Von Redaktion

Multiple Sklerose 2026: 280.000 Betroffene – früh behandeln lohnt sich

Rund 280.000 Menschen leben in Deutschland mit MS. Neue Therapien, früher Einsatz und digitale Begleitung verbessern die Prognose.

Rund 280.000 Menschen in Deutschland leben nach Schätzungen der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) mit Multipler Sklerose – einer chronischen Erkrankung des Zentralnervensystems, bei der das eigene Immunsystem die schützenden Hüllen der Nervenfasern angreift. Anlässlich des Weltmultiplesklerose-Tags am 30. Mai 2026 haben Neurologen und Betroffene erneut auf ein dringendes Problem hingewiesen: Viele Patientinnen und Patienten warten zu lange auf wirksame Therapien – obwohl die Medizin in den vergangenen Jahren entscheidende Fortschritte gemacht hat.

Was bei Multipler Sklerose im Körper passiert

MS ist eine Autoimmunerkrankung: Das Immunsystem greift die Myelinscheiden an, also die Isolierschichten der Nervenfasern in Gehirn und Rückenmark. Die Folge sind Entzündungsherde, die den Informationsfluss zwischen Nervenzellen stören – vergleichbar mit einem angeknabberten Stromkabel. Je nachdem, welche Nervenbahnen betroffen sind, äußert sich MS sehr unterschiedlich: Taubheitsgefühle, Sehstörungen auf einem Auge, Gleichgewichtsprobleme, Lähmungserscheinungen oder eine schwere Erschöpfung, die sogenannte MS-Fatigue, sind typische Beschwerden.

Die Erkrankung trifft am häufigsten Menschen zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr – mitten in der Berufs- und Familienplanung. Frauen erkranken etwa dreimal so häufig wie Männer. In rund 85 Prozent der Fälle verläuft MS zunächst schubförmig: Beschwerden flackern auf, klingen wieder ab, oft monatelang ohne neue Symptome. Bei etwa 15 Prozent der Betroffenen beginnt die Erkrankung schleichend ohne klare Schübe. Ohne Behandlung steigen bei beiden Verlaufsformen die Risiken, dass sich dauerhafte Nervenschäden ansammeln.

Das neue Therapie-Paradigma: Früh und wirksam eingreifen

Lange galt in der MS-Therapie das Stufenmodell: Erst milde Basistherapien wie Interferone einsetzen, und erst wenn die Erkrankung trotzdem aktiv bleibt, auf wirksamere Mittel wechseln. Dieses Vorgehen wird heute von vielen MS-Spezialisten infrage gestellt. Mehrere Langzeitstudien, deren Ergebnisse beim europäischen MS-Kongress ECTRIMS im September 2025 in Barcelona diskutiert wurden, zeigen: Wer frühzeitig mit einer hochwirksamen Therapie behandelt wird, hat nach zehn Jahren deutlich seltener dauerhafte Einschränkungen als jene, die mit einem milden Mittel gestartet sind.

Das neue Behandlungsziel heißt NEDA – No Evidence of Disease Activity. Auf Deutsch: kein Hinweis auf Krankheitsaktivität. Das bedeutet keine neuen Schübe, keine neuen Entzündungsherde im MRT und keine Verschlechterung. Moderne Therapien können dieses Ziel bei vielen Betroffenen erreichen. Ocrelizumab (Ocrevus) ist inzwischen auch als Selbstinjektion unter die Haut verfügbar; Ofatumumab (Kesimpta) können Betroffene einmal monatlich selbst zu Hause spritzen. Das oral einzunehmende Cladribin (Mavenclad) macht regelmäßige Klinikbesuche für viele Patientinnen und Patienten überflüssig.

Der Nachteil hochwirksamer Therapien: Sie greifen stärker in das Immunsystem ein. Regelmäßige Blutkontrollen und ärztliche Begleitung bleiben unverzichtbar. Neurologen betonen: Die Therapiewahl muss immer gemeinsam mit dem Arzt getroffen werden und hängt von Krankheitsaktivität, Verlaufsform und Lebenssituation ab.

Fatigue – das Symptom, das von außen unsichtbar bleibt

Müdigkeit kennen alle. Aber die Fatigue bei MS ist eine andere Dimension. Laut MS-Register Deutschland berichten mehr als 80 Prozent der Betroffenen von einer Erschöpfung, die unabhängig vom Schlaf ist und sich durch Ausruhen kaum bessert. Für viele ist sie belastender als körperliche Einschränkungen wie Gangprobleme oder Taubheitsgefühle. Fatigue kann sich mitten am Tag einstellen, ohne Vorwarnung, und ganze Tage lahmlegen.

Mehrere Faktoren spielen dabei zusammen: die chronischen Entzündungsprozesse im Gehirn selbst, aber auch die Mehrarbeit, die ein geschädigtes Nervensystem für alltägliche Aufgaben leisten muss. Hitze – im Sommer, im Bad oder in der Sauna – verstärkt die Symptome bei vielen Betroffenen massiv. Gegen MS-Fatigue gibt es keine Pille: Ausdauersport mit Maß, Energiemanagement und gezielte Schlafhygiene helfen manchen. Da chronische Erkrankungen auch psychisch belasten, können digitale Psychologie-Angebote wie HelloBetter oder MindDoc eine wichtige ergänzende Unterstützung sein.

Was Betroffene und Angehörige jetzt wissen sollten

Eine MS-Diagnose ist heute kein automatischer Weg in schwere Behinderung – das war sie vor 30 Jahren, als die erste MS-Therapie überhaupt zugelassen wurde. Wer erste Symptome bemerkt, sollte rasch zur Neurologie: wiederkehrende Sehstörungen auf einem Auge, kribbelnde oder tauhe Gliedmaßen, plötzliche Schwäche oder Koordinationsprobleme sind typische Frühzeichen. Je früher eine wirksame Behandlung beginnt, desto besser sind die Langzeitchancen.

Telemedizinische Angebote wie Kry oder TeleClinic können bei der schnellen Einordnung von Symptomen helfen und den Weg zum Spezialisten beschleunigen. Ada Health unterstützt dabei, Beschwerden richtig einzuordnen. Die DMSG bietet bundesweit ein Netz zertifizierter MS-Zentren und Selbsthilfegruppen. Auf bestes.com finden Betroffene und Angehörige digitale Gesundheitsangebote rund um Multiple Sklerose, Neurologie und chronische Erkrankungen.

Häufige Fragen

Ist Multiple Sklerose heilbar?

Noch nicht. Aktuelle Therapien können die Krankheitsaktivität erheblich bremsen und viele Betroffene dauerhaft schubfrei halten – eine vollständige Heilung ist bisher nicht möglich. Die Forschung an neuen Wirkstoffklassen, darunter sogenannte BTK-Inhibitoren, ist sehr aktiv.

Ab wann sollte man einen Neurologen aufsuchen?

Bei wiederkehrenden oder länger anhaltenden neurologischen Symptomen wie Sehstörungen auf einem Auge, Kribbeln in Armen oder Beinen, Doppelbilder oder Koordinationsproblemen sollte zügig ein Neurologe aufgesucht werden. Früh erkannt, früh behandelt – dieses Prinzip macht bei MS den größten Unterschied.

Wie wirken sich Hitze und Sport auf MS aus?

Viele Betroffene merken bei Wärme eine deutliche Zunahme ihrer Symptome – das ist kein Einbilden, sondern Physiologie: Erhöhte Körpertemperatur verlangsamt die Signalleitung in teilweise geschädigten Nervenfasern. Abkühlen hilft meist schnell. Sport in moderater Intensität und kühler Umgebung ist dagegen empfohlen und kann Kraft, Gleichgewicht und Fatigue verbessern.

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