Von Redaktion

Kurzsichtigkeit bei Kindern in Deutschland: Kein Anstieg in 25 Jahren

Keine Myopie-Epidemie in Deutschland: Kurzsichtigkeit bei Kindern ist seit 2001 stabil – Freiburger Studie mit 1,25 Mio. Brillenverordnungen.

Während Fachgesellschaften weltweit vor einer rasant wachsenden Kurzsichtigkeits-Epidemie warnen, liefert eine neue deutsche Studie eine überraschend beruhigende Botschaft: In Deutschland ist die Zahl kurzsichtiger Kinder und Jugendlicher seit mehr als 20 Jahren stabil. Ein Forschungsteam um Wolf Lagrèze von der Universitätsklinik Freiburg hat rund 1,25 Millionen Brillenverordnungen von knapp 438.000 Kindern und Jugendlichen im Alter von 3 bis 18 Jahren ausgewertet – Daten aus den Jahren 2001 bis 2025. Das Ergebnis, veröffentlicht Ende Juni 2026 im Fachjournal Frontiers in Public Health: „Entgegen der weit verbreiteten Annahme einer sich rapide beschleunigenden globalen Myopie-Epidemie fanden wir zwischen 2001 und 2025 keinen Anstieg der myopen Brillenverordnungen."

Was Kurzsichtigkeit ist – und warum die Entwicklung weltweit Sorgen macht

Kurzsichtigkeit, medizinisch Myopie genannt, bedeutet: Entfernte Objekte werden unscharf wahrgenommen, während nahe Dinge klar zu sehen sind. Die Ursache liegt im Auge selbst – genauer gesagt in einem zu langen Augapfel. Der Brennpunkt des einfallenden Lichts liegt dann vor der Netzhaut statt direkt auf ihr. Einmal entstanden, lässt sich Myopie nicht umkehren; sie lässt sich nur optisch korrigieren – mit Brille, Kontaktlinsen oder bestimmten Therapien.

Global hat die Verbreitung von Kurzsichtigkeit in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch zugenommen. Am deutlichsten zeigt sich das in Ostasien: In Ländern wie Südkorea, China oder Singapur waren vor dem Zweiten Weltkrieg 20 bis 40 Prozent der jungen Erwachsenen kurzsichtig – heute sind es 60 bis 90 Prozent. Prognosen der Weltgesundheitsorganisation zufolge könnten bis 2050 rund die Hälfte aller Menschen weltweit kurzsichtig sein. In Europa wird eine Stabilisierung bei etwa 40 Prozent erwartet – deutlich geringer als in Asien, aber dennoch eine erhebliche Zunahme gegenüber früheren Generationen.

Das Freiburger Ergebnis: Deutschland ein Sonderfall

Dass Deutschland aus dem globalen Trend herausfällt, ist das Kernbefund der Freiburger Studie. Die Analyse von 1,25 Millionen echten Brillenverordnungen aus deutschen Optikbetrieben – keine Fragebogen, keine Schätzungen – zeigt: Seit 2001 hat sich der Anteil kurzsichtiger Brillenverordnungen bei Kindern und Jugendlichen nicht erhöht. Mittlerer Wert und die Häufigkeit, in der erstmals eine Brille wegen Kurzsichtigkeit verschrieben wurde, blieben weitgehend stabil. Bei jüngeren Jahrgängen zeichnete sich sogar eine leichte Tendenz zur Weitsichtigkeit ab.

Bemerkenswert ist auch ein weiterer Befund: Die Corona-Pandemie hat in Deutschland keinen messbaren Myopie-Schub ausgelöst. In asiatischen Studien war das anders – dort gab es durch Schulschließungen, Heimunterricht und stark eingeschränkte Außenaktivitäten messbare Anstiege. Laut den Freiburger Forschenden „widerlegt dies die Befürchtung, dass die Covid-19-Pandemie und die zunehmende Digitalisierung in Deutschland einen Anstieg der Kurzsichtigkeit ausgelöst haben".

Eine Einschränkung der Studie: Erfasst wurden nur Kinder, die bereits eine Brille verordnet bekommen hatten. Kinder ohne jede Sehkorrektur sind in den Daten nicht enthalten. Die Forschenden betonen außerdem, dass die Daten auf realen Verordnungen basieren und nicht auf standardisierten Augenarztuntersuchungen.

Warum Deutschland anders ist als Ostasien

Den extremen Anstieg in Ostasien erklären Forschende vor allem mit zwei Faktoren: hohem schulischen Druck ab frühem Alter und einem gravierenden Mangel an Zeit im Freien. Tageslicht scheint einen schützenden Effekt auf die Augenentwicklung zu haben – wer täglich mehrere Stunden draußen verbringt, hat laut zahlreichen Studien ein deutlich geringeres Myopie-Risiko. Im deutschen Schulsystem sind diese Risikofaktoren offenbar weniger ausgeprägt: mehr Bewegung im Freien, geringerer Leistungsdruck im Grundschulalter, andere Unterrichtszeiten.

Hinzu kommt, dass Brillen in Deutschland heute im Mittel in jüngerem Alter erstmals verschrieben werden als früher. Das liegt laut den Studienautoren aber wohl weniger an einer tatsächlich höheren Kurzsichtigkeit als an gestiegener Aufmerksamkeit: Augenärzte und Optiker prüfen früher und verschreiben auch bei niedrigeren Korrekturwerten. Eine Studie in Frontiers in Medicine aus dem Jahr 2024 hatte bei Grundschülern in Berlin eine Myopie-Prävalenz von etwa 8 bis 11 Prozent ermittelt – ein Wert, der sich mit anderen europäischen Daten deckt und weit unter den asiatischen Zahlen liegt.

Bildschirmzeit: Risiko ja – aber differenziert betrachten

Schon Dreijährige verbringen täglich Zeit vor Tablets oder Smartphones. Die Frage, wie viel Bildschirmzeit das Kurzsichtigkeitsrisiko erhöht, beschäftigt Eltern wie Fachleute. Laut Analysen des Berufsverbands der Augenärzte Deutschlands (BVA) macht dabei die Dosis das Gift: Bei bis zu etwa einer Stunde Bildschirmzeit täglich steigt das Risiko kaum. Ab der zweiten Stunde bedeutet jede weitere Stunde ein Risikoplus von rund 20 Prozent. Ab fünf Stunden flacht die Kurve wieder ab.

Entscheidend ist laut Expertinnen und Experten vor allem der Abstand zum Auge. Das Smartphone wird oft nur 20 Zentimeter oder weniger vor den Augen gehalten – das ist deutlich näher als ein Buch oder ein Schulheft und belastet die Augenmuskulatur stärker. Ständiges Nahsehen führt mit der Zeit zu einer Anpassungsreaktion: Der Augapfel wächst in die Länge, um den Fokus ohne Muskelarbeit auf nahe Objekte einstellen zu können. Ferne Objekte werden dann unscharf – die Kurzsichtigkeit ist entstanden. Umkehren lässt sie sich nicht.

Die wichtigste Gegenmaßnahme: Zeit im Freien. Tageslicht aktiviert Dopamin im Auge, das das Längenwachstum des Augapfels hemmt. Fachgesellschaften empfehlen für Kinder mindestens 90 Minuten Aufenthalt im Freien täglich. Für Kinder mit erhöhtem Myopie-Risiko – etwa wenn beide Elternteile kurzsichtig sind – gibt es zudem spezifische Therapieansätze wie niedrig dosierte Atropintropfen oder spezielle Kontaktlinsen und Brillengläser zur Myopiekontrolle, die das Fortschreiten verlangsamen können. Digitale Ansätze wie die App Dopavision wurden speziell entwickelt, um die Sehentwicklung bei kurzsichtigen Kindern durch Lichttherapie auf dem Tablet gezielt zu beeinflussen.

Was Eltern praktisch tun können

Die Studienergebnisse sind kein Grund zur Entspannung – aber sie zeigen, dass die richtigen Rahmenbedingungen wirken. Eltern können aktiv beitragen: Möglichst viel Zeit im Freien statt vor Bildschirmen, ausreichend Abstand beim Lesen und bei der Bildschirmnutzung, regelmäßige Pausen (die 20-20-20-Regel: alle 20 Minuten 20 Sekunden in 20 Fuß Entfernung schauen), und eine Augenuntersuchung beim Augenarzt, wenn das Kind über Kopfschmerzen, Augenschmerzen oder Schwierigkeiten klagt, die Tafel in der Schule zu sehen.

Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt oder Augenarzt sind wichtig, weil Kurzsichtigkeit schleichend entsteht und Kinder die Einschränkung oft nicht selbst benennen können. Digitale Gesundheitsangebote können eine erste Orientierung bieten – auf bestes.com finden Familien eine Übersicht augenärztlicher digitaler Dienste und Apps rund um die Sehgesundheit.

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