische Arzneimittel in Deutschland seit 2024 Pflicht. Die Idee, diesen Kanal auch für DiGA zu nutzen, ist naheliegend: Der Arzt stellt digital aus, die Krankenkasse genehmigt elektronisch, der Patient löst per App oder Apotheke ein. In der Theorie ein reibungsloser Ablauf. In der Praxis scheiterte er im Hamburger Pilotprojekt an nahezu jedem Schritt.
Laut Auswertung des SVDGV — der Branchenverband, dem die meisten DiGA-Hersteller angehören — wurde ein Großteil der 119 ausgestellten eRezepte entweder nicht gefunden, nicht erkannt oder durch technische Inkompatibilitäten zwischen Praxissystemen und Kassensoftware blockiert. Nur in 15 Fällen lief der Prozess so ab, wie er geplant war: DiGA-eRezept ausgestellt, digital übermittelt, elektronisch eingelöst. In allen anderen Fällen mussten Patienten auf den klassischen Weg ausweichen oder gaben auf.
Besonders problematisch: Viele Ärzte und Patienten wussten gar nicht, dass ein DiGA-eRezept scheitert — die Fehlermeldungen im System sind nicht nutzerfreundlich formuliert. Wer nicht aktiv nachfragte, merkte erst Wochen später beim Blick in die Krankenkassen-App, dass die DiGA nie freigeschaltet wurde, berichtet Apotheke Adhoc.
Was DiGA sind und warum der Verordnungsweg wichtig ist
DiGA sind vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zugelassene Apps und Softwareprodukte, die als Medizinprodukt auf Rezept verordnet werden können. Kassenärztlich ist die Verordnung seit 2020 möglich. Bekannte Beispiele sind die Rücken-App Kaia Health, die Tinnitus-App Kalmeda oder die Schlafstörungsanwendung Somnio. Patienten erhalten die App für zwölf Wochen auf Kassenkosten — ohne Eigenanteil.
Damit das System funktioniert, muss der Weg von der Arztpraxis zur App möglichst reibungslos sein. Schon heute ist der klassische DiGA-Verordnungsprozess — Papierrezept oder manueller Code — für viele Ärzte eine bürokratische Hürde. Das eRezept sollte diese Hürde senken. Stattdessen hat der Hamburger Pilot gezeigt: Die Hürde bleibt, sie hat nur eine andere Form bekommen.
DiGAV-Novelle bringt höhere Vergütung — aber auch mehr Anforderungen
Parallel zum gescheiterten Pilotprojekt ist seit dem 1. Februar 2026 die überarbeitete Digitale-Gesundheitsanwendungen-Verordnung (DiGAV) in Kraft. Laut MGO Medizin markiert die Novelle einen Paradigmenwechsel: DiGA werden künftig nicht mehr allein auf Basis klinischer Studien zugelassen, sondern müssen auch in der realen Versorgung kontinuierlich belegen, dass sie wirken — durch sogenannte Real-Life-Evidenz.
Seit dem 1. Januar 2026 werden neue DiGA dauerhaft ins BfArM-Verzeichnis aufgenommen, sofern sie die Anforderungen erfüllen. Bisher galt häufig eine vorläufige Aufnahme für zwölf Monate, in denen der Hersteller Wirksamkeitsnachweise nachliefern musste. Diese Übergangsphase entfällt. Wer ins Verzeichnis kommt, bleibt drin — solange die Datenlage stimmt.
Für Ärzte gibt es seit dem Jahresanfang eine höhere Vergütung für DiGA-Verordnungen. Wie hoch die Anpassung ausfällt, hängt von der jeweiligen DiGA und dem Abrechnungskontext ab. Die KBV hat die entsprechenden EBM-Positionen überarbeitet. Für Hausärzte ist das ein kleiner Anreiz, DiGA aktiver in Gespräche einzubringen — sofern der Verordnungsprozess nicht mehr Aufwand erzeugt als er einbringt.
Was jetzt folgen muss
Der SVDGV hat konkrete Forderungen: Der DiGA-eRezept-Rollout soll so lange ausgesetzt werden, bis die technischen Schnittstellen zwischen Arztpraxissystemen, Kassensoftware und der Gematik-Infrastruktur zuverlässig funktionieren. Außerdem braucht es klare Fehlermeldungen — damit Arzt und Patient sofort sehen, wenn eine Verordnung nicht durchgekommen ist.
Die Gematik, die als nationale Agentur für digitale Medizin den technischen Betrieb der eRezept-Infrastruktur verantwortet, hat sich zu den Pilotdaten noch nicht öffentlich geäußert. Das Bundesgesundheitsministerium hat die DiGAV-Novelle zwar in Kraft gesetzt — ob der eRezept-Rollout dennoch wie geplant bundesweit ausgerollt wird, ist offen.
Für Patienten, die eine DiGA verordnet bekommen wollen, bleibt vorerst der klassische Weg die sicherere Option: Der Arzt stellt einen Freischaltcode aus, den der Patient direkt beim Hersteller einlöst. Manche Kassen ermöglichen auch eine Direktbeantragung ohne Arzt — für DiGA, die auf einer Positivliste stehen. Welcher Weg im Einzelfall möglich ist, hängt von der jeweiligen DiGA und der Krankenkasse ab.
Häufige Fragen
Was ist ein DiGA-eRezept?
Ein DiGA-eRezept ist ein elektronisches Rezept, mit dem ein Arzt eine Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) verordnet. Der Patient kann die DiGA damit direkt bei der Krankenkasse oder über eine Apotheken-App einlösen, ohne einen Papiercode zu benötigen.
Warum hat der Hamburger Pilot so schlecht abgeschnitten?
Technische Inkompatibilitäten zwischen Praxissoftware, Kassensystemen und der Gematik-Infrastruktur sorgten dafür, dass die meisten eRezepte nicht korrekt verarbeitet wurden. Zudem fehlten verständliche Fehlermeldungen für Ärzte und Patienten.
Was ändert sich durch die DiGAV-Novelle ab Februar 2026?
DiGA werden jetzt permanent ins BfArM-Verzeichnis aufgenommen, wenn sie die Zulassungsanforderungen erfüllen. Außerdem müssen Hersteller ihre Wirksamkeit laufend mit Real-Life-Daten belegen. Ärzte erhalten eine höhere Vergütung für DiGA-Verordnungen.
Wie verordnet mir mein Arzt trotzdem eine DiGA?
Ihr Arzt kann die DiGA weiterhin über einen Freischaltcode verordnen — das ist der klassische Weg, der unabhängig vom eRezept funktioniert. Der Code wird direkt beim DiGA-Hersteller eingelöst.