Weltstudie: Adipositas-Anstieg verlangsamt sich in Europa – kehrt sich mancherorts sogar um
Die bisher größte Analyse globaler Adipositas-Trends zeigt: In Deutschland und vielen anderen Hocheinkommensländern verlangsamt sich der Anstieg der Fettleibigkeit – in Frankreich und Südeuropa könnte er sich sogar umkehren. In Entwicklungsländern steigen die Raten dagegen weiter an.
Die wohl umfangreichste Analyse von Adipositas-Daten weltweit zeigt ein deutlich differenzierteres Bild als bisher bekannt: In vielen Hocheinkommensländern, darunter Deutschland, hat sich der jahrzehntelange Anstieg der Fettleibigkeit spürbar verlangsamt – in manchen Ländern könnte sich der Trend sogar umkehren. Gleichzeitig beschleunigt sich der Anstieg in zahlreichen Entwicklungsländern weiter. Das sind die zentralen Ergebnisse einer im Fachjournal Nature erschienenen Studie der NCD Risk Factor Collaboration (NCD-RisC), die am 13. Mai 2026 veröffentlicht wurde.
Für die Analyse wertete ein internationales Forschungskonsortium unter der Leitung von Professor Majid Ezzati vom Imperial College London Daten von über 232 Millionen Menschen aus 200 Ländern und Territorien aus – erfasst über einen Zeitraum von 1980 bis 2024. Mehr als 1.900 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt haben zu diesem Datensatz beigetragen [1]. Es ist die größte je durchgeführte Analyse globaler Körpergewichtstrends.
## Was bisher als globale Adipositas-Epidemie galt, war eine Vereinfachung
Jahrzehntelang schienen die Zahlen überall in dieselbe Richtung zu zeigen: Adipositas – also ein Body-Mass-Index (BMI) über 30 bei Erwachsenen – breitet sich weltweit aus. Doch diese pauschale Darstellung unterschlägt eine wachsende Ungleichheit zwischen Ländern. Das zentrale methodische Novum der Studie: Die Forscher haben nicht nur die Prävalenz zu einem Zeitpunkt gemessen, sondern die Geschwindigkeit der Veränderung – also wie schnell die Raten je nach Land steigen, stagnieren oder fallen.
"Diese Analyse zeigt, dass der Trend zur Adipositas nicht unausweichlich ist – und dass es möglich ist, durch politische Maßnahmen das Wachstum zu stoppen oder sogar umzukehren", sagte Studienleiter Professor Majid Ezzati laut einer Pressemitteilung des Imperial College London [2].
## Deutschland: Plateau bei moderaten Werten
Für Deutschland zeichnet die Studie ein vergleichsweise positives Bild: Der Anstieg bei Kindern und Jugendlichen hat sich stabilisiert. Laut den Daten hatten 2024 rund 7 bis 12 Prozent der Mädchen und Jungen in Deutschland Adipositas – ein im internationalen Vergleich eher moderater Wert. Bei Erwachsenen liegt der Anteil bei 20 bis 23 Prozent.
Das ist kein Zufall: Deutschland begann laut Studie bereits in den 1990er-Jahren, den Anstieg bei Kindern zu bremsen – gemeinsam mit Dänemark, Island, der Schweiz und Belgien gehörte es damit zu den frühen "Bremsern" [1]. Dänemark verzeichnete sogar schon um 1990 die erste dokumentierte Verlangsamung weltweit.
## Frankreich, Italien, Portugal: Trend dreht sich möglicherweise um
Noch deutlichere Signale kommen aus einigen südeuropäischen Ländern. In Frankreich blieben die Adipositas-Raten über den gesamten 45-jährigen Beobachtungszeitraum vergleichsweise niedrig und stabil – bei Erwachsenen bei etwa 11 bis 12 Prozent, bei Kindern bei rund 4 Prozent. Für Frankreich und Länder wie Spanien und Portugal deuten die Daten sogar auf einen möglichen Rückgang hin – insbesondere bei Erwachsenen. In Japan lagen die Raten bei Frauen über den gesamten Zeitraum praktisch konstant auf sehr niedrigem Niveau [1].
Die Forscherinnen und Forscher erklären diese Unterschiede unter anderem mit nationalen Ernährungs- und Gesundheitspolitiken sowie der Verfügbarkeit und Erschwinglichkeit gesunder Lebensmittel. Kein Zufall also – sondern das Ergebnis langfristiger Weichenstellungen.
## USA auf hohem Niveau, Developing Nations holen auf
Ein ganz anderes Bild zeigt sich in anderen Regionen. In den USA haben sich die Raten bei Kindern zwar stabilisiert – aber auf einem sehr hohen Niveau: 20 bis 23 Prozent der Mädchen und Jungen gelten als adipös. Bei Erwachsenen liegt der Anteil bei 40 bis 43 Prozent – der höchste Wert unter allen Hocheinkommensländern [1].
In Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen – vor allem in Sub-Sahara-Afrika, Südasien, Lateinamerika und der Karibik – beschleunigt sich der Anstieg dagegen weiter. In Brasilien lag die Adipositas-Prävalenz 2024 bei Frauen bei 35 Prozent, in Mexiko bei 43 Prozent. In Ländern wie Indien und China, wo Adipositas noch vor einigen Jahren kaum eine Rolle spielte, steigen die Raten nun spürbar an. "Wohlstand war einmal der stärkste Prädiktor für Adipositas", so die Studienautoren – dieses Muster kehrt sich zunehmend um [1].
## Kinder verbessern sich früher als Erwachsene
Ein wiederkehrendes Muster, das die Studie sichtbar macht: In Hocheinkommensländern verlangsamte sich der Anstieg typischerweise zuerst bei Kindern und Jugendlichen – und folgte dann etwa eine Dekade später auch bei Erwachsenen. Diese zeitliche Verschiebung legt nahe, dass frühzeitige Prävention im Kindesalter langfristig auch die Erwachsenen-Zahlen beeinflusst. Je früher ein Land eingreift, desto niedriger pendelt sich das Plateau ein. Dr. Jennifer Baker, Präsidentin der European Association for the Study of Obesity, kommentierte die Ergebnisse mit einem Aufruf zur Wachsamkeit: "Es hat echten Fortschritt gegeben – aber wir dürfen nicht nachlässig werden. Die Werte bleiben zu hoch." [2]
## GLP-1-Medikamente erklären den Rückgang (noch) nicht
Naheliegend wäre es, die Verlangsamung mit dem Aufkommen neuer Medikamente wie Semaglutid (Ozempic, Wegovy) zu erklären. Die Forschenden widersprechen jedoch: Die Verlangsamung begann in vielen Ländern Jahrzehnte vor der Einführung dieser Wirkstoffe. "Es ist wahrscheinlich zu früh, um zu sagen, ob GLP-1-Medikamente einen direkten Einfluss auf ganze Bevölkerungen hatten", sagte Ezzati [2]. Langfristig könnten GLP-1-Wirkstoffe dennoch eine Rolle spielen – vorausgesetzt, sie werden erschwinglich und weltweit zugänglich.
## Was bedeutet das für Betroffene in Deutschland?
Die gute Nachricht aus der Studie: Adipositas ist keine unausweichliche Folge des modernen Lebens. Dass Deutschland, Frankreich oder Japan zeigen, dass die Raten auf moderatem Niveau gehalten werden können, ist ein Beweis für die Wirksamkeit von Prävention – auf gesellschaftlicher wie auf individueller Ebene. Für Menschen, die bereits von Adipositas betroffen sind, stehen in Deutschland verschiedene evidenzbasierte Unterstützungsangebote zur Verfügung: Von Ernährungs-Tracking-Apps wie YAZIO oder Lifesum bis hin zu zugelassenen Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) wie zanadio, die einen multimodalen Therapieansatz aus Ernährung, Bewegung und Verhaltenstraining bieten und vollständig von der Krankenkasse erstattet werden können.
Mehr zu Gesundheits-Apps und Therapieangeboten bei Adipositas findest du auf bestes.com.
## FAQ
**Was ist Adipositas und ab wann gilt man als adipös?**
Von Adipositas spricht man, wenn der Body-Mass-Index (BMI) bei Erwachsenen den Wert von 30 kg/m² übersteigt. Bei Kindern und Jugendlichen gelten alters- und geschlechtsspezifische WHO-Referenzwerte. Adipositas erhöht das Risiko für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einige Krebsarten erheblich.
**Warum hat Deutschland bei Adipositas bessere Werte als die USA?**
Die Studie deutet auf ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren hin: Ernährungskultur, nationale Gesundheitspolitik und die Verfügbarkeit gesunder Lebensmittel. Deutschland begann zudem bereits in den 1990er-Jahren, den Anstieg bei Kindern zu bremsen – während die USA auf hohem Niveau stagnieren. Gleichzeitig haben beide Länder noch Spielraum nach unten.
**Was ist eine DiGA und welche gibt es bei Adipositas?**
Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) sind vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) geprüfte und zugelassene Apps, die als Medizinprodukt gelten. Zanadio ist eine zugelassene DiGA speziell für Menschen mit Adipositas, die über mindestens zwölf Monate mit einem multimodalen Programm aus Ernährung, Bewegung und Verhaltenscoaching begleitet. Ärztinnen und Ärzte können eine DiGA auf Rezept verschreiben, die Krankenkasse übernimmt die Kosten.
**Werden GLP-1-Medikamente die globalen Adipositas-Raten senken?**
Das ist möglich, aber noch offen. Semaglutid und ähnliche Wirkstoffe zeigen in Studien erhebliche Wirkungen auf Einzelebene, sind aber noch nicht breit zugänglich oder erschwinglich. Die Studie zeigt, dass die bisherige Verlangsamung in Europa ohne GLP-1-Medikamente erreicht wurde – was für die Bedeutung struktureller Prävention spricht.
**Was können Menschen mit Übergewicht jetzt konkret tun?**
Ernährungsumstellung und regelmäßige Bewegung bleiben die wichtigsten Stellschrauben. Digitale Tools wie Ernährungs-Apps können dabei helfen, das Bewusstsein für Kalorienzufuhr und Nährstoffbalance zu schärfen. Bei klinischer Adipositas empfiehlt sich die Einbindung von Hausarzt oder Ernährungsmediziner – und je nach Schweregrad können DiGA oder medikamentöse Optionen ergänzend sinnvoll sein.