Endometriose in Deutschland: Diagnosen verdoppelt – was der BARMER-Arztreport 2026 zeigt
BARMER-Arztreport 2026: Endometriose-Diagnosen haben sich in 20 Jahren verdoppelt – auf 510.000 Fälle. Was das für Betroffene bedeutet.
Endometriose ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen bei Frauen im gebärfähigen Alter – und dennoch bleibt sie oft jahrelang unerkannt. Jetzt liefert der BARMER-Arztreport 2026 eine alarmierende Bestandsaufnahme: Die Zahl der Frauen mit gesicherter Endometriose-Diagnose in Deutschland hat sich innerhalb von zwanzig Jahren mehr als verdoppelt. Gleichzeitig sinkt das Durchschnittsalter bei der Erstdiagnose. Was steckt dahinter – und was bedeutet das für Betroffene?
Mehr als eine halbe Million Frauen betroffen
Im Jahr 2005 wiesen rund 230.000 Frauen in Deutschland eine gesicherte Endometriose-Diagnose auf. Bis 2024 ist diese Zahl laut BARMER-Arztreport 2026 auf rund 510.000 gestiegen – ein Anstieg von mehr als 100 Prozent in zwei Jahrzehnten. Die Studie basiert auf den anonymisierten Abrechnungsdaten von BARMER-Versicherten und bildet damit rund zehn Prozent der deutschen Bevölkerung ab. Die Ergebnisse wurden auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet.
Besonders auffällig: Das Durchschnittsalter bei der Erstdiagnose ist zwischen 2015 und 2024 um 3,8 Jahre gesunken – auf jetzt 37,4 Jahre. Frauen werden also früher als Endometriose-Patientinnen erkannt als noch eine Dekade zuvor. Prof. Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der BARMER, wertet das als Fortschritt: „Endometriose ist viel stärker im gesellschaftlichen Bewusstsein angekommen. Somit wird die Diagnose früher gestellt, und für die Frauen entfallen Jahre der Ungewissheit."
Dennoch gilt: Die durchschnittlich sieben bis zehn Jahre, die Frauen in Deutschland im Schnitt auf eine Diagnose warten müssen, sind immer noch zu lang. Viele halten ihre Unterleibsschmerzen für normale Regelschmerzen – eine Verwechslung, die die Erkrankung lange im Verborgenen hält.
Was ist Endometriose – und warum ist sie so schwer zu fassen?
Bei einer Endometriose wächst Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutterhöhle. Am häufigsten finden sich solche Herde am Bauchfell, an den Eierstöcken oder am Darm. Das Gewebe reagiert wie normale Gebärmutterschleimhaut auf den Menstruationszyklus – es baut sich auf, blutet und zieht sich zurück. Da dieses Blut keinen Abfluss hat, entstehen Entzündungen, Vernarbungen und chronische Schmerzen.
Bis heute ist nicht vollständig geklärt, warum diese Erkrankung entsteht. Forschende diskutieren genetische Faktoren, Immunstörungen und hormonelle Einflüsse als mögliche Ursachen. Was klar ist: Endometriose entwickelt sich typischerweise ab oder nach der ersten Regelblutung und kann bis zu den Wechseljahren andauern. Sie kann sich auch negativ auf die Fruchtbarkeit auswirken.
Die Symptome sind vielfältig: Unterleibsschmerzen während oder nach dem Geschlechtsverkehr, krampfartige Schmerzen während der Menstruation, Schmerzen beim Stuhlgang oder Wasserlassen – und häufig ein diffuses Gefühl chronischer Erschöpfung. Weil diese Beschwerden so unspezifisch sind, dauert es im Schnitt lange, bis Ärztinnen und Ärzte die richtige Diagnose stellen.
Krankenhausbehandlungen stiegen um mehr als 80 Prozent
Nicht nur die Diagnosezahlen, auch die stationären Behandlungsfälle sind laut BARMER-Arztreport deutlich gestiegen: Seit 2005 nahmen Krankenhausbehandlungen aufgrund von Endometriose um mehr als 80 Prozent zu – auf rund 38.000 Fälle pro Jahr. Das zeigt, wie hoch die Krankheitslast ist, die Endometriose erzeugt.
Studienautor Prof. Dr. Joachim Szecsenyi vom Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen sieht jedoch Anlass zur Hoffnung: „Aufgrund der aktualisierten Leitlinie könnte sich die Anzahl der Krankenhausbehandlungen bei Endometriose in den kommenden Jahren verringern." Statt der klassischen Bauchspiegelung mit Gewebeentnahme sieht die neue Leitlinie in vielen Fällen nicht-invasive bildgebende Verfahren vor – das kann die Rate unnötiger Eingriffe senken.
Neue Leitlinie 2025: Multimodal und weniger operativ
Im Juni 2025 trat die überarbeitete S2k-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Endometriose in Kraft, herausgegeben unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Sie löst die bisherige Version von 2020 ab und bringt wichtige Neuerungen.
Zentraler Wandel: Die Indikation zur Operation wird nicht mehr pauschal gestellt, sondern individuell abgewogen – abhängig von Beschwerden, Lokalisation der Erkrankung und dem Kinderwunsch der Patientin. Gleichzeitig erhalten komplementäre Therapien wie Akupunktur, Ernährungstherapie, Yoga und Physiotherapie erstmals eine ausdrückliche Empfehlung in der Leitlinie – sofern sie von qualifizierten Fachpersonen durchgeführt werden. Auch psychotherapeutische Unterstützung wird stärker berücksichtigt, da Frauen mit Endometriose laut BARMER-Arztreport signifikant häufiger an depressiven Episoden und Angststörungen leiden.
Für Betroffene bedeutet das: Eine Operation ist nicht mehr der einzige Weg. Ein individuell zugeschnittenes, multimodales Behandlungskonzept kann genauso wirksam sein – und Nebenwirkungen minimieren.
Begleiterkrankungen und regionale Unterschiede
Der BARMER-Arztreport zeigt auch, dass Endometriose selten allein kommt. Frauen mit dieser Diagnose haben laut Arztreport deutlich mehr Begleiterkrankungen als es ihrem Alter entsprechend zu erwarten wäre. Bauch- und Beckenschmerzen wurden mehr als doppelt so häufig dokumentiert wie bei Frauen ohne Endometriose-Diagnose. Ebenso traten Migräne, Muskel-Skelett-Erkrankungen, depressive Episoden und Angststörungen überdurchschnittlich oft auf. Das macht eine ganzheitliche Therapie notwendig – eine reine Behandlung der gynäkologischen Aspekte reicht nicht aus.
Zudem gibt es große regionale Unterschiede bei der Versorgung. Die niedrigste Erstdiagnoserate liegt laut Arztreport in Thüringen, rund 20 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt. Das Saarland hat die höchste Rate, rund 20 Prozent über dem Schnitt. Endometriose wird häufiger in dicht besiedelten als in dünn besiedelten Regionen diagnostiziert. Ein Zeichen dafür, dass das Bewusstsein für die Erkrankung noch längst nicht flächendeckend verankert ist.
Was bedeutet das für Betroffene – und was können sie tun?
Wenn monatliche Schmerzen den Alltag dominieren, wenn das Gefühl entsteht, dass die Beschwerden mehr sind als normales Menstruationsschmerzen, sollte das ernst genommen werden. Laut BARMER-Chef Straub ist es entscheidend, dass betroffene Frauen „rasch eine passgenaue und langfristige Therapie erhalten, die sich stets auch an den individuellen Umständen orientiert" – einschließlich eines möglichen Kinderwunsches.
Konkrete erste Schritte: ein offenes Gespräch mit der Gynäkologin oder dem Gynäkologen über das Schmerzmuster und den Zyklus, das Führen eines Symptom-Tagebuchs über mehrere Monate sowie gegebenenfalls eine Überweisung an ein zertifiziertes Endometriose-Zentrum. Digitale Apps können dabei helfen, Symptome zu dokumentieren und Muster zu erkennen – ein wichtiger Schritt zur früheren Diagnose. Auf bestes.com findest du eine Übersicht über digitale Gesundheitsangebote im Bereich Frauengesundheit.
Die Zahlen des BARMER-Arztreports sind ein Signal: Endometriose ist keine seltene Erkrankung mehr – sie ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen bei Frauen. Je früher sie erkannt wird, desto besser lassen sich Schäden verhindern und die Lebensqualität erhalten.