Wer verdient womit – und warum viele DiGAs scheitern
Vier DiGA-Insolvenzen, ein $285M-Exit, und ein Preissystem, das den schwächsten Herstellern den Boden entzieht. Wie der DiGA-Markt wirtschaftlich wirklich funktioniert.
Kapitel 4 von 6 – Serie: Gesundheits-Apps auf Rezept
Der DiGA-Markt klingt nach Zukunft: staatliche Erstattung, 73 Millionen potenzielle Nutzer, ein einzigartiges regulatorisches Fenster. Die Realität für die meisten Hersteller ist komplizierter. Vier Insolvenzen, mehrere Übernahmen, und ein Preissystem, das die schwächsten Anbieter systematisch herausselektiert.
Das Erlösmodell: Zwei Phasen, ein Bruch
Im ersten Jahr kann jeder DiGA-Hersteller seinen Preis frei festlegen. Im zweiten Jahr folgt die GKV-Preisverhandlung – und der Preis bricht im Schnitt um 59 Prozent ein. Wer nach dem ersten Jahr nicht genug Reserve aufgebaut hat, verliert seinen Betrieb.
aidhere GmbH ist das Paradebeispiel. Die Hamburger Firma hatte zanadio – eine DiGA gegen Adipositas – zu 499 Euro pro Quartal gelistet. Nach der Schiedsstelle wurde der Preis auf 218 Euro festgesetzt. Die Cash-Lücke war zu groß. Im Mai 2023 meldete aidhere Insolvenz an. Das Team von 150 Mitarbeitern übernahm der isländische Anbieter Sidekick Health. [1]
Der Fall aidhere illustriert das strukturelle Dilemma: Wer mit einem hohen Herstellerpreis in den Markt einsteigt, geht ein Kalkulationsrisiko ein, das sich erst 13 Monate später materialisiert.
Insolvenzen und Exits: Eine Chronik
FirmaDiGAEreignisDatumAusgang Newsenselab GmbHM-sense MigräneInsolvenzJuli 2022Erste bekannte DiGA-Insolvenz aidhere GmbHzanadioInsolvenzMai 2023Team + App → Sidekick Health Cara Care GmbHCara CareInsolvenz2024Details öffentlich begrenzt Nicht öffentlich–InsolvenzFeb 2025GKV-Rückzahlungsforderung >10 Mio. € [2]Vier Insolvenzen in fünf Jahren – plus mehrere Unternehmen, die ihre DiGA freiwillig vom Markt genommen haben, bevor es zur Insolvenz kam (MindDoc, unter anderem).
Die Gegenseite: Drei Gewinner
Nicht alle haben verloren. Der bedeutendste Exit des DiGA-Markts ist Kaia Health: Die Münchner Firma hatte mit ViViRA eine führende DiGA gegen Rückenschmerzen entwickelt. Im Januar 2026 wurde Kaia für 285 Millionen Dollar von Sword Health übernommen – dem größten DiGA-Exit in der Geschichte des deutschen Markts. [3]
Kalmeda, die Tinnitus-DiGA von Sonormed, wurde 2025 von InfectoPharm übernommen – einem mittelständischen Pharmaunternehmen. Dieser Exit repräsentiert ein Muster, das sich im Markt mehrt: Pharma kauft DiGAs nicht mehr, um in Digitalgesundheit zu investieren, sondern um einen seriösen, GKV-erstatteten Zugangspunkt zu einer Patientengruppe zu sichern. [4]
HelloBetter hat eine andere Strategie gewählt: sechs DiGAs im Portfolio, mehr als 31 Millionen Euro Finanzierung, Expansion nach Frankreich über Mutuelles Impact. Risikostreuung statt Singles-Wette. [5]
Warum Ärzte nicht verordnen – und was das für den Vertrieb bedeutet
87 Prozent der DiGA-Verordnungen laufen über Ärzte. Wer also DiGA verkaufen will, muss Ärzte erreichen. Das ist aufwändiger als App-Marketing.
Laut einer Umfrage des Deutschen Arzt-Portals haben 2025 rund zwei Drittel der Ärzte bereits mindestens eine DiGA verordnet – eine erhebliche Verbesserung gegenüber den etwa zwei Prozent aus dem Jahr 2021. [6] Aber das Bild trügt: Die Befragten sind Newsletter-Abonnenten eines digitalen Fachmediums – also überdurchschnittlich technologieaffin. Die Dunkelziffer nicht-verordnender Ärzte ist höher.
Die Hindernisse sind bekannt: schlechte Produktkenntnis, fehlender Verordnungsreflex, kein Patientenfeedback, rechtliche Unsicherheit.
Ein Gerichtsurteil hat die Lage zusätzlich kompliziert: Das OLG Brandenburg untersagte 2025 einem Adipositas-DiGA-Hersteller, vorausgefüllte Faxanträge an Ärzte zu senden. Das gilt als unzulässige Werbung. [7]
Das Vertriebsgeheimnis der erfolgreichen DiGAs
Die drei kommerziell erfolgreichsten DiGAs – ViViRA, deprexis, Kalmeda – haben eines gemeinsam: Pharma-Partnerschaften. Kalmeda nutzt den HNO-Außendienst von Pohl-Boskamp. HelloBetter kooperiert mit Ratiopharm für den Ärzte-Zugang. ViViRA war im Physiotherapeutennetzwerk präsent. [5]
Eigener Arzt-Außendienst kostet 400.000 Euro und mehr pro Jahr. Pharmapartner bringen bestehende Vertrauensbeziehungen zu Tausenden von Praxen – ohne Aufbauinvestment. Für kapitaleffiziente DiGA-Startups ist das kein Nice-to-have, sondern oft die einzige skalierbare Option.
Die Rückzahlungsproblematik
Der AbEM-Mechanismus (seit Februar 2026) schafft ein neues Liquiditätsrisiko: DiGAs, die ihren Wirksamkeitsnachweis im laufenden Betrieb nicht erbringen, müssen retrospektiv Anteile des Vergütungsbetrags zurückzahlen. Der GKV-Spitzenverband hat das kumulierte Rückzahlungsrisiko aus bereits gestrichenen oder insolvent gegangenen DiGAs auf rund 20 Millionen Euro geschätzt. [8]
Für kleine Hersteller ist das eine Bedrohung, die frühere Business-Cases obsolet macht. Wer noch 2021 mit einem DiGA-Business-Plan gerechnet hat, muss diesen heute neu kalibrieren.
→ Kapitel 5: Politik und Zukunft – was AbEM, EHDS und der Koalitionsvertrag für den DiGA-Markt bedeuten
Die Serie: Gesundheits-Apps auf Rezept – Wer wirklich profitiert
- Kapitel 1: Wie Deutschland die Gesundheits-App auf Rezept erfand
- Kapitel 2: 59 Apps, 401 Millionen Euro – der DiGA-Markt in Zahlen
- Kapitel 3: Hilft das wirklich? Was die Studien über DiGAs sagen
- Kapitel 4: Wer verdient womit – und warum viele DiGAs scheitern
- Kapitel 5: Was kommt als Nächstes – DiGA-Politik, AbEM und Europa
- Kapitel 6: Wer wirklich profitiert – die Bilanz
Quellenverzeichnis
[1] aidhere GmbH Insolvenz: LifeScienceNord, Ärzteblatt (Mai 2023)
[2] Taylor Wessing / HealthcareHeads – DiGA-Insolvenz Feb 2025
[3] Kaia Health / Sword Health Akquisition $285M: sifted.eu, healthcareitnews.com (Januar 2026)
[4] Sonormed / InfectoPharm Übernahme: healthcare-digital.de (2025)
[5] HelloBetter – Funding + Frankreich-Expansion: crunchbase.com, Mutuelles Impact (2025)
[6] DeutschesArztPortal – Umfrage DiGA-Verordnung 2025, n=203
[7] OLG Brandenburg, Az. 6 U 130/24 (2025) – DiGA-Werbung
[8] GKV-Spitzenverband – DiGA-Bericht 2025; GKV-SV Rückzahlungsschätzung
→ Alle DiGAs im Überblick: Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) – alle zugelassenen Apps auf Rezept in der Bestes-Datenbank.