Von Redaktion

Digital Health Report 2026: Was Patienten wirklich wollen – und wie KI beim Arzt gerade alles verändert

70 Prozent der Patienten fordern mehr Tempo bei der Digitalisierung. Was KI in Arztpraxen schon heute verändert – und was das für Sie bedeutet.

Sie warten wochenlang auf einen Arzttermin, müssen für ein Rezept extra in die Praxis fahren und bekommen beim Anruf eine Warteschleife. Gleichzeitig verwalten Sie Ihren Kontostand per App, streamen Filme auf Abruf und bestellen Lebensmittel innerhalb einer Stunde nach Hause. Das Gesundheitswesen fühlt sich dagegen an wie ein Sprung in die Vergangenheit. Und das, so zeigt der Digital Health Report 2026, sehen die meisten Menschen in Deutschland genauso.

Sieben von zehn Patienten sind unzufrieden – mit dem Tempo

Im Auftrag von Doctolib hat das Marktforschungsinstitut YouGov im Sommer 2025 mehr als 1.000 Patientinnen und Patienten sowie rund 400 Ärztinnen, Ärzte und medizinische Fachangestellte in Deutschland befragt. Das Ergebnis ist eindeutig: 70 Prozent der Befragten finden, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen viel zu langsam vorangeht. Nur 35 Prozent empfinden die Suche nach einem freien Arzttermin als einfach – obwohl Online-Buchung längst technisch möglich wäre.

Das ist keine Frage von Technikfeindlichkeit. Im Gegenteil: Laut dem Report würden 65 Prozent der Patienten ihre Gesundheitsdaten mit KI-Systemen teilen – vorausgesetzt, sie können jederzeit widersprechen. Weitere 59 Prozent wären dazu bereit, wenn es dem Arzt hilft, sich besser auf den Termin vorzubereiten. Die Bereitschaft zur Digitalisierung ist da. Es fehlt an Angeboten, die diese Bereitschaft aufgreifen.

Was Patienten laut dem Report am meisten stört: schwer erreichbare Praxen, komplizierte Terminsuche und mangelnde digitale Kommunikation nach dem Besuch. Das sind keine Wünsche nach Luxus, sondern Grunderwartungen, die in anderen Lebensbereichen längst erfüllt werden.

Was KI in der Arztpraxis heute schon kann

Während Patienten auf mehr Digitalisierung warten, hat sich in vielen Praxen bereits etwas verändert – oft unsichtbar für die Patientenseite. Mehr als 1.200 deutsche Arztpraxen setzen laut Branchenberichten bereits KI-gestützte Telefonassistenten ein. Diese Systeme beantworten Standardfragen rund um die Uhr, buchen Termine und leiten dringende Anliegen gezielt weiter, ohne dass eine medizinische Fachkraft am Telefon sitzen muss.

Das Ergebnis: Der manuelle Aufwand am Telefon sinkt um bis zu 60 Prozent. In einer typischen Praxis klingelt das Telefon täglich 100 bis 200 Mal – jeder Anruf unterbricht die Konzentration des Teams, mitten in einer Untersuchung, beim Schreiben eines Befunds, im Gespräch mit einer anderen Patientin. Wer KI abnimmt, was KI abnehmen kann, gibt dem Praxisteam Zeit zurück: laut Branchenauswertungen bis zu 15 Stunden pro Woche. Das sind 15 Stunden mehr für echte Arzt-Patienten-Gespräche.

Und die Patientenerfahrung? 85 Prozent der Befragten in Praxen mit automatischer Telefon-KI bewerten die ständige Erreichbarkeit als positiv, zeigen Auswertungen von Praxissoftware-Anbietern. Kein Besetztzeichen mehr, keine Warteschleife zu Stoßzeiten, keine vergessenen Rückrufe. Wer um 22 Uhr merkt, dass er morgen früh einen Termin braucht, kann buchen – ohne zu warten, bis die Praxis öffnet.

Warum Deutschland trotzdem zurückliegt

Wenn die Technologie da ist und die Bereitschaft auf beiden Seiten vorhanden ist – warum geht die Digitalisierung dann so langsam? Der Digital Health Report 2026 benennt die Ursachen klar: Bürokratie, fehlende Schnittstellen zwischen Systemen, unklare Zuständigkeiten und Software, die nicht miteinander kommuniziert. 79 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte halten digitale Lösungen grundsätzlich für hilfreich – ein Drittel sieht sie sogar als wichtigen Baustein, um strukturelle Probleme im System zu lösen. Doch der Weg von dieser Überzeugung zur tatsächlichen Umsetzung ist noch lang.

Andere Länder zeigen, dass es geht. Estland hat seit Jahren eine durchgängig digitale Patientenakte, abrufbar vom Smartphone. In Dänemark werden Arzttermine fast ausschließlich online gebucht, Befunde landen automatisch in einer zentralen Akte. In Deutschland dagegen existieren noch immer Papierrezepte, Faxgeräte und Praxissoftware-Inseln, die nicht miteinander reden.

Das ändert sich gerade: Das GeDIG (Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen), das die Bundesregierung im Juli 2026 beschlossen hat, treibt die Vernetzung aktiv voran. Die ePA wird ausgebaut, digitale Überweisungen kommen, und kassenindividuelle App-Ergänzungen sollen möglich werden. Der politische Wille ist da – die Umsetzung braucht Zeit.

Was das für Sie als Patientin oder Patient bedeutet

Der Wandel kommt – aber er kommt nicht von allein zu Ihnen. Wer aktiv nach digitalen Angeboten fragt, beschleunigt den Wandel in der eigenen Praxis. Fragen Sie: Gibt es Online-Terminbuchung? Kann ich Befunde digital erhalten? Nutzt die Praxis eine digitale Anamnese, die ich vor dem Termin ausfüllen kann? Nicht jede Praxis wirbt aktiv damit, was sie bereits digital anbietet. Nachfragen lohnt sich.

Für chronisch Kranke oder Menschen mit mehreren Erkrankungen ist die digitale Akte besonders relevant: Wenn Hausarzt, Facharzt und Apotheke auf dieselben Daten zugreifen können, entstehen weniger Fehler, weniger doppelte Untersuchungen, weniger riskante Wechselwirkungen. Laut Hochrechnungen des Bundesgesundheitsministeriums könnten allein durch einen besseren Medikationsplan 16.000 bis 25.000 tödliche Medikationsfehler pro Jahr verhindert werden.

Daten teilen – ja, aber mit Kontrolle

Ein besonders aufschlussreicher Befund des Reports betrifft das Thema Datenweitergabe. Bisher galt als gesetzt, dass Deutsche beim Thema Gesundheitsdaten besonders zurückhaltend sind. Die Realität ist differenzierter: 65 Prozent würden ihre Daten teilen – aber nur unter einer Bedingung: Transparenz und Widerspruchsrecht. Wer die Kontrolle behält, gibt auch Daten frei.

Das ist eine wichtige Botschaft an alle, die digitale Gesundheitslösungen entwickeln: Vertrauen entsteht nicht durch Überzeugungsarbeit, sondern durch echte Kontrolle. Apps und Plattformen, die erklären, was mit Daten passiert, und die ein echtes Opt-out ermöglichen, werden angenommen. Solche, die Zustimmung verstecken oder Daten intransparent verarbeiten, werden gemieden – zu Recht.

Für Patientinnen und Patienten bedeutet das: Lesen Sie bei digitalen Gesundheitsangeboten die Datenschutzinformationen. Fragen Sie, welche Daten weitergegeben werden und an wen. Und nutzen Sie Ihre Widerspruchsrechte, wenn Ihnen etwas nicht passt. Digitale Gesundheitsversorgung kann deutlich besser sein als analoge – aber nur, wenn sie auf Ihren Bedingungen basiert.

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