Von Redaktion

Schlaf ist mehr als Erholung – Forscher fordern globales Umdenken

Forschungszentrum Jülich fordert: Schlaf muss globale Gesundheitspriorität werden. Schlafmangel kostet Wirtschaft 680 Mrd. Dollar jährlich.

Schlechter Schlaf macht krank – das ist seit Jahren bekannt. Doch ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung des Forschungszentrums Jülich geht jetzt einen entscheidenden Schritt weiter: In einem Perspektivartikel im Fachjournal Cell Reports Medicine fordern die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Schlaf als globale Gesundheitspriorität zu behandeln – vergleichbar mit dem Klimawandel oder der Pandemievorsorge. Ihr Konzept heißt „One Sleep Health".

Was steckt hinter „One Sleep Health"?

Das neue Konzept erweitert das bekannte „One Health"-Prinzip, das die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt gemeinsam betrachtet, um eine bislang vernachlässigte Dimension: den Schlaf. Denn viele Faktoren, die Menschen nachts wachhaltent – steigendes Lärm, künstliches Licht, Hitzewellen – beeinflussen auch den biologischen Rhythmus von Tieren. Und umgekehrt: gestörte Schlafmuster in der Tierwelt wirken sich auf ganze Ökosysteme aus.

„Schlaf ist keine private Nebensache, sondern eine zentrale Voraussetzung für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und gesellschaftliche Resilienz", sagt Dr. Masoud Tahmasian vom Institut für Neurowissenschaften und Medizin (INM-7) am Forschungszentrum Jülich und Erstautor der Studie. „Unsere moderne Umwelt entfernt sich jedoch zunehmend von den Bedingungen, unter denen gesunder Schlaf möglich ist."

Eine „stille Epidemie" – mit enormen Folgekosten

Die Zahlen sind alarmierend: Weltweit leidet etwa ein Drittel der Bevölkerung unter Schlafproblemen oder ernsthaften Schlafstörungen. Die wirtschaftlichen Schäden durch schlechten Schlaf – durch Krankheitsausfälle, sinkende Produktivität und höhere Gesundheitskosten – beziffert eine im Artikel zitierte internationale Analyse auf bis zu 680 Milliarden US-Dollar pro Jahr in fünf großen Industrieländern.

Doch die Forscher sprechen nicht nur von wirtschaftlichen Verlusten. Sie sehen die schlechte Schlafgesundheit als „stille Epidemie", die sich schleichend ausbreitet – und die bisher kaum als gesellschaftliches Problem wahrgenommen wird.

Was unseren Schlaf zerstört – das „Exposom"

Das Autorenteam beschreibt ein komplexes Geflecht von Faktoren, das Schlafschwierigkeiten verursacht – das sogenannte Exposom, also die Gesamtheit aller Umwelt- und Lebenseinflüsse, denen ein Mensch ausgesetzt ist. Drei Bereiche spielen eine zentrale Rolle:

Physisches Exposom: Der Klimawandel erhöht die Nachttemperaturen. Prognosen zufolge könnten Menschen bis Ende des Jahrhunderts jährlich 50 bis 58 Stunden Schlaf durch wärmere Nächte verlieren. Hinzu kommen Lärm- und Lichtverschmutzung in Städten.

Soziales Exposom: Schichtarbeit, ständige digitale Erreichbarkeit und soziale Ungleichheit – wer wenig verdient, schläft im Schnitt schlechter.

Lebensstil-Exposom: Dauerstress, Bewegungsmangel, ungünstige Ernährung sowie Alkohol- und Koffeinkonsum stören den Schlaf zusätzlich.

Was Schlafmangel mit dem Körper macht

Die gesundheitlichen Folgen reichen weit über Müdigkeit hinaus. Wissenschaftliche Studien, die im Artikel zusammengefasst werden, zeigen klare Zusammenhänge zwischen schlechtem Schlaf und ernsthaften Erkrankungen: Herz-Kreislauf-Leiden, Typ-2-Diabetes, Depressionen, Angststörungen, chronische Entzündungen und neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer werden alle mit dauerhaftem Schlafmangel in Verbindung gebracht.

Anders ausgedrückt: Wer langfristig zu wenig oder zu schlecht schläft, riskiert nicht nur Erschöpfung – sondern auch schwere Folgeerkrankungen.

Klimawandel als Schlafkiller

Ein besonders alarmierender Befund betrifft den Klimawandel: Wärmere Nächte machen es schwerer einzuschlafen und durchzuschlafen. Unser Körper braucht einen leichten Temperaturabfall in der Umgebung, um in den Tiefschlaf zu finden. Wenn die Außentemperatur zu hoch bleibt, funktioniert dieser natürliche Mechanismus nicht richtig.

Hochrechnungen im Artikel zufolge könnte dieser Effekt bis Ende des 21. Jahrhunderts pro Person und Jahr zu einem Verlust von 50 bis 58 Stunden Schlaf führen – allein durch steigende Nachttemperaturen. Das entspricht mehr als zwei vollen Schlafnächten pro Monat weniger. Für Menschen in Städten, wo die sogenannte Wärmeinsel-Wirkung Nächte noch heißer macht als auf dem Land, dürfte das Problem noch größer sein.

Schlaf und das Gehirn: Was in der Nacht passiert

Warum ist Schlaf so wichtig? Während wir schlafen, laufen im Körper lebenswichtige Prozesse ab. Das Gehirn sortiert Eindrücke des Tages, festigt Erinnerungen und räumt Abfallstoffe weg – darunter Proteine wie Beta-Amyloid, die sich bei Alzheimer im Gehirn ablagern. Das Immunsystem regeneriert sich, Wunden heilen schneller, Hormone werden ausgeschüttet.

Fehlt dieser Schlaf dauerhaft, geraten all diese Prozesse aus dem Takt. Das Risiko für Bluthochdruck steigt, der Blutzucker reguliert sich schlechter, Stimmung und Konzentration leiden. Langfristiger Schlafentzug ist daher kein harmloses Wohlbefindensthema, sondern ein ernsthaftes medizinisches Risiko.

Was die Forschenden jetzt fordern

Das Autorenteam fordert ein grundlegendes Umdenken in Gesundheitspolitik, Stadtplanung und Bildung. Konkret schlagen sie vor:

  • Schlafaufklärung in Schulen und Arbeitswelt als fester Bestandteil der Prävention
  • Schlaffreundlichere Arbeitszeiten – weniger Schicht- und Nachtarbeit wo möglich
  • Reduzierung von Licht- und Lärmverschmutzung in Städten durch Bauvorschriften
  • Internationale Forschungsprogramme, die Schlaf, Klima, Umwelt und Tiergesundheit gemeinsam untersuchen

Sie sprechen dabei von „Sleep Capital" – dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Mehrwert, der durch ausreichend erholsamen Schlaf entsteht. Guter Schlaf ist demnach keine Frage der persönlichen Disziplin allein, sondern auch eine Frage der Umgebung, der Arbeitsbedingungen und politischer Entscheidungen.

„Wir brauchen eine globale Perspektive auf Schlafgesundheit", sagt Tahmasian. „Denn guter Schlaf entsteht nicht nur im Schlafzimmer, sondern wird auch durch unsere Städte, unsere Arbeitswelt und unsere Umwelt geprägt – und damit durch politische Entscheidungen."

Häufige Fragen

Wie viel Schlaf brauche ich als Erwachsener?

Die meisten Erwachsenen benötigen sieben bis neun Stunden pro Nacht. Wichtig ist dabei nicht nur die Dauer, sondern auch die Regelmäßigkeit: Wer täglich zur gleichen Zeit schläft und aufsteht, schläft erholsamer – auch wenn die Gesamtzeit etwas kürzer ist.

Was tun, wenn ich trotz ausreichend Zeit schlecht schlafe?

Erste Schritte: Bildschirme ab eine Stunde vor dem Schlafengehen meiden, das Schlafzimmer kühl und dunkel halten und feste Schlafzeiten etablieren. Bei anhaltenden Problemen über mehr als vier Wochen empfiehlt sich ein Gespräch mit der Hausärztin oder dem Hausarzt.

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