Von Redaktion

Warum Krebsimmuntherapien manchmal aufhören zu wirken – und was ein DKFZ-Fund dagegen verspricht

DKFZ-Studie in Immunity: Tumorzellen nutzen ATP→P2RY2→PGE₂, um T-Zellen zu bremsen – Blockade stellt CAR-T und Checkpoint-Therapien wieder her.

Immuntherapien haben die Krebsmedizin revolutioniert. Checkpoint-Blocker, CAR-T-Zell-Therapien und tumorinfiltrierende Lymphozyten ermöglichen heute Remissionen, die vor zehn Jahren undenkbar gewesen wären. Doch ein Problem bleibt: Bei vielen Patientinnen und Patienten hört die Therapie irgendwann auf zu wirken. Der Tumor zieht sich sozusagen unsichtbar um und entkommt dem Immunsystem – obwohl die Behandlung zunächst angeschlagen hat. Warum das passiert, war lange unklar. Eine neue Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) liefert jetzt eine überraschend konkrete Antwort.

Das Protein, das Tumoren vor Immunzellen schützt

Forschende am DKFZ in Heidelberg haben einen bislang unbekannten Mechanismus entdeckt, mit dem Krebszellen Immuntherapien aktiv neutralisieren. Die Studie, am 2. Juli 2026 im hochrangigen Fachjournal Immunity veröffentlicht, beschreibt eine Art molekularen Schutzschild: Tumorzellen nutzen einen Botenstoff namens extrazelluläres ATP – eine Energiemolekül-Form, die im Tumorgewebe in hohen Konzentrationen vorkommt – um über den Rezeptor P2RY2 auf ihrer Oberfläche das Immunsystem auszuschalten.

Der Ablauf ist wie folgt: ATP bindet an P2RY2 auf den Tumorzellen. Das löst eine Signalkaskade aus, die zur Ansammlung von Prostaglandin E₂ (PGE₂) im Tumorgewebe führt. PGE₂ ist als Immunbremse bekannt – es hemmt T-Zellen direkt daran, Krebszellen zu erkennen und zu töten. Das Ergebnis: Selbst wenn eine Immuntherapie zunächst T-Zellen aktiviert, werden diese Zellen im Tumor durch PGE₂ neutralisiert. Die Krebszellen überleben, und der Patient spricht nicht mehr auf die Behandlung an.

Besonders bedeutsam: P2RY2 reagiert direkt auf ATP – unabhängig davon, zu welchem Stoff ATP normalerweise abgebaut wird. Das ist ein neuer, eigenständiger Checkpoint, der bisher in der Forschung nicht auf dem Radar war. „Das erklärt, warum viele Patienten, die zunächst auf Immuntherapien ansprechen, im Verlauf Resistenzen entwickeln", schreiben die DKFZ-Forschenden.

Immuntherapien gehören heute zum Standard bei einer Reihe von Krebserkrankungen, darunter Melanom, Lungenkrebs, Harnblasenkrebs und bestimmte Formen von Brustkrebs und Darmkrebs. Doch das initiale Ansprechen ist keine Garantie für einen dauerhaften Therapieerfolg. Studien zeigen, dass bei Checkpoint-Blockern etwa 30 bis 50 Prozent der initial ansprechenden Patientinnen und Patienten innerhalb von ein bis zwei Jahren eine Resistenz entwickeln. Bisher war unklar, warum dasselbe Immunsystem, das den Tumor zunächst bekämpft, ihn später nicht mehr erkennt. Der P2RY2-Befund gibt auf diese Frage eine molekular präzise Antwort.

Was passiert, wenn man P2RY2 blockiert?

Der entscheidende Befund der Studie: Wenn P2RY2 mit einem Antikörper gezielt blockiert wird, bricht der gesamte Schutzschild zusammen. Die PGE₂-Produktion im Tumor sinkt – sowohl die, die von Anfang an vorhanden ist, als auch die, die durch eine Immuntherapie erst ausgelöst wird. T-Zellen können wieder angreifen.

In Laborexperimenten mit Tumorzellen und passenden T-Zellen, die jeweils vom gleichen Melanom-Patienten stammten, zeigte sich: Nach P2RY2-Blockade konnten die eigenen Immunzellen der Patientinnen und Patienten ihre Tumorzellen wieder deutlich effektiver abtöten. Und das galt nicht nur für eine einzelne Therapieform: Die Blockade von P2RY2 stellte die Wirksamkeit von CAR-T-Zellen, TCR-T-Zelltherapien, Checkpoint-Blockern und TIL-Therapien wieder her – also praktisch allen modernen Formen der Krebsimmuntherapie.

Das macht P2RY2 zu einem sogenannten purinergischen Immun-Checkpoint – einem molekularen Schalter, der quer über verschiedene Therapieformen wirkt. Für Krebsbetroffene, bei denen eine Immuntherapie aufgehört hat zu wirken, könnte eine kombinierte Behandlung mit einem P2RY2-Inhibitor künftig eine neue Option darstellen.

Was bedeutet das für Krebspatientinnen und -patienten heute?

Die Studie ist ein Grundlagenforschungsergebnis – ein P2RY2-Inhibitor für den klinischen Einsatz befindet sich noch nicht in fortgeschrittenen Studien. Bis ein solcher Wirkstoff zugelassen sein könnte, werden voraussichtlich mehrere Jahre vergehen. Dennoch ist der Befund aus mehreren Gründen relevant:

Erstens erklärt er, warum Immuntherapien bei einem erheblichen Teil der Betroffenen scheitern – und zwar durch einen aktiven Mechanismus der Tumorzellen, nicht durch ein Versagen der Therapie selbst. Für Patientinnen und Patienten, die gerade eine solche Resistenz erleben, kann das Wissen helfen, die Situation besser einzuordnen und gezielt nach klinischen Studien zu fragen.

Zweitens legen die Ergebnisse nahe, dass P2RY2 als Biomarker für Therapieansprechen in Frage kommen könnte: Tumoren mit hoher P2RY2-Expression sprechen möglicherweise schlechter auf bestimmte Immuntherapien an – was künftig bei der Therapienwahl berücksichtigt werden könnte.

Drittens zeigt die Studie einen möglichen Weg auf, wie bestehende Therapien wirksamer gemacht werden könnten, ohne vollständig neue Substanzen entwickeln zu müssen. Ein P2RY2-Inhibitor würde nicht selbst gegen den Tumor wirken, sondern die körpereigenen Immunzellen dabei unterstützen, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Dieses Prinzip – Immuntherapie-Resistenz durch einen ergänzenden Wirkstoff zu überwinden – ist ein aktives Forschungsfeld, und P2RY2 könnte dabei zu einer vielversprechenden neuen Zielstruktur werden.

Wer mehr über klinische Studien zur Immuntherapie erfahren möchte oder eine Krebsdiagnose aktiv managen will, kann auf Plattformen wie DasKrebsportal.de aktuelle Studieninformationen und Therapieoptionen recherchieren. Wer nach einem Arztgespräch eine Zweitmeinung sucht oder erste Symptome einordnen möchte, kann dabei Kry oder DoctorBox als digitale Anlaufstellen nutzen.

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