Kokain breitet sich aus: Deutschland und Frankreich starten Europäische Forschungsinitiative
570.000 Deutsche konsumieren Kokain – und es gibt kein Medikament dagegen. Deutschland und Frankreich starten jetzt eine europäische Initiative.
Am 9. Juli 2026 haben Deutschland und Frankreich gemeinsam eine europäische Initiative gestartet, die ein lange vernachlässigtes Problem der Suchtmedizin angehen soll: die Abhängigkeit von Kokain, Crack und anderen Psychostimulanzien. Zum Auftakt kamen auf Einladung der deutschen und französischen Drogenbeauftragten Vertreterinnen und Vertreter aus den Niederlanden, Belgien und der Schweiz sowie der Europäischen Kommission, der Weltgesundheitsorganisation, der Europäischen Drogen-Agentur und der Europäischen Arzneimittel-Agentur zusammen. Der Grund: Stimulanzienabhängigkeit nimmt in Europa rasant zu – und die Medizin hat darauf bisher keine gute Antwort.
Was hinter der Initiative steckt
Das erklärte Ziel der Initiative ist, bestehende Forschungsprojekte in Europa zu bündeln, gemeinsame Prioritäten festzulegen und europäische Studien besser zu koordinieren. Wissenschaftliche Erkenntnisse sollen schneller in die Versorgung von Patientinnen und Patienten einfließen. Bisher arbeiten die EU-Staaten in diesem Bereich weitgehend isoliert voneinander – mit der Folge, dass Ergebnisse langsamer entstehen und oft nicht grenzübergreifend genutzt werden.
Prof. Dr. Hendrik Streeck, Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen, hatte den dringenden Handlungsbedarf bereits im Vorfeld unterstrichen: „Kokain und Crack breiten sich seit mehr als einem Jahrzehnt in Deutschland aus. Kokain ist zunehmend gesellschaftlich akzeptiert – von der Club- und Partyszene bis in die Innenstädte kleinerer Kommunen. Crack als eine besonders schnell und stark abhängig machende Form von Kokain führt zudem zu schwerer Verelendung", so Streeck laut dem Datenportal des Bundesdrogenbeauftragten.
Die Zahlen: Kokain breitet sich aus
Der Epidemiologische Suchtsurvey 2024 zeigt, wie gravierend die Lage bereits ist. Laut Datenportal des Bundesdrogenbeauftragten haben im Jahr 2024 rund 570.000 der 18- bis 64-Jährigen in Deutschland Kokain oder Crack konsumiert – das entspricht 1,1 Prozent der Erwachsenen. Damit ist Kokain nach Cannabis die am häufigsten konsumierte illegale Substanz in Deutschland. Seit 2012 ist der Anteil der Konsumierenden um 37,5 Prozent gestiegen.
Die Folgen sind in den Krankenhäusern spürbar: Im Jahr 2024 mussten 1.152 Personen wegen einer akuten Vergiftung oder Intoxikation mit Kokain oder Crack stationär behandelt werden – viermal so viele wie noch im Jahr 2000. Bei anderen Stimulanzien wie Amphetamin („Speed") war der Anstieg noch drastischer: 2.184 Krankenhausaufenthalte im Jahr 2024, siebenmal mehr als vor 25 Jahren. Kokain spielte laut Bundeskriminalamt im Jahr 2024 bei 698 Drogentodesfällen eine Rolle, Amphetamin bei weiteren 504. Insgesamt waren Stimulanzien in mehr als der Hälfte aller drogenbedingten Todesfälle beteiligt.
Europaweit ist das Problem noch größer: Laut der Europäischen Drogen-Agentur (EUDA) gibt es in der EU rund vier Millionen Kokain-Konsumierende. Der illegale Kokainmarkt in der EU hatte laut Europol-Daten 2021 einen geschätzten Umsatz von rund 11,2 Milliarden Euro – ein Plus von 27 Prozent gegenüber 2019.
Das Kernproblem: Es gibt kein Medikament
Was die Situation von anderen Abhängigkeitserkrankungen unterscheidet: Für die Opioidabhängigkeit gibt es seit Jahrzehnten wirksame Substitutionsmittel wie Methadon oder Buprenorphin. Für Kokain- und Stimulanzienabhängigkeit existiert dagegen weltweit kein zugelassenes Medikament. Genau diese Lücke soll die neue europäische Initiative schließen helfen – indem koordinierte klinische Studien schneller zu konkreten Behandlungsoptionen führen.
Das Bundesgesundheitsministerium fördert bereits mehrere Forschungsprojekte in diesem Bereich, darunter das Projekt KOKAIN:prevent, das digitale Präventions- und Beratungsangebote für Kokainkonsumierende entwickelt. Die neue Kooperation mit Frankreich soll solche nationalen Ansätze auf eine europäische Ebene heben.
Was Betroffene und Angehörige jetzt tun können
Wer merkt, dass der eigene Konsum von Kokain, anderen Stimulanzien oder auch Nikotin schwer kontrollierbar wird, muss heute nicht auf ein neu zugelassenes Medikament warten. Psychotherapeutische Unterstützung und verhaltensbasierte Begleitung gelten als wirksamste Behandlungsform – und sind zunehmend digital zugänglich.
Apps wie HelloBetter bieten psychologisch fundierte Online-Kurse, die auch für suchtbezogene Belastungen und komorbide psychische Erkrankungen geeignet sind. Wer mit dem Rauchen aufhören möchte – oft ein erster Schritt zur Auseinandersetzung mit Abhängigkeitsmustern – findet mit Smoke Free eine wissenschaftlich fundierte App-Begleitung. NichtraucherHelden setzt auf ein strukturiertes Programm zur Raucherentwöhnung mit persönlicher Begleitung. Auf bestes.com gibt es eine Übersicht digitaler Gesundheitsangebote für Suchtbegleitung, psychische Gesundheit und Prävention.
Für eine professionelle Einschätzung ist der erste Weg die Hausarztpraxis oder eine Suchtberatungsstelle. Das Datenportal des Bundesdrogenbeauftragten unter datenportal.bundesdrogenbeauftragter.de bietet aktuelle Informationen zu Hilfsangeboten und Behandlungsmöglichkeiten.