Mehr als 100 Millionen Dokumente in der elektronischen Patientenakte – mit dieser Zahl hat die gematik Mitte April 2026 die erste Jahresbilanz der "ePA für alle" gezogen [1]. Die Zahl klingt beeindruckend. Was sie verbirgt, ist eine tiefe Aktivierungslücke: Von den etwa 73 Millionen automatisch angelegten Akten haben lediglich 5,1 Millionen Versicherte eine aktive digitale Gesundheits-ID, mit der sie selbst auf ihre ePA zugreifen können [1]. Das entspricht rund 7 Prozent.

Das Opt-out-Prinzip, das seit Januar 2025 gilt, hat dafür gesorgt, dass fast alle gesetzlich Versicherten automatisch eine ePA erhalten – es sei denn, sie widersprechen. Laut AOK haben nur etwa 3,8 Prozent der Versicherten von diesem Widerspruchsrecht Gebrauch gemacht [2]. Die Akten existieren also. Nur nutzen sie kaum jemand aktiv.

Was die Zahlen sagen – und was nicht

Die gematik betont, dass ein aktives Nutzer-Login nicht zwingend erforderlich ist, damit die ePA Mehrwert schafft [1]. Tatsächlich werden bereits Millionen von Dokumenten von Arztpraxen eingestellt und abgerufen – ohne dass der Patient selbst aktiv wird. Allein Medikamentenlisten werden wöchentlich mehr als 21 Millionen Mal von Praxen und Apotheken abgefragt. Rund 93.000 Arzt- und Zahnarztpraxen greifen wöchentlich auf ePA-Daten zu.

Dennoch: Der ursprüngliche Gedanke der ePA war der mündige Patient, der seine Gesundheitsdaten aktiv verwaltet, Dokumente hochlädt, Zugriffe kontrolliert und verschiedene Ärzte miteinander verbindet. Wer keine Gesundheits-ID hat, kann das nicht. Die Zahl von 5,1 Millionen aktiven Nutzern zum ersten Jahrestag zeigt, wie weit die ePA von diesem Ziel noch entfernt ist.

Warum die Aktivierung so schleppend verläuft

Das technische Haupthindernis ist die Einrichtung der digitalen Gesundheits-ID (GesundheitsID), die über die App der eigenen Krankenkasse erfolgt. Viele Versicherte wissen nicht, dass sie diesen Schritt extra gehen müssen – oder scheuen den Aufwand. Ältere und weniger digital-affine Versicherte sind strukturell benachteiligt. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) hat im Februar 2026 in einem Forderungspapier verlangt, die Aktivierung einfacher und barrierefreier zu gestalten [3].

Hinzu kommt Vertrauensskepsis. Datenschutzorganisationen weisen darauf hin, dass viele Versicherte grundsätzliche Bedenken gegenüber der zentralen Speicherung von Gesundheitsdaten haben – auch wenn die ePA nach deutschem Recht hohen Datenschutzstandards unterliegt.

Was Versicherte jetzt tun können

Wer seine ePA aktiv nutzen will, installiert die App der eigenen Krankenkasse und richtet dort eine GesundheitsID ein. Dafür ist eine Identifikation über den Online-Ausweis oder ein Ident-Verfahren nötig. Wer die ePA nicht möchte, kann jederzeit widersprechen – per App, Telefon oder Brief bei der eigenen Krankenkasse.

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Quellen:
[1] gematik. "Ein Jahr ePA für alle: Mehr als 100 Millionen hinterlegte Dokumente." April 2026. https://www.gematik.de/newsroom/news-detail/ein-jahr-epa-fuer-alle-mehr-als-100-millionen-hinterlegte-dokumente-verbessern-behandlung-und-versorgung-in-deutschland
[2] AOK. "Elektronische Patientenakte ePA: Widerspruch." 2026. https://www.aok.de/pk/versichertenservice/elektronische-patientenakte-widerspruch/
[3] vzbv. "Elektronische Patientenakte patientenorientiert weiterentwickeln." Februar 2026. https://www.vzbv.de/sites/default/files/2026-02/26-02-18_vzbv_Forderungspapier%20ePA.pdf