Migräne 2026: 16 Millionen Betroffene in Deutschland – neue Therapien, zu wenig Diagnosen
WHO GBD 2024: Migräne ist die häufigste Ursache für Behinderungsjahre bei Frauen unter 50. Neue CGRP-Antikörper jetzt GKV-erstattungsfähig.
Migräne gilt vielen als „starke Kopfschmerzen" – eine Verharmlosung, die Millionen Betroffene frustriert. Laut dem Global Burden of Disease Report 2024 der Weltgesundheitsorganisation ist Migräne weltweit die häufigste Ursache für verlorene gesunde Lebensjahre bei Frauen unter 50. In Deutschland sind nach Schätzungen der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) zwischen 12 und 16 Millionen Menschen betroffen – mehr als jeder zehnte Erwachsene. Dennoch erhalten laut DMKG nur rund 30 Prozent der Betroffenen eine adäquate Diagnose und Behandlung. Neue Therapien könnten das ändern – wenn die Hürden auf dem Weg dorthin endlich kleiner werden.
Was Migräne von gewöhnlichen Kopfschmerzen unterscheidet
Migräne ist eine neurologische Erkrankung. Ein Anfall dauert typischerweise vier bis 72 Stunden und geht weit über Kopfschmerz hinaus: Übelkeit, Erbrechen, extreme Licht- und Lärmempfindlichkeit und in rund einem Drittel der Fälle eine sogenannte Aura – visuelle oder sensorische Phänomene wie Flimmersehen oder Taubheitsgefühle – begleiten den Schmerz. Körperliche Aktivität verschlimmert die Beschwerden typischerweise. Viele Betroffene können während eines Anfalls kaum aufstehen.
Die AWMF-Leitlinie zur Therapie der Migräne (Registernummer 030-057, überarbeitet 2022, herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und der DMKG) unterscheidet zwischen episodischer Migräne (unter 15 Kopfschmerztage pro Monat) und chronischer Migräne (15 oder mehr Kopfschmerztage pro Monat über mindestens drei Monate). Letztere betrifft nach DMKG-Schätzungen rund zwei Millionen Menschen in Deutschland und ist mit starker beruflicher und sozialer Beeinträchtigung verbunden.
Warum Frauen dreimal häufiger betroffen sind
Laut Auswertungen des Robert Koch-Instituts aus dem Gesundheitssurvey GEDA 2019/2020 berichten rund 14 Prozent der Frauen und etwa 6 Prozent der Männer in Deutschland von Migräne. Der Unterschied ist biologisch begründet: Östrogen und Progesteron beeinflussen direkt die Schwelle für Migräneanfälle. Der Abfall des Östrogenspiegels kurz vor der Menstruation ist der häufigste identifizierbare Auslöser – man spricht von menstrueller Migräne, die bei schätzungsweise 10 bis 14 Prozent aller betroffenen Frauen vorkommt, so die DMKG.
In der Pubertät überholen Mädchen die Jungen bei der Migränehäufigkeit deutlich, in der Schwangerschaft bessern sich die Beschwerden oft – wegen stabiler Hormonspiegel –, und nach der Menopause lässt die Migräne bei vielen Frauen nach. Diese hormonellen Zusammenhänge sind gut belegt, werden in der klinischen Praxis aber noch nicht immer ausreichend berücksichtigt.
Neue Therapien – was hilft wirklich?
Bei einem akuten Migräneanfall sind nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Naproxen und Triptane die erste Wahl, sofern rechtzeitig eingenommen. Die AWMF-Leitlinie empfiehlt, Triptane so früh wie möglich im Anfall zu nehmen – nicht erst bei sehr starkem Schmerz. Seit 2019 sind auch die sogenannten Gepante (CGRP-Rezeptor-Antagonisten) verfügbar; in Deutschland ist Rimegepant seit 2023 unter dem Namen Vydura zugelassen.
Wer vier oder mehr Migränetage pro Monat hat, kommt laut AWMF-Leitlinie für eine Vorbeugung (Prophylaxe) infrage. Seit 2021 sind monoklonale Antikörper gegen das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) oder seinen Rezeptor zugelassen: Erenumab (Aimovig), Fremanezumab (Ajovy) und Galcanezumab (Emgality). Gesetzlich Versicherte können diese Injektionen seit Ende 2023 nach Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) unter bestimmten Voraussetzungen erstattet bekommen – etwa bei chronischer Migräne und erfolgloser Vorbehandlung mit mindestens zwei anderen Prophylaxe-Mitteln. Studien zeigen, dass die Antikörper die Zahl der Migränetage um durchschnittlich 50 Prozent oder mehr halbieren können.
Ergänzend zur medikamentösen Therapie belegen Studien die Wirksamkeit von Entspannungsverfahren und Stressmanagement. Da Stress zu den häufigsten Auslösern gehört, helfen Angebote wie MindDoc oder HelloBetter dabei, Stress- und Erschöpfungsphasen zu erkennen und gegenzusteuern. Die Telemedizin-Plattformen Kry und TeleClinic ermöglichen es, Migräne-Beschwerden ohne langen Warteweg mit einem Neurologen oder Allgemeinmediziner zu besprechen und ein Rezept zu erhalten – besonders hilfreich in ländlichen Regionen oder bei akutem Bedarf. Auf bestes.com findest du einen Überblick über digitale Angebote rund um Kopfschmerz, Stressmanagement und Telemedizin.
Was Betroffene jetzt tun können
Wer regelmäßig unter Kopfschmerzen leidet, die länger als vier Stunden andauern und von Übelkeit oder Lichtscheu begleitet werden, sollte das Thema beim Hausarzt ansprechen. Ein Kopfschmerztagebuch – ob auf Papier oder per App – hilft dabei, Häufigkeit, Dauer, Auslöser und Begleitbeschwerden zu dokumentieren und dem Arzt einen guten Überblick zu geben. Die DMKG stellt auf ihrer Website ein kostenloses Tagebuch zum Download bereit.
Bei mehr als vier Migränetagen pro Monat ist eine Überweisung zum Neurologen sinnvoll. Wichtig: Wer zu oft Schmerzmittel nimmt – mehr als zehn Tage pro Monat bei Triptanen oder mehr als 15 Tage bei NSAR – riskiert einen medikamenteninduzierten Dauerkopfschmerz, der die ursprüngliche Migräne noch verschlimmert. Darauf weist die AWMF-Leitlinie ausdrücklich hin.
Häufige Fragen
Ist Migräne heilbar?
Migräne ist derzeit nicht heilbar, aber gut behandelbar. Viele Betroffene erzielen durch eine Kombination aus Akuttherapie, Prophylaxe und Verhaltensmaßnahmen eine deutliche Reduktion der Anfälle. Bei einem Teil der Betroffenen bessert sich die Migräne im Lauf des Lebens oder nach der Menopause ohne spezifische Therapie.
Ab wann brauche ich einen Neurologen?
Die DMKG empfiehlt eine neurologische Abklärung, wenn Kopfschmerzen besonders stark sind, erstmals nach dem 50. Lebensjahr auftreten, sich innerhalb weniger Minuten zu einem Maximum steigern oder mit neurologischen Ausfällen (Sehverlust, Lähmung, Sprachstörung) einhergehen. Wer vier oder mehr Migränetage pro Monat hat, sollte ebenfalls einen Facharzt aufsuchen – um zu prüfen, ob eine Prophylaxe sinnvoll ist.