Von Redaktion

Mediensucht 2026: 1,5 Millionen Kinder betroffen – KI als neues Risiko

DAK-Studie 2026: 1,5 Mio. Kinder in Deutschland suchtgefährdet. KI-Chatbots als neues Risiko – jeder Dritte fühlt sich besser verstanden als von echten Menschen.

Soziale Medien, Streaming, Gaming – und jetzt auch KI-Chatbots: Laut einer neuen Studie von DAK-Gesundheit und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) sind in Deutschland hochgerechnet 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren von Mediensucht betroffen oder akut gefährdet. Die achte Erhebungswelle der Längsschnittstudie zeigt: Soziale Medien sind das größte Problem, aber Streaming und KI-Chatbots holen stark auf. Besonders alarmierend ist, dass fast acht Prozent der Minderjährigen KI-Anwendungen wie ChatGPT nutzen, um mit Einsamkeit umzugehen oder negative Gefühle zu verarbeiten.

Wie groß das Problem wirklich ist

Die Zahlen der OTTER-Studie (Observing Kids and Teens Technology Engagement and Risks) sind eindeutig: 21,5 Prozent der 10- bis 17-Jährigen nutzen soziale Medien auf eine riskante Weise – das entspricht rund 1,1 Millionen Kindern in Deutschland. Die Nutzung gilt dann als riskant, wenn sie zu Alltagsproblemen führt, aber noch keine vollständige Abhängigkeit vorliegt.

Weitere 6,6 Prozent gelten bereits als pathologisch abhängig, also süchtig. Das sind etwa 350.000 junge Menschen. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Anstieg um fast zwei Prozentpunkte – von 4,7 auf 6,6 Prozent. Das klingt zunächst klein, bedeutet in der Praxis aber: Rund 100.000 zusätzliche Kinder und Jugendliche haben heute eine behandlungsbedürftige Mediensucht, verglichen mit dem Jahr zuvor.

Auch beim Streaming werden die Zahlen größer: Jeder fünfte Jugendliche konsumiert Videos, Reels und Serien auf riskante Weise. Das ist ein Anstieg von 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Vier Prozent erfüllen dabei bereits alle Suchtkriterien nach ICD-11, dem internationalen Diagnoseschlüssel der Weltgesundheitsorganisation.

Beim Gaming zeigt sich ein anderes Bild: Die Zahlen bleiben konstant. Durchschnittlich spielen Kinder werktags rund 105 Minuten und am Wochenende fast drei Stunden täglich. Das ist viel – aber die pathologische Gaming-Rate steigt nicht weiter.

Die OTTER-Studie wurde von der DAK-Gesundheit und dem Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am UKE 2019 gestartet. Sie ist weltweit einmalig, weil sie dieselben Familien über viele Jahre hinweg begleitet – Kinder und ein Elternteil werden gemeinsam befragt. Die achte Welle fand im Herbst 2025 mit rund 1.200 Familien statt.

KI-Chatbots: Wenn der Algorithmus zum Vertrauten wird

Der neue und besorgniserregende Befund dieser Studie betrifft KI-Anwendungen wie ChatGPT. Mehr als jeder vierte Jugendliche nutzt sie mehrmals pro Woche – und ab 15 Jahren ist es bereits jeder Zweite. Hauptmotiv sind Hausaufgaben und die Suche nach Informationen. Aber nicht nur das.

Bis zu zehn Prozent der Minderjährigen wenden sich gezielt an Chatbots, um sich von negativen Gefühlen abzulenken, Einsamkeit zu lindern oder vertrauliche Dinge zu besprechen. Unter Jugendlichen, die bereits depressive Symptome zeigen, steigt dieser Anteil auf über 30 Prozent.

Noch aufschlussreicher: 33 Prozent der Befragten sagen, ein Chatbot verstehe sie besser als ein echter Mensch. Mehr als zwei Drittel vertrauen den Aussagen von KI mindestens manchmal – über 40 Prozent sogar oft oder sehr oft.

Studienleiterin Dr. Kerstin Paschke vom UKE erklärt den psychologischen Mechanismus dahinter: "Durch die Imitation menschlicher Kommunikation und häufig bestätigende Reaktionen werden intensive Nutzungsmuster gefördert. Junge Menschen können dabei eine emotionale Bindung zum Chatbot entwickeln – eine sogenannte parasoziale Beziehung – die mit größeren psychischen Belastungen einhergehen kann."

Anders formuliert: Wer sich einsam fühlt und keinen Ansprechpartner findet, findet im Chatbot einen, der immer verfügbar ist, nie urteilt und stets antwortet. Das klingt hilfreich – birgt aber das Risiko, dass echte soziale Fähigkeiten seltener trainiert werden.

Dr. Michael Hubmann vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte (BVKJ) mahnt: "Besorgniserregend ist, dass ein Teil der Kinder KI nutzt, um mit Einsamkeit oder negativen Gefühlen umzugehen. Die Komplexität des Themas darf keine Ausrede sein, auf notwendige Schutzmaßnahmen zu verzichten."

Was Eltern und Politik tun müssen

61,5 Prozent der befragten Eltern sprechen regelmäßig mit ihren Kindern über Mediennutzung – das ist ein guter Wert. Bei Kindern zwischen 10 und 13 Jahren setzen rund 90 Prozent der Eltern klare Regeln zu Inhalten und Nutzungszeiten. Das sind wichtige Schutzfaktoren.

Dennoch reicht elterliches Handeln allein nicht aus, so die Studienautoren. DAK-Vorstandschef Andreas Storm fordert deshalb schnelle gesetzliche Schritte: "Die anhaltend hohe Mediensucht zeigt den großen Handlungsbedarf. Für eine sinnvolle Altersregulierung braucht es jetzt eine rasche gesetzliche Regelung. Damit erste Maßnahmen im kommenden Schuljahr greifen, sollten wir unabhängig von einer EU-weiten Lösung handeln."

Für betroffene Familien gibt es bereits Anlaufstellen: Seit April 2025 bietet die DAK-Gesundheit gemeinsam mit dem BVKJ ein kostenloses Mediensuchtscreening für 12- bis 17-Jährige an – direkt beim Kinderarzt oder über die Praxis-App. Psychologische und psychiatrische Unterstützung für Kinder und Jugendliche findest du auf bestes.com.

Häufige Fragen

Ab wann gilt Mediennutzung als suchtartig?

Nach ICD-11 liegt eine pathologische Mediennutzung vor, wenn die Beschäftigung mit digitalen Medien den Alltag dominiert, andere Aktivitäten verdrängt und trotz negativer Folgen nicht kontrolliert werden kann. Praktische Zeichen: anhaltende Unruhe oder Gereiztheit ohne Gerät, Vernachlässigung von Schule oder Freundschaften, Lügen über die tatsächliche Nutzungszeit.

Sind KI-Chatbots für Kinder gefährlich?

Nicht grundsätzlich – aber das Risiko liegt in der emotionalen Abhängigkeit. Wer einen Chatbot als Hauptansprechpartner für persönliche Probleme nutzt, trainiert echte soziale Kompetenzen zu wenig. Experten empfehlen: KI als Werkzeug verstehen, nicht als Ersatz für menschliche Beziehungen.

Was kann ich als Elternteil konkret tun?

Offene Gespräche über Nutzung und Gefühle helfen mehr als Verbote. Gemeinsam vereinbarte Bildschirmzeiten, bewusste Offline-Zeiten als Familie und Interesse an den genutzten Inhalten zeigen. Bei konkreten Suchtzeichen hilft eine Beratung beim Kinderarzt. Kostenlose Beratung gibt es auch unter mediensuchthilfe.info.

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