Von Redaktion

Übergewicht und Krebs: Fast doppelt so viele Fälle wie bisher gedacht

Eine DKFZ-Studie zeigt: Mehr als jeder zehnte Krebsfall hängt mit Übergewicht zusammen – doppelt so viele wie bisher gedacht.

Eine neue Analyse des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg zwingt die Medizin, ihre Annahmen zu Krebs und Körpergewicht grundlegend zu überdenken. Demnach hängen mehr als zehn Prozent aller Krebserkrankungen mit überschüssigem Körperfett zusammen – fast doppelt so viele wie bisherige Schätzungen nahegelegt hatten. Die Studie erschien im Fachjournal Cancer Communications 2026 und wurde von DKFZ-Epidemiologe Hermann Brenner mit seinem Team verfasst.

In Deutschland werden jedes Jahr rund 510.000 neue Krebserkrankungen diagnostiziert. Wenn 11,5 Prozent davon mit Übergewicht zusammenhängen, wären das mehr als 58.000 Fälle jährlich – theoretisch vermeidbar durch effektive Prävention und Behandlung von Adipositas. Zum Vergleich: Bisher wurden je nach Krebsart zwei bis acht Prozent auf Übergewicht zurückgeführt. Dieser Wert, so zeigt die neue Analyse, war systematisch zu niedrig.

Das Problem mit dem BMI

Bisherige Studien zu Übergewicht und Krebs stützten sich fast ausschließlich auf den Body-Mass-Index (BMI). Der berechnet sich aus Körpergewicht und Körpergröße – und verrät damit wenig darüber, wo sich Fett ansammelt und welche Art von Fett gemeint ist. Denn nicht jedes Körperfett ist gleich gefährlich.

Entscheidend für das Krebsrisiko ist das viszerale Fett, also das Bauchfett, das im Körperinneren die Organe umgibt. Es ist metabolisch besonders aktiv: Es setzt Hormone und Entzündungsstoffe frei, die Zellwachstum anregen und die körpereigene Krebsabwehr beeinträchtigen können. Ein Mensch mit normalem BMI kann trotzdem erhebliches viszerales Bauchfett haben – der BMI erkennt das nicht.

Das DKFZ-Team analysierte deshalb neben dem BMI auch Taillenumfang und Taille-Hüft-Verhältnis als Maße für die Körperfettverteilung. Beide Parameter erwiesen sich als deutlich aussagekräftiger für das Krebsrisiko als der BMI allein. Zudem berücksichtigte das Team einen methodischen Fehler, der bisherige Studien verzerrt hatte: Viele Tumoren verursachen bereits Jahre vor ihrer Diagnose ungewollten Gewichtsverlust, was den Zusammenhang zwischen Übergewicht und Krebs statistisch abschwächt.

Fast doppelt so viele Krebsfälle – die Zahlen

Für die Studie wertete das Team Gesundheitsdaten von 458.543 Frauen und Männern aus der britischen UK Biobank aus. Die Teilnehmenden waren zu Studienbeginn im Median 57 Jahre alt und wurden fast zwölf Jahre lang beobachtet. In dieser Zeit traten mehr als 50.000 neue Krebserkrankungen auf.

Legten die Forschenden den BMI zugrunde, gingen 5,5 Prozent der Krebsfälle auf Übergewicht zurück. Nahmen sie stattdessen den Taillenumfang, stieg dieser Anteil auf 11,5 Prozent – eine Verdopplung. Zu den Krebsarten, die besonders stark mit Übergewicht assoziiert sind, zählen Darmkrebs, Brustkrebs nach den Wechseljahren, Gebärmutterschleimhautkrebs, Nierenzellkarzinom und Speiseröhrenkrebs. All diese Krebsformen teilen einen gemeinsamen Mechanismus: Viszerales Fettgewebe fördert chronische Entzündungsprozesse und verändert den Hormonspiegel, beides bekannte Treiber von Tumorzellwachstum.

Frauen und jüngere Erwachsene stärker betroffen

Die Auswertungen deuten auf Unterschiede nach Geschlecht und Alter hin. Bei Frauen scheint der Anteil der durch Übergewicht verursachten Krebserkrankungen höher zu sein als bei Männern – möglicherweise, weil Übergewicht bei Frauen häufiger mit hormonsensitiven Krebsarten wie Brustkrebs oder Gebärmutterschleimhautkrebs zusammenhängt. Auch bei jüngeren Erwachsenen unter 60 Jahren könnte Körperfett eine größere Rolle spielen als bisher angenommen.

In Deutschland sind laut Robert Koch-Institut rund 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen übergewichtig. Rund 20 Prozent der Bevölkerung haben Adipositas. Gemessen am Taillenumfang dürfte der Anteil problematischen Bauchfetts noch höher liegen.

„Da die Verbreitung des Übergewichts in den meisten Ländern weiter zunimmt und die Bevölkerung gleichzeitig altert, dürfte die Zahl der dadurch verursachten Krebserkrankungen künftig weiter deutlich steigen", sagt Hermann Brenner. „Effektive Strategien zur Vorbeugung und Behandlung des Übergewichts könnten daher einen wesentlich größeren Beitrag zur Krebsprävention leisten als bislang angenommen."

Was man jetzt tun kann

Für Betroffene bedeuten die Ergebnisse vor allem: Gewichtsmanagement ist Krebsprävention. Wer Übergewicht abbaut, senkt nicht nur das Risiko für Herzinfarkt oder Diabetes, sondern auch das Krebsrisiko. Dabei sind drastische Abnahmen nicht nötig – bereits fünf bis zehn Prozent Gewichtsverlust können die Entzündungsmarker im Körper messbar verbessern und das Krebsrisiko senken.

Ob Bauchfett vorhanden ist, lässt sich mit einem einfachen Maßband prüfen. Als Richtwerte gelten: ab 80 cm Taillenumfang bei Frauen und ab 94 cm bei Männern steigt das gesundheitliche Risiko. Ab 88 cm bei Frauen beziehungsweise 102 cm bei Männern spricht man von einem deutlich erhöhten Risiko. Wer unsicher ist, kann diesen Wert beim nächsten Arztbesuch ansprechen und gemeinsam mit dem Arzt überlegen, ob Unterstützung beim Gewichtsmanagement sinnvoll ist.

Digitale Gesundheitsanwendungen wie Zanadio und Oviva sind als DiGAs vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) geprüft und können von Ärzten verschrieben werden – die Kosten übernimmt vollständig die gesetzliche Krankenversicherung. Für Krebsfrüherkennung und digitale Begleitung bei onkologischen Diagnosen bietet DoctorBox Unterstützung. Auf der Gesundheitsplattform bestes.com gibt es eine Übersicht weiterer Angebote zu Gewichtsmanagement, Ernährung und Krebsprävention.

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