Long COVID und ME/CFS: 500 Millionen Euro für die Forschungsoffensive
Deutschland startet die Nationale Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen. Erste Forschungsförderung seit Juni 2026 – was Betroffene wissen müssen.
Mehr als 1,4 Millionen Menschen in Deutschland leben derzeit mit Long COVID oder ME/CFS – einem Zustand dauerhafter Erschöpfung, der sie oft nicht mehr zur Arbeit fähig macht und für den es noch keine wirksame Therapie gibt. Nun kommt Bewegung: Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) hat am 1. Juni 2026 die erste Fördermaßnahme der „Nationalen Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen" ausgeschrieben. Forschende können sich bis zum 2. September 2026 bewerben.
Was hinter der Nationalen Dekade steckt
Bundesforschungsministerin Dorothee Bär hatte die Nationale Dekade am 30. Januar 2026 offiziell gestartet. Ziel ist es, Long COVID und ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom) in den nächsten zehn Jahren besser zu verstehen und Therapien zu entwickeln. Dafür stellt der Bund 500 Millionen Euro bereit – 50 Millionen Euro pro Jahr von 2026 bis 2036. Es ist das größte staatliche Forschungsprogramm zu postinfektiösen Erkrankungen in der Geschichte Deutschlands.
Long COVID entsteht, wenn Symptome nach einer SARS-CoV-2-Infektion mehr als zwölf Wochen anhalten. ME/CFS ist eine chronische Erkrankung des Immunsystems und des Nervensystems, die nach verschiedenen Infektionen auftreten kann – auch schon lange vor der Pandemie war sie bekannt. Beide Erkrankungen sind durch eine extreme Erschöpfung gekennzeichnet, die sich durch Ruhe nicht bessert, und können Betroffene über Jahre arbeitsunfähig machen.
Was die erste Fördermaßnahme konkret ermöglicht
Die am 1. Juni ausgeschriebene Förderrichtlinie richtet sich an klinische Studien zur Diagnose und Behandlung postinfektiöser Erkrankungen. Die Förderung läuft über drei Module: Im ersten Modul werden randomisierte klinische Studien mit einer Laufzeit von bis zu fünf Jahren gefördert. Modul 2 unterstützt systematische Übersichtsarbeiten, die vorhandene Studienergebnisse zusammenfassen. Modul 3 fördert Konzeptphasen, in denen Patientinnen und Patienten aktiv an der Planung künftiger Studien mitwirken.
Bewerbungsberechtigt sind Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, Kliniken und zivilgesellschaftliche Organisationen. Unternehmen können als Kooperationspartner teilnehmen, nicht aber als direkte Antragsteller. Besonders bemerkenswert ist die Pflicht zur Patientenbeteiligung: Projekte ohne aktive Einbindung Betroffener können nur in begründeten Ausnahmefällen gefördert werden. Erste Ergebnisse aus geförderten Projekten sind frühestens im ersten Halbjahr 2027 zu erwarten.
Wie groß das Problem wirklich ist
Die Dimension des Problems macht die Dringlichkeit deutlich. Laut einer aktualisierten Analyse der ME/CFS Research Foundation und des Risikomodellierungs-unternehmens Risklayer vom April 2026 belaufen sich die gesamtgesellschaftlichen Kosten durch Long COVID und ME/CFS in Deutschland allein im Jahr 2025 auf 64,4 Milliarden Euro – das entspricht rund 1,44 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Seit Beginn der Pandemie summieren sich die volkswirtschaftlichen Schäden auf über 318 Milliarden Euro.
Davon sind nach Berechnungsstand Dezember 2025 rund 757.000 Menschen von Long COVID und weitere 657.000 von ME/CFS betroffen. Beide Erkrankungen führen häufig zu dauerhafter Erwerbsminderung und belasten Betroffene, Familien und das Gesundheitssystem erheblich. Dazu kommt, dass die offiziell gemeldeten SARS-CoV-2-Infektionen die tatsächliche Lage stark unterschätzen: Laut Abwasserdaten und Notaufnahme-Berichten lagen 2025 die echten Fallzahlen 80- bis 200-mal höher als in der Statistik des Robert Koch-Instituts – mit entsprechend vielen neuen Long-COVID-Fällen.
Was Betroffene jetzt wissen müssen
Für Menschen, die selbst an Long COVID oder ME/CFS erkrankt sind, ändert die Nationale Dekade nichts an der unmittelbaren Versorgungssituation. Wirksame Therapien werden durch die geförderten Studien frühestens in einigen Jahren verfügbar sein. Bis dahin bleibt die Lage für viele Betroffene schwierig: Viele Hausärzte kennen ME/CFS noch wenig, Long COVID wird von Krankenkassen unterschiedlich anerkannt, und ein formales Diagnoseverfahren für ME/CFS fehlt in Deutschland bislang.
Trotzdem ist das Programm ein wichtiger Schritt. Die ME/CFS Research Foundation kommentierte die erste Fördermaßnahme positiv, mahnt aber Tempo an: „Jährliche Kosten von 64,4 Milliarden Euro stehen 500 Millionen Euro staatlicher Forschungsförderung für die nächsten zehn Jahre gegenüber", sagte Joerg Heydecke, Geschäftsführer der Stiftung. Der Erfolg der Nationalen Dekade werde daran gemessen, ob tatsächlich wirksame Therapien in den nächsten Jahren verfügbar werden.
Was die Forschung parallel unternimmt
Neben der staatlichen Förderung hat die ME/CFS Research Foundation im Februar 2026 ein eigenes Förderprogramm mit mindestens zwei Millionen Euro für biomedizinische Forschungsprojekte aufgelegt. Ausgewählte Projekte sollen im Juli 2026 bekanntgegeben werden, erste Ergebnisse werden für Ende 2027 oder Anfang 2028 erwartet. Auf der Internationalen ME/CFS-Konferenz im Mai 2026 stellte Prof. Carmen Scheibenbogen aktuelle therapeutische Studien vor – darunter Ansätze zur B-Zell-Depletion, die erste Daten liefern könnten.
Auf bestes.com findest du eine Übersicht digitaler Gesundheitsangebote, die bei Fatigue-Symptomen, Schlafstörungen und der Bewältigung chronischer Erschöpfungszustände unterstützen können – von App-basierten Therapieprogrammen bis hin zu digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA), die von gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden.
Häufige Fragen zu Long COVID und ME/CFS
Was ist der Unterschied zwischen Long COVID und ME/CFS?
Long COVID beschreibt anhaltende Symptome nach einer SARS-CoV-2-Infektion. ME/CFS ist eine eigenständige chronische Erkrankung, die auch durch andere Infektionen ausgelöst werden kann. Bei einem Teil der Long-COVID-Betroffenen entwickelt sich mit der Zeit ein vollständiges ME/CFS-Bild.
Gibt es schon zugelassene Therapien?
Nein. Derzeit gibt es keine zugelassenen Medikamente, die Long COVID oder ME/CFS gezielt behandeln. Die Versorgung zielt bisher auf das Lindern einzelner Symptome ab – zum Beispiel Schlafstörungen, Schmerzen oder Konzentrationsschwierigkeiten.
Wann sind erste Ergebnisse der Nationalen Dekade zu erwarten?
Die jetzt ausgeschriebenen Studien starten frühestens Anfang 2027. Bei fünfjährigen Projekten sind Ergebnisse also nicht vor 2030–2032 zu erwarten. Kürzere Fördermodule (Modul 2 und 3) könnten früher Erkenntnisse liefern.