Von Redaktion

Stressanfälligkeit: Neue Hirnforschung revidiert die Amygdala-Annahme

Eine Studie des ZI Mannheim in Nature Communications zeigt: Nicht die Amygdala entscheidet, warum manche Menschen stressanfälliger sind – andere Hirnnetzwerke sind entscheidend.

Warum geraten manche Menschen bei Stress sofort an ihre Grenzen, während andere unter denselben Bedingungen gelassen bleiben? Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim haben eine überraschende Antwort gefunden. Laut ihrer Studie, die am 14. Juli 2026 in Nature Communications erschienen ist, spielt die Amygdala dabei offenbar eine geringere Rolle als bislang angenommen. Stattdessen sind andere, weitverzweigte Hirnnetzwerke entscheidend. Die Erkenntnis könnte die Forschung zu Angst, Stress und psychischen Erkrankungen nachhaltig verändern.

Jahrzehntelang galt die Amygdala als Schlüssel zu Stress und Angst

Menschen unterscheiden sich stark darin, wie häufig und intensiv sie negative Gefühle erleben. Psychologinnen und Psychologen fassen diese Unterschiede unter dem Begriff Neurotizismus zusammen. Wer hoch auf Neurotizismus abschneidet, neigt zu Ängstlichkeit, depressiver Verstimmung und erhöhter Stressanfälligkeit. Das ist kein Charakterfehler, sondern ein gut messbares Persönlichkeitsmerkmal mit biologischen Grundlagen.

Als Hauptursache galt lange die Amygdala – eine mandelförmige Hirnstruktur tief im Schläfenlappen. Sie ist an der Verarbeitung von Emotionen, insbesondere von Angst und Bedrohungsreizen, beteiligt. Dutzende von Studien untersuchten, ob eine aktivere oder größere Amygdala erklären kann, warum manche Menschen anfälliger für negative Emotionen sind. Die Befunde blieben jedoch widersprüchlich.

„Die Amygdala wird seit vielen Jahren als zentrale Schaltstelle für negative Emotionalität betrachtet. Unsere Ergebnisse zeigen jedoch, dass sich diese Annahme in den bislang gebräuchlichen funktionellen MRT-Paradigmen nicht bestätigen lässt", sagt laut ZI-Mitteilung Dr. Maurizio Sicorello, Erstautor der Studie und wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZI.

Was die neue Studie mit über 400 Probanden zeigt

Die internationale Forschungsgruppe unter Leitung des ZI analysierte die Hirnaktivität von mehr als 400 Personen während emotionaler MRT-Aufgaben. Beteiligt waren neben dem ZI Mannheim das Dartmouth College, die University of Pittsburgh und die University of Michigan. Das Team kombinierte klassische neurobiologische Messungen mit modernen Machine-Learning-Verfahren und überprüfte seine Ergebnisse in einer zweiten, unabhängigen Stichprobe sowie in über 1.100 verschiedenen statistischen Modellvarianten.

Das Ergebnis war eindeutig: Neurotizismus als Ganzes ließ sich anhand der Hirnaktivität nicht zuverlässig vorhersagen. Aber die individuelle Anfälligkeit für Stress – eine spezifische Facette des Neurotizismus – konnte in begrenztem Umfang vorhergesagt werden. Und zwar nicht über die Amygdala, sondern über Hirnnetzwerke, die Informationen über den eigenen Körper verarbeiten, Bewegungsabläufe steuern und visuelle Reize integrieren.

Diese Netzwerke sind bisher kaum mit emotionaler Persönlichkeit in Verbindung gebracht worden. Ihr unerwarteter Einfluss deutet darauf hin, dass Stressanfälligkeit tiefer im Gehirn verwurzelt ist als in einer einzelnen Angstregion. Prof. Dr. Christian Schmahl, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatik am ZI, fasst es so zusammen: „Emotionale Persönlichkeitsmerkmale entstehen offenbar nicht in einzelnen Hirnregionen, sondern durch das Zusammenspiel verteilter Hirnnetzwerke."

Körper, Bewegung, Sehen – warum diese Netzwerke?

Auf den ersten Blick überrascht es, dass Hirnareale für Körperwahrnehmung und Bewegungssteuerung mit emotionaler Stressanfälligkeit zusammenhängen. Doch Neurowissenschaftlerinnen und -wissenschaftler diskutieren seit Jahren, dass Körpersignale eine größere Rolle bei Emotionen spielen als klassische Modelle annehmen. Herzklopfen, Atemanspannung, Muskelanspannung – der Körper reagiert auf Bedrohungen messbar, bevor wir uns bewusst ängstlich fühlen. Wer diese Signale intensiver wahrnimmt oder stärker gewichtet, könnte deshalb grundsätzlich stressanfälliger sein.

Die Studie liefert keinen abschließenden Beweis für diesen Zusammenhang, eröffnet aber eine neue Forschungsrichtung. Künftige Studien könnten gezielt untersuchen, ob Körperwahrnehmungstraining oder körperbezogene Therapieansätze bei hochneurotischen Personen wirksamer sind als klassische kognitiv-behaviorale Therapien. Für die Behandlung von Angststörungen, Depressionen und Burnout wäre das ein bedeutsamer Fortschritt.

Was das für gestresste Menschen heute bedeutet

Für Menschen, die sich dauerhaft stressanfällig fühlen, ändert die Studie zunächst nichts an den verfügbaren Behandlungsoptionen. Bewährte Ansätze wie kognitive Verhaltenstherapie, Achtsamkeit und Entspannungsverfahren bleiben wirksam. Was die Forschung jedoch klar zeigt: Stressanfälligkeit ist keine persönliche Schwäche, sondern hat neurobiologische Grundlagen. Das sollte den Mut senken, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Wer unter häufigem Stress, Angst oder emotionaler Erschöpfung leidet, kann niedrigschwellig mit digitalen Angeboten starten. 7Mind bietet geführte Achtsamkeits- und Stressreduktionsprogramme, die auch bei Einsteigerinnen und Einsteigern gut wirken. HelloBetter stellt von Krankenkassen erstattete Online-Kurse für Stress, Depression und Angst bereit, die nach kognitiv-behavioralen Prinzipien aufgebaut sind. MindDoc hilft als zertifizierte Digitale Gesundheitsanwendung dabei, Stimmungsschwankungen und Symptome über Zeit zu beobachten – das kann helfen, Muster zu erkennen und frühzeitig gegenzusteuern. Wer einen persönlichen Ansprechpartner sucht, findet bei Selfapy evidenzbasierte Online-Kurse mit psychologischer Begleitung. Weitere geprüfte Angebote für psychische Gesundheit gibt es auf bestes.com.

Häufige Fragen

Bin ich stressanfälliger als andere, weil meine Amygdala überaktiv ist?

Das ist nach aktuellem Forschungsstand nicht gesichert. Die ZI-Studie in Nature Communications zeigt, dass die Amygdala individuelle Unterschiede in der Stressanfälligkeit nicht zuverlässig erklärt. Andere, verteilte Hirnnetzwerke – insbesondere solche für Körperwahrnehmung und Bewegung – scheinen relevanter zu sein. Stressanfälligkeit hat also keine einzelne biologische „Ursache", sondern entsteht aus dem Zusammenspiel vieler Faktoren.

Kann man seine Stressanfälligkeit verändern?

Ja, das ist möglich – auch wenn Persönlichkeitsmerkmale wie Neurotizismus teilweise erblich bedingt sind. Psychotherapie, Achtsamkeitstraining und regelmäßige körperliche Aktivität können die Stressreaktion langfristig dämpfen. Die neue Studie legt nahe, dass körperbezogene Ansätze – also Verfahren, die bewusst auf Körperwahrnehmung abzielen wie Yoga, Biofeedback oder achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) – besonders vielversprechend sein könnten. Das wird in künftigen Studien genauer untersucht.

Wann sollte ich professionelle Hilfe suchen?

Wenn Stress, Angst oder negative Emotionen über Wochen anhalten, den Alltag beeinträchtigen oder mit Schlafproblemen, körperlichen Beschwerden oder Rückzug einhergehen, ist professionelle Unterstützung sinnvoll. Der erste Anlaufpunkt ist der Hausarzt, der eine Überweisung zum Psychotherapeuten ausstellen kann. Digitale Angebote wie HelloBetter oder Selfapy können überbrücken oder ergänzen. Auf bestes.com findest du geprüfte Angebote für mentale Gesundheit.

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