Welche Medikamente bei Hitze gefährlich werden – und was Sie jetzt tun sollten: Die CALOR-Liste ist da
Neue CALOR-Liste (Uniklinik Köln, 29.6.2026): 27 Wirkstoffklassen werden bei Hitze gefährlich. Was Patienten wissen und fragen sollten.
Wer chronisch krank ist und täglich Medikamente nimmt, sollte im Sommer besonders aufpassen. Denn viele gängige Arzneimittel verändern bei großer Hitze ihre Wirkung – und können im schlimmsten Fall lebensgefährlich werden. Jetzt hat die Uniklinik Köln gemeinsam mit der Medizinischen Hochschule Hannover die CALOR-Liste veröffentlicht: eine evidenzbasierte Übersicht über hitzesensible Medikamente und konkrete Handlungsempfehlungen. Die finale Version für medizinisches Fachpersonal wurde am 29. Juni 2026 freigegeben.
Warum Hitze und Medikamente ein unterschätztes Problem sind
Zwischen 2018 und 2020 starben in Deutschland laut Robert Koch-Institut rund 20.000 Menschen an hitzebedingten Ursachen. Viele dieser Todesfälle betrafen ältere Menschen mit Vorerkrankungen – und damit Menschen, die täglich mehrere Medikamente einnehmen. Trotzdem passen laut Prof. Dr. Beate Müller, Leiterin des Instituts für Allgemeinmedizin der Universität zu Köln, nur 16 Prozent der Hausärzte in einer Hitzeperiode die Medikation ihrer Patienten aktiv an.
Das soll die CALOR-Liste ändern. CALOR ist Lateinisch für Hitze und steht für das gleichnamige Forschungsprojekt ADAPT-HEAT, gefördert vom G-BA Innovationsfonds. Über drei Jahre wurde analysiert, welche Wirkstoffe bei hohen Temperaturen problematisch werden – und wie Ärzte, Apotheken und Pflegepersonal reagieren sollten. Das Ergebnis: 27 Wirkstoffklassen und 71 konkrete Strategien, konsentiert in einer Delphi-Befragung mit über 30 Expertinnen und Experten.
Diese Medikamente sind bei Hitze besonders heikel
Hitze beeinflusst den Körper auf mehreren Ebenen gleichzeitig: Die Hautdurchblutung steigt, um Wärme abzugeben. Der Körper schwitzt stärker und verliert Flüssigkeit und Elektrolyte. Das Herz arbeitet schneller. Genau diese Mechanismen können dazu führen, dass Medikamente anders wirken als erwartet – oder gefährliche Wechselwirkungen mit der hitzebedingten Belastung eingehen.
Anticholinergika (z.B. Blasenmedikamente, manche Parkinson-Mittel, bestimmte Neuroleptika) unterdrücken die Schweißbildung. Der Körper kann sich dann bei Hitze nicht mehr ausreichend kühlen – mit dem Risiko eines gefährlichen Hitzestaus.
Entwässerungsmittel (Diuretika) und Abführmittel (Laxanzien) verstärken den ohnehin erhöhten Flüssigkeitsverlust im Sommer. Wer bei 35 Grad schwitzt und gleichzeitig ein Diuretikum nimmt, kann schnell gefährlich austrocknen.
ACE-Hemmer, die häufig bei Bluthochdruck und Herzinsuffizienz eingesetzt werden, können das Durstgefühl dämpfen. Das ist tückisch: Der Körper braucht Wasser, meldet aber keinen Durst.
Schmerzmittel wie Ibuprofen (sogenannte NSAR) belasten die Nieren – besonders dann, wenn der Körper durch Hitzeschwitzen bereits wenig Flüssigkeit zur Verfügung hat. Das Risiko für akute Nierenschäden steigt bei Hitze deutlich an.
Antihistaminika (Mittel gegen Allergien) machen bei manchen Menschen schläfrig. In Kombination mit der hitzebedingten Erschöpfung erhöht sich das Sturzrisiko – besonders gefährlich für ältere Menschen.
Pflasterpräparate (z.B. mit Fentanyl, Hormonen oder Parkinson-Wirkstoffen) setzen ihren Wirkstoff über die Haut frei. Bei Hitze erweitern sich die Blutgefäße in der Haut, die Durchblutung steigt – und damit auch die Aufnahmerate des Wirkstoffs. Eine zu schnelle Freisetzung kann zu Überdosierungen führen.
Stimulanzien wie Methylphenidat (z.B. bei ADHS) können die Thermoregulation bei Kindern beeinträchtigen, indem sie die Blutgefäße verengen und das Schwitzen reduzieren. Kinder vertragen Hitze ohnehin schlechter – hier ist besondere Vorsicht geboten.
Wer ist besonders gefährdet?
Nicht jeder, der Medikamente nimmt, trägt das gleiche Risiko. Besonders gefährdet sind Menschen mit mehreren chronischen Erkrankungen, die täglich mehr als drei oder vier verschiedene Arzneimittel einnehmen – in der Medizin als Polypharmazie bezeichnet. Ältere Menschen sind doppelt belastet: Ihr Körper regelt die Körpertemperatur weniger effizient, und sie haben häufiger Mehrfacherkrankungen.
Auch wer an Herzinsuffizienz, Nierenerkrankungen, Diabetes oder psychischen Erkrankungen leidet und entsprechende Medikamente nimmt, sollte in Hitzeperioden engmaschiger beobachtet werden – entweder durch die Hausarztpraxis oder durch die Apotheke.
Was Sie konkret tun können
Die CALOR-Liste ist derzeit für medizinisches Fachpersonal verfügbar – eine laienverständliche Version ist bis Ende 2026 geplant. Das heißt aber nicht, dass Sie als Patient untätig warten müssen.
- Fragen Sie beim nächsten Arzttermin aktiv nach: „Muss ich bei meinen Medikamenten im Sommer etwas beachten?" – laut Studienleiterin Prof. Müller ist das ein Gespräch, das zu selten geführt wird.
- Sprechen Sie Ihre Apotheke an: Apothekerinnen und Apotheker können prüfen, ob Ihre Medikamente hitzesensibel sind und praktische Hinweise geben – etwa zur Lagerung oder zur Einnahmezeit.
- Trinken Sie ausreichend – auch wenn Sie keinen Durst spüren: Bei einigen Medikamenten (z.B. ACE-Hemmern) ist das Durstgefühl gedämpft. Mindestens 2 Liter Wasser täglich sind bei Hitze empfohlen, sofern keine ärztliche Trinkmengeneinschränkung besteht.
- Niemals selbst die Dosis anpassen: Auch wenn ein Medikament bei Hitze problematisch erscheint – eine Dosisanpassung darf nur nach Rücksprache mit der Arztpraxis erfolgen.
- Pflaster bei Hitze überprüfen: Starke Sonnen- oder Körperhitze (z.B. nach dem Sport, beim Duschen) kann die Freisetzung von Pflasterwirkstoffen beschleunigen. Betroffene Pflasterregionen nicht direkt sonnenexponieren.
Häufige Fragen
Wie erkenne ich, ob mein Medikament zur CALOR-Liste gehört?
Die finale Fachliste ist unter allgemeinmedizin.uk-koeln.de für Ärzte abrufbar. Für Patientinnen und Patienten plant das ADAPT-HEAT-Team bis Ende 2026 eine laienverständliche Version sowie ein interaktives Webtool. Bis dahin: Apotheke oder Hausarzt fragen.
Gilt das nur für sehr alte Menschen?
Nein. Zwar sind ältere Menschen und Menschen mit Mehrfacherkrankungen am stärksten gefährdet, aber auch jüngere Patientinnen und Patienten mit bestimmten Medikamenten (z.B. Antihistaminika bei Allergie, Methylphenidat bei ADHS) sollten im Sommer aufmerksam sein.
Darf ich Ibuprofen bei Hitze gar nicht mehr nehmen?
Das CALOR-Projekt empfiehlt keine generellen Verbote, sondern situationsgerechte Anpassungen. Bei kurzzeitiger Einnahme kleiner Dosen und ausreichender Flüssigkeitszufuhr ist das Risiko überschaubar. Wer täglich Ibuprofen nimmt oder Nierenwerte hat, die ohnehin erhöht sind, sollte mit dem Arzt sprechen.
Einen Überblick über digitale Gesundheitsangebote und Medikamenten-Management-Tools findest du auf bestes.com.