Jo-Jo-Effekt: Neue Lancet-Studie entkraeftet jahrelange Warnung
Helmholtz Munich & DZD, The Lancet Diabetes & Endocrinology 2026: Die weitverbreitete Angst vor dem Jo-Jo-Effekt ist wissenschaftlich nicht belegt. Was das fuer alle bedeutet, die mit ihrem Gewicht ringen.
Millionen Menschen kennen das frustierende Muster: Eine Diaet klappt – und Monate spaeter sind die Kilos zurueck. Der Jo-Jo-Effekt gilt seit Jahrzehnten als besonders gefaehrlich: schaedlicher als dauerhaftes Uebergewicht, eine Falle, die Stoffwechsel und Muskeln dauerhaft schaedigt. Eine neue Analyse in *The Lancet Diabetes & Endocrinology* stellt diese Ueberzeugung fundamental in Frage – und liefert eine beruhigende Botschaft fuer alle, die immer wieder mit ihrem Gewicht ringen.
## Was ist der Jo-Jo-Effekt – und warum gilt er als schaedlich?
Als Jo-Jo-Effekt – medizinisch "weight cycling" oder Gewichtsschwankung – bezeichnet man das Muster aus Gewichtsverlust und anschliessender Gewichtszunahme. Statistisch ist es extrem verbreitet: Schatzungen zufolge nehmen rund 80 Prozent aller Menschen, die erfolgreich abnehmen, innerhalb weniger Jahre einen Grossteil des Gewichts wieder zu. Allein in Deutschland leben nach Angaben des Robert Koch-Instituts rund 47 Prozent der Erwachsenen mit Uebergewicht – der Wunsch abzunehmen und der Frust ueber erneute Zunahme betrifft also einen grossen Teil der Bevoelkerung.
Ueber Jahrzehnte haben Forschende und Aerzte dieses Phaenomen mit einer langen Schadensliste verbunden: verstaerkte Fettzunahme, dauerhafter Muskelverlust, verlangsamter Grundumsatz und ein erhoehtes Risiko fuer Typ-2-Diabetes sowie Herzerkrankungen. Diese Bedenken haben sich tief in die medizinische Praxis eingegraben – und manchmal dazu gefuehrt, dass Menschen gar nicht erst versucht haben abzunehmen, aus Angst, am Ende schlechter dazustehen als vorher.
## Die Lancet-Analyse: Was die Daten wirklich zeigen
Fuer die neue Auswertung haben Prof. Faidon Magkos von der Universitaet Kopenhagen und Prof. Norbert Stefan vom Deutschen Zentrum fuer Diabetesforschung (DZD), der Universitaetsklinik Tuebingen und Helmholtz Munich jahrzehntelange Forschung kritisch durchleuchtet: Beobachtungsstudien, randomisierte klinische Studien und Tierversuche [1]. Das Fazit der Autoren ist eindeutig: Werden in den Studien relevante Stoerfaktoren korrekt beruecksichtigt – Vorerkrankungen, Alter oder eine allgemeine Neigung zu Uebergewicht – verschwinden die vermeintlich schaedlichen Auswirkungen des Jo-Jo-Effekts weitgehend.
"Viele Menschen, die mit ihrem Gewicht zu kaempfen haben, schrecken davor zurueck abzunehmen, weil sie befuerchten, dass der Jo-Jo-Effekt zu Muskelabbau fuehren und ihren Stoffwechsel beeintraechtigen koennte", erklaert Prof. Magkos. "Unsere Untersuchung zeigt, dass diese Befuerchtungen weitgehend unbegruendet sind. In den meisten Faellen ueberwiegen die Vorteile einer Gewichtsabnahme eindeutig die theoretischen Risiken des Jo-Jo-Effekts [1]."
## Muskelmasse und Stoffwechsel: keine dauerhaften Schaeden
Einer der hartnackigsten Mythen betrifft die Koerperzusammensetzung: Viele glauben, dass wiederholtes Abnehmen und Zunehmen den Koerper dauerhaft schlechter macht – mehr Fett, weniger Muskeln, niedrigerer Grundumsatz als vor der Diaet. Studien, die die Koerperzusammensetzung objektiv und mit modernen Verfahren erfasst haben, liefern dafuer jedoch keine konsistenten Belege [1]. In der Regel kehren Menschen nach einer Gewichtszunahme zu einer Koerperzusammensetzung zurueck, die der zu Studienbeginn aehnelt – und nicht schlechter ist.
Die Autoren betonen eine zentrale Unterscheidung: "Eine erneute Gewichtszunahme bringt die Menschen wieder auf das Ausgangsrisiko zurueck – nicht darueber hinaus. Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Verlust von Vorteilen und der Verursachung von Schaeden", schreiben Stefan und Magkos [1]. Auch fuer das Langzeitrisiko fuer Diabetes und Herzerkrankungen gilt: Sobald das durchschnittliche Koerpergewicht beruecksichtigt wird, verschwindet der Jo-Jo-Effekt als eigenstaendiger Risikofaktor weitgehend aus den Daten.
## Jeder Abnehmversuch lohnt sich – auch ohne dauerhaften Erfolg
Die Erkenntnis hat eine wichtige praktische Konsequenz: Menschen mit Uebergewicht oder Adipositas sollten nicht davon abgehalten werden, Gewicht zu verlieren – auch wenn die langfristige Gewichtskontrolle schwierig bleibt. Selbst wenn die Gewichtsreduktion nicht dauerhaft aufrechterhalten wird, sind die positiven Effekte waehrend der Abnahme real: Blutzucker, Blutdruck und Blutfettwerte verbessern sich messbar.
Dass diese Verbesserungen bei erneuter Gewichtszunahme zurueckgehen, bedeutet nach Ansicht der Autoren nur, dass Vorteile verloren gehen – aber keine neuen Schaeden entstehen. "Der Versuch abzunehmen und dabei zu scheitern, ist nicht schaedlich. Aber ganz aufzugeben, koennte es sein", formuliert Magkos pointiert [1].
## Entwarnung auch fuer moderne Abnehmmedikamente
Die Ergebnisse sind besonders relevant vor dem Hintergrund moderner Therapien. GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid (bekannt als Ozempic oder Wegovy) oder duale Inkretin-Agonisten fuehren bei Menschen mit Adipositas zu starkem Gewichtsverlust – nach dem Absetzen nehmen viele das Gewicht jedoch wieder zu, ein klassisches Jo-Jo-Muster. Bisher haben solche Sorgen manchmal dazu gefuehrt, Therapien zu vermeiden oder vorzeitig zu beenden. Die Lancet-Analyse entkraeftet dieses Argument: Entscheidend fuer das langfristige Stoffwechselrisiko ist laut Stefan und Magkos nicht die Schwankung selbst, sondern der durchschnittliche Koerperfettanteil ueber einen laengeren Zeitraum [1]. Phasen mit niedrigerem Gewicht – auch wenn sie nicht dauerhaft sind – koennen damit gesundheitlich sinnvoll sein.
## Was das fuer den Alltag bedeutet
Fuer Menschen, die immer wieder versuchen abzunehmen und immer wieder scheitern, ist die Botschaft der Lancet-Analyse klar: Kein Abnehmversuch ist verschwendete Muehe. Jede Phase der Gewichtsreduktion verbessert Stoffwechselwerte und reduziert Risikofaktoren – unabhaengig davon, was danach kommt. Digitale Ernaehrungs- und Gewichtsmanagement-Werkzeuge koennen dabei helfen, diese Phasen zu verlaengern, Essgewohnheiten bewusster zu gestalten und nach Rueckschlaegen ohne Schuldgefuehle wieder anzuknuepfen. Ganz im Sinne des Fazits von Magkos und Stefan: Abnehmen lohnt sich – immer wieder [1].