Jeder Fünfte stressbelastet: RKI-Studie zeigt, wer leidet – und welche Strategien wirklich helfen
Neue RKI-Daten: Rund 20 Prozent der Erwachsenen in Deutschland berichten erhöhten Stress. Besonders junge Frauen mit niedrigerem Bildungsabschluss sind betroffen. Die Studie zeigt auch, welche Bewältigungsstrategien wirklich helfen – und welche die Belastung sogar erhöhen.
Jeder fünfte Erwachsene in Deutschland leidet unter erhöhtem Stress – das zeigen neue, repräsentative Daten des Robert Koch-Instituts (RKI), die im Juni 2026 im Journal of Health Monitoring erschienen sind. Die bislang umfangreichste bevölkerungsweite Erhebung zu Stress und Bewältigungsstrategien in Deutschland macht deutlich: Stressbelastung ist ein Volksgesundheitsproblem mit klaren Risikogruppen und beeinflussbaren Faktoren.
Die Studie im Überblick
Datengrundlage war die Jahreserhebung 2024 der Studienreihe „Gesundheit in Deutschland" des RKI – einem repräsentativen Panel, das die deutschsprachige Bevölkerung in Privathaushalten kontinuierlich befragt. Für die Stressanalyse werteten die Forschenden die Antworten von 27.102 Personen zwischen 18 und 99 Jahren aus, darunter 51,1 Prozent Frauen. Stress wurde mit der Perceived Stress Scale (PSS-10) erfasst, einem validierten Fragebogen zum subjektiv wahrgenommenen Stresserleben. Bewältigungsstrategien – sogenanntes Coping – erhoben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit der Short Adult Coping Scale (SACS-16), einem vom RKI eigens entwickelten und validierten Kurzinstrument, das acht Coping-Strategien mit jeweils zwei Fragen erfasst.
Das Ergebnis: Rund 20 Prozent der Befragten – also etwa jede fünfte Person – wies eine erhöhte Stressbelastung auf. Dies war zugleich die erste reguläre, repräsentative Erhebung dieser Art auf nationaler Ebene. Bisherige Studien stammten meist von einzelnen Krankenkassen mit Stichprobengrößen zwischen 1.000 und 1.400 Personen; die RKI-Erhebung übertrifft diese um ein Vielfaches.
Wer besonders betroffen ist
Die Auswertung zeigt klare Unterschiede nach Geschlecht, Alter und Bildung. Frauen berichteten durchgängig von höherer Stressbelastung als Männer. Besonders betroffen waren außerdem Personen im erwerbsfähigen Alter sowie Menschen mit niedrigem oder mittlerem formalen Bildungsabschluss. Menschen mit höherer Bildung berichteten laut RKI-Panel systematisch geringeren Stress – ein Befund, der sich in zahlreichen europäischen Studien wiederholt und vermutlich auf mehr Ressourcen, Kontrollgefühl und flexible Arbeitsbedingungen zurückzuführen ist.
Der Alterseffekt folgt einem deutlichen Muster: Das höchste Stresserleben fand sich bei den 18- bis 29-Jährigen. Mit zunehmendem Alter nahm die berichtete Belastung bis zur Gruppe der 65- bis 79-Jährigen kontinuierlich ab. Dieser Rückgang ist bemerkenswert, da junge Erwachsene oft noch vergleichsweise wenig finanzielle Verpflichtungen haben. Forschende vermuten, dass berufliche Unsicherheit, Leistungsdruck und soziale Vergleiche – verstärkt durch dauerhafte Erreichbarkeit in sozialen Medien – bei dieser Altersgruppe eine besondere Rolle spielen.
Coping: Was wirklich hilft – und was schadet
Ein zentrales Ergebnis der Studie betrifft die Wirksamkeit verschiedener Bewältigungsstrategien. Nicht jede Methode hilft gleich gut – einige erhöhen die Stressbelastung sogar.
Als wirksam erwiesen sich drei Strategien besonders: Problemlösen (das aktive Angehen von Stressursachen), proaktives Coping (die Vorbereitung auf künftige Belastungen, bevor sie eintreten) sowie Coping-Flexibilität (die Fähigkeit, je nach Situation verschiedene Strategien einzusetzen, anstatt immer dieselbe Herangehensweise zu wählen). Personen, die diese Ansätze nutzten, berichteten im Regressionsmodell signifikant geringeres Stresserleben.
Dagegen waren zwei Strategien mit höherem Stresserleben assoziiert: Verdrängung und Wunschdenken. Wer Probleme ignoriert oder hofft, sie mögen sich von selbst lösen, verstärkt nach diesen Daten langfristig die eigene Belastung – statt sie zu reduzieren. Die am häufigsten eingesetzten Strategien im Panel waren übrigens Problemlösen, Beharrlichkeit und Coping-Flexibilität; Verdrängung und Wunschdenken wurden am seltensten angegeben.
Altersunterschiede beim Coping
Die Studie zeigt, dass die Wirksamkeit einzelner Coping-Strategien vom Alter abhängt. Bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 29 Jahren war proaktives Coping besonders stark mit geringerem Stress verbunden – eine Strategie, die Stressoren antizipiert, bevor sie eskalieren. Menschen zwischen 30 und 64 Jahren profitierten dagegen stärker von Coping-Flexibilität: Die Fähigkeit, in wechselnden Lebenslagen auf verschiedene Strategien zurückzugreifen, zeigte in dieser Altersgruppe einen besonders deutlichen schützenden Zusammenhang. Problemlösen war vor allem für die 45- bis 64-Jährigen mit geringerem Stress assoziiert.
Diese Befunde haben unmittelbare praktische Konsequenzen: Präventionsprogramme, die für alle Altersgruppen dieselbe Strategie empfehlen, können nicht optimal wirken. Zielgruppenspezifische Ansätze – proaktive Stressbewältigung für Jüngere, Flexibilitätstraining für Berufstätige in der Lebensmitte – erscheinen den Daten zufolge wirksamer.
Stress in Deutschland: Ein langfristiger Trend
Die neuen RKI-Daten reihen sich in einen beunruhigenden Langzeittrend ein. Laut dem Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse (TK) stieg der Anteil gestresster Menschen in Deutschland von 57 Prozent im Jahr 2013 auf 66 Prozent im Jahr 2025 – ein Anstieg von fast zehn Prozentpunkten in zwölf Jahren. Chronischer, dauerhaft wahrgenommener Stress gilt als besonders gesundheitsgefährdend: Er erhöht nach aktueller Studienlage das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, Depression und Angststörungen, beeinträchtigt das Immunsystem und geht mit höherer Mortalität einher.
Stress stellt damit nicht nur ein individuelles Problem dar, sondern belastet das Gesundheitssystem als Ganzes. Psychische Erkrankungen – zu denen stressbedingtes Burnout und Depression zählen – haben sich nach Angaben der gesetzlichen Krankenkassen zu einer der häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit entwickelt.
Was das für die Prävention bedeutet
Die Autorinnen und Autoren der Studie ziehen eine eindeutige Schlussfolgerung: Die Ergebnisse unterstreichen die Public-Health-Relevanz von Stress und weisen auf mögliche Ansatzpunkte für Präventionsmaßnahmen durch die Förderung geeigneter und zielgruppenspezifischer Coping-Strategien hin. Im Klartext: Präventionsprogramme, Betriebliche Gesundheitsförderung und digitale Gesundheitsangebote sollten gezielt Problemlösen, proaktives Handeln und Coping-Flexibilität schulen – und nicht allein auf Entspannungstechniken setzen, die Stress allenfalls kurzfristig lindern.
Das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit hat weiterführende Empfehlungen zur Stressbewältigung auf der RKI-Website unter dem Stichwort „Stress" veröffentlicht.
Für Einzelpersonen bedeuten die Daten: Wer langfristig Stress reduzieren möchte, kommt an der aktiven Auseinandersetzung mit Belastungsquellen nicht vorbei. Achtsamkeitsübungen und Entspannungstechniken können sinnvoll ergänzen – sie ersetzen aber nicht die Stärkung der eigenen Problemlösekompetenz und die Bereitschaft, Bewältigungsstrategien situativ anzupassen.