Von Redaktion

Jahrbuch Sucht 2026: 2,16 Millionen Menschen in Deutschland alkoholabhängig

Das DHS Jahrbuch Sucht 2026 zeigt: Alkohol fordert 44.000 Todesfälle pro Jahr, Cannabis-Konsum steigt, und Deutschland liegt bei der Alkoholpolitik auf dem vorletzten Platz in Europa.

Sucht betrifft weit mehr Menschen in Deutschland als gemeinhin angenommen. Das zeigt das DHS Jahrbuch Sucht 2026, das die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) Mitte April 2026 veröffentlicht hat. Es ist das umfassendste jährliche Datenwerk zum Konsum von Alkohol, Tabak, Cannabis, Medikamenten und illegalen Drogen in Deutschland – und die Zahlen sind alarmierend: Allein beim Alkohol geht es um 44.000 Todesfälle pro Jahr, 2,16 Millionen abhängige Menschen – und ein Land, das bei der Alkoholpolitik in Europa auf dem vorletzten Platz liegt.

Alkohol: Jeder fünfte Krankenhausfall ist alkoholbedingt

Rund 69 Prozent der Erwachsenen zwischen 18 und 64 Jahren gaben an, in den letzten 30 Tagen Alkohol getrunken zu haben. Dahinter steckt ein erhebliches Suchtproblem: Laut aktuellen Schätzungen leben 1,7 Millionen Menschen in Deutschland im Alter von 18 bis 64 Jahren mit einem Alkoholmissbrauch, weitere 2,16 Millionen sind alkoholabhängig. Die DHS-Fachleute betonen, dass diese Zahlen die tatsächliche Verbreitung eher unterschätzen.

Die gesundheitliche Last ist enorm: Jährlich sterben in Deutschland rund 44.000 Menschen an den Folgen von Alkoholkonsum. Im Krankenhaus wurden 2024 rund 283.500 Patientinnen und Patienten wegen einer ausschließlich durch Alkohol bedingten Diagnose stationär behandelt. Noch drastischer: In der Altersgruppe der 20- bis 65-Jährigen ist bis zu jeder fünfte Krankenhausfall alkoholbedingt. Bei Männern gehen rund sieben Prozent aller vorzeitigen Todesfälle auf Alkohol zurück.

„Alkohol ist kein gewöhnliches Genussmittel. Jede Phase des Alkoholkonsums – vom gelegentlichen Trinken bis hin zur Abhängigkeit – geht mit einem steigenden Risiko für gesundheitliche Schäden einher. Es gibt keinen gesundheitlich unbedenklichen oder gar gesundheitsförderlichen Konsum", erklärt Dr. Francesca Borlak, Suchtmedizinerin und Mitautorin des Jahrbuchs.

Pro-Kopf-Konsum über EU-Schnitt – Politik versagt

Zwischen 2019 und 2024 lag der registrierte Pro-Kopf-Alkoholkonsum in Deutschland bei durchschnittlich 10,6 Litern reinen Alkohol pro Jahr – gemessen auf Basis von Verkaufs- und Steuerdaten. Das ist mehr als der europäische Durchschnitt. Dennoch tut Deutschland politisch wenig dagegen.

Eine systematische Bewertung der Alkoholpolitik in 18 europäischen Ländern zeigt: Deutschland landet gemeinsam mit Österreich auf dem vorletzten Platz. Ein breites Bündnis von über 25 Fachgesellschaften unter Federführung der DHS fordert in einem Positionspapier konkrete Schritte: deutlich höhere Verbrauchsteuern auf Alkohol und stärkere Maßnahmen zur Einschränkung der Verfügbarkeit. „Wir wissen, was wirkt – allerdings haben wir ein großes ungenutztes Potenzial in der Umsetzung geeigneter Maßnahmen", sagt Dr. Carolin Kilian, Public-Health-Expertin und Mitautorin des Jahrbuchs.

Tabak: Ein Drittel der Erwachsenen raucht noch immer

Beim Tabak gibt es eine mäßige Entspannung, aber keine Entwarnung. Der Anteil der rauchenden Erwachsenen in Deutschland ist seit den frühen 2000er Jahren gesunken – stagniert aber seit einigen Jahren. Laut aktuellen Daten aus dem Jahr 2025 rauchen 33,7 Prozent der Erwachsenen noch immer Tabakprodukte. Bei Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren liegt dieser Anteil mit 6,8 Prozent (Daten 2023) deutlich niedriger, steigt bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren aber wieder auf 26,3 Prozent.

Gleichzeitig wächst der Konsum neuartiger Nikotinprodukte: E-Zigaretten und Tabakerhitzer werden besonders bei jüngeren Erwachsenen immer häufiger genutzt. 3,0 Prozent der 14- bis 64-Jährigen nutzen aktuell E-Zigaretten. Die DHS-Geschäftsführerin Christina Rummel mahnt: „Bisherige Maßnahmen der Tabakkontrolle greifen zu kurz. Um Tabak- und Nikotinkonsum wirksam zu reduzieren, müssen individuelle Unterstützung und strukturelle Maßnahmen Hand in Hand gehen."

Cannabis: 5,1 Millionen Konsumenten – stationäre Behandlungen steigen

Nach der Teillegalisierung von Cannabis in Deutschland wächst auch die öffentliche Aufmerksamkeit für cannabisbezogene Störungen. Das Jahrbuch Sucht 2026 zeigt: 5,1 Millionen Erwachsene im Alter von 18 bis 64 Jahren – das entspricht 9,8 Prozent – gaben an, Cannabis in den letzten zwölf Monaten konsumiert zu haben. Männer tun dies etwas häufiger als Frauen, zeigen auch deutlich höhere Prävalenzen bei Missbrauch oder Abhängigkeit (1,8 Prozent vs. 1,1 Prozent bei Frauen).

Cannabinoidbezogene Störungen sind nach alkoholbezogenen Störungen der zweithäufigste Grund, warum Menschen in Deutschland Suchthilfe in Anspruch nehmen. Zwar sind die ambulanten Fälle 2024 erstmals nach jahrelangem Anstieg gesunken – von 26.633 auf 22.231 Fälle –, doch die stationären Behandlungen steigen weiter: von 3.056 auf 3.430 Fälle im selben Jahr.

Medikamente und Selbsthilfe: Was wirklich hilft

Auch die Medikamentenabhängigkeit bleibt ein weitgehend unsichtbares Problem. Das Jahrbuch schätzt, dass 1,5 bis 1,9 Millionen Menschen in Deutschland medikamentenabhängig sind – vor allem von Benzodiazepinen und Z-Substanzen, die entgegen ärztlicher Empfehlungen häufig langfristig verschrieben werden. Trotz engem Kontakt zum Gesundheitssystem befindet sich nur ein winziger Teil in spezifischer Suchtbehandlung.

DHS-Geschäftsführer Dr. Peter Raiser fasst die Lage zusammen: „Sucht betrifft uns alle – und ist weiter verbreitet, als viele denken. Die Folgen von Abhängigkeitserkrankungen spüren wir in allen gesellschaftlichen Bereichen. Notwendig ist eine übergreifende Strategie, in der gesundheits- wie sozial- und wirtschaftspolitisch gedacht wird. Suchtpolitik muss evidenzbasiert und frei von Ideologien sein." Wer Unterstützung sucht, findet erste Anlaufstellen beim bundesweiten Suchthilfeverzeichnis der DHS unter dhs.de.

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