59 Apps, 401 Millionen Euro – der DiGA-Markt in Zahlen
Von 65.000 auf 695.000 Freischaltcodes in vier Jahren: Was der DiGA-Markt wirklich kostet, warum der Preis im zweiten Jahr einbricht und wie konzentriert der Markt ist.
Kapitel 2 von 6 – Serie: Gesundheits-Apps auf Rezept
Wer heute das BfArM-Verzeichnis aufruft, findet 59 zugelassene Gesundheits-Apps auf Rezept. 50 davon sind dauerhaft gelistet, 9 befinden sich noch in der Erprobungsphase. Seit 2020 wurden insgesamt rund 72 DiGAs aufgenommen – etwa 15 bis 16 wurden wieder gestrichen. [1]
Was auf den ersten Blick wie ein überschaubarer Markt aussieht, hat in fünf Jahren eine beachtliche finanzielle Dimension erreicht.
Das Geld: 401 Millionen Euro in fünf Jahren
Zwischen September 2020 und Dezember 2025 haben die gesetzlichen Krankenkassen rund 401 Millionen Euro für DiGA-Verordnungen ausgegeben – kumuliert über alle Kassen und alle Apps. Allein 2025 waren es 171 Millionen Euro, mehr als achtmal so viel wie 2021 (20 Millionen Euro). Die Wachstumskurve ist steil. [2]
Die Zahl der ausgegebenen Freischaltcodes entwickelte sich parallel:
JahrFreischaltcodesGKV-Ausgaben 2021~65.00020 Mio. € 2022~145.00060 Mio. € 2023~229.00064 Mio. € 2024~427.000106 Mio. € 2025~695.000171 Mio. €Quelle: GKV-SV DiGA-Bericht 2025 [2]
Das Preissystem: Zwei Welten
DiGAs haben ein ungewöhnliches Preismodell. Im ersten Jahr kann jeder Hersteller seinen Preis frei setzen. Das Ergebnis ist eine Preisspanne, die von 119 bis 2.077 Euro pro Dreimonatsverordnung reicht – bei einem Durchschnitt von rund 544 Euro. [3]
Ab dem 13. Monat beginnt die GKV-Verhandlung. Krankenkassen und Hersteller einigen sich auf einen Vergütungsbetrag. Können sie sich nicht einigen, entscheidet eine Schiedsstelle. Das Ergebnis: Der durchschnittliche verhandelte Preis liegt bei 221 bis 227 Euro – rund 59 Prozent unter dem Herstellererstpreis. Das Landessozialgerricht Brandenburg hat 2025 bestätigt, dass die Schiedsstelle Preise verbindlich festsetzen darf. [4]
Bis Ende 2024 wurden 33 solcher Vergütungsbeträge verhandelt oder festgesetzt.
Wo die DiGAs sind: Psyche dominiert
Mehr als die Hälfte aller gelisteten DiGAs – 31 von 59 – sind Anwendungen für psychische Erkrankungen. Das ist kein Zufall: Die Wartezeiten auf Psychotherapieplätze in Deutschland betragen mehrere Monate. DiGAs füllen eine strukturelle Versorgungslücke.
IndikationsgebietAnzahl DiGAs Psyche (Depression, Angst, Schlaf)31 (53%) Muskeln, Knochen, Gelenke7 (12%) Urogenitalsystem6 (10%) Stoffwechsel5 (8%) Nervensystem3 (5%) Sonstige7 (12%)Quelle: diga-verzeichnis.de, Stand April 2026 [1]
Wie viele Codes werden wirklich genutzt?
Nicht jeder ausgegebene Freischaltcode wird auch eingelöst. Die Aktivierungsrate liegt laut GKV-Spitzenverband bei 81 Prozent – das heißt, fast jeder fünfte Code wird nie benutzt. [2] Mögliche Gründe: vergessene Codes, spontane Besserung der Erkrankung, technische Hürden beim Einlösen.
Von denen, die aktivieren, brechen mehr als ein Drittel die Nutzung vorzeitig ab (BARMER Arztreport 2024). Das bedeutet: Nur etwa 54 von 100 Verordnungen enden mit einer vollständig durchgeführten DiGA-Therapie.
Rechnet man diese Nutzungsquoten gegen die Gesamtkosten durch, kommt man auf rund 461 Euro pro vollständig genutzter Verordnung über den gesamten Zeitraum von 2020 bis 2025. [5]
Zum Vergleich: Was kostet das anderswo?
Ein kurzer Physiotherapiekurs (10 Sitzungen) kostet die GKV etwa 400 bis 600 Euro. Eine ambulante Psychotherapiesitzung liegt bei rund 100 bis 120 Euro – der GKV-Anteil für eine Kurzzeittherapie (12 Sitzungen) bei rund 1.200 bis 1.500 Euro. Die DiGA liegt also im Bereich ähnlicher Therapieformen. Die Frage ist, ob sie ähnlichen Nutzen bringt – dazu Kapitel 3.
Das Marktproblem: Konzentration
Die Verordnungen verteilen sich sehr ungleich. Nach TK-Daten aus 2023 entfallen auf die sechs meistverordneten DiGAs rund 61 Prozent aller Verordnungen. [6] Die restlichen 50-plus DiGAs teilen sich 39 Prozent des Marktes.
Das bedeutet konkret: Die sechs führenden DiGAs könnten nach eigener Berechnung einen Jahresumsatz von je rund 17 Millionen Euro erzielen. Die durchschnittliche DiGA außerhalb der Top-6 kommt auf geschätzte 1,3 Millionen Euro – ein Bruchteil der Entwicklungskosten von zwei bis sechs Millionen Euro. [5]
Für die meisten DiGAs ist der Markt damit strukturell schwierig. Die Zahlen hinter den netten App-Screenshots sind weniger komfortabel, als sie aussehen.
→ Kapitel 3: Klinische Evidenz – welche Apps wirklich helfen und warum das so schwer zu messen ist
Die Serie: Gesundheits-Apps auf Rezept – Wer wirklich profitiert
- Kapitel 1: Wie Deutschland die Gesundheits-App auf Rezept erfand
- Kapitel 2: 59 Apps, 401 Millionen Euro – der DiGA-Markt in Zahlen
- Kapitel 3: Hilft das wirklich? Was die Studien über DiGAs sagen
- Kapitel 4: Wer verdient womit – und warum viele DiGAs scheitern
- Kapitel 5: Was kommt als Nächstes – DiGA-Politik, AbEM und Europa
- Kapitel 6: Wer wirklich profitiert – die Bilanz
Quellenverzeichnis
[1] diga-verzeichnis.de – DiGA-Verzeichnis Übersicht (April 2026)
[2] GKV-Spitzenverband – DiGA-Bericht 2025 (Dezember 2025)
[3] GKV-Spitzenverband – Analyse Herstellerpreise 2025
[4] LSG Brandenburg, Az. (2025); gelbe-liste.de – Vergütungsbeträge (April 2026)
[5] Eigene Berechnungen auf Basis GKV-SV Bericht 2025; BARMER Arztreport 2024
[6] Techniker Krankenkasse – DiGA-Marktdaten 2023
→ Alle DiGAs im Überblick: Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) – alle zugelassenen Apps auf Rezept in der Bestes-Datenbank.