COPD-Leitlinie 2026: Warum Spirometrie allein nicht mehr ausreicht
Die neue S2k-Leitlinie der DGP setzt neue Standards: CT-Thorax, AAT-Screening und duale Bronchodilatation lösen alte Diagnosewege ab.
Rund 3,2 Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung, kurz COPD. Damit zählt die Krankheit zu den häufigsten chronischen Erkrankungen des Landes – und sie bleibt viel zu lange unerkannt. Schätzungen zufolge weiß die Hälfte der Betroffenen nichts von ihrer Diagnose, weil die Beschwerden schleichend beginnen: erst Husten am Morgen, dann Auswurf, schließlich Atemnot bei Belastung. Viele halten das für normale Alterserscheinungen oder eine Folge des Rauchens, gegen die sich ohnehin nichts tun lässt.
Dabei hat sich die medizinische Versorgung von COPD-Patientinnen und -Patienten in Deutschland gerade grundlegend verändert. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) veröffentlichte am 27. Februar 2026 eine umfassend aktualisierte S2k-Leitlinie zur fachärztlichen Diagnostik und Therapie der COPD – das erste große Leitlinien-Update seit Jahren. Mehr als 30 Expertinnen und Experten aus einer Vielzahl von Fachgesellschaften haben über zwei Jahre daran gearbeitet. Das Ergebnis verändert, wie die Erkrankung künftig erkannt und behandelt werden soll.
Warum Spirometrie allein nicht mehr reicht
Bislang galt die Spirometrie als das wichtigste Diagnosewerkzeug für COPD. Bei diesem Test atmet die Patientin oder der Patient in ein Gerät, das misst, wie viel Luft die Lungen aufnehmen und wie schnell sie wieder ausgeatmet werden kann. Das Problem: Frühe Veränderungen in der Lunge werden dabei oft nicht erfasst. Menschen mit COPD im Frühstadium haben häufig noch eine unauffällige Spirometrie – obwohl die Lungenschädigung schon längst begonnen hat.
Die neue Leitlinie reagiert darauf mit einer klaren Forderung: Wenn ein klinischer Verdacht auf COPD besteht, die Spirometrie aber unauffällig ist, sollen Fachärztinnen und -ärzte eine erweiterte Lungenfunktionsdiagnostik durchführen. Dazu gehört die Ganzkörperplethysmografie, bei der die Patientin oder der Patient in einer geschlossenen Kabine sitzt und die Atemvolumina präziser gemessen werden. Ergänzend empfiehlt die Leitlinie, auch die Diffusionskapazität zu bestimmen – also die Fähigkeit der Lunge, Sauerstoff ins Blut zu übertragen.
Auch die Computertomografie des Brustkorbs (CT-Thorax) bekommt einen deutlich höheren Stellenwert. Besonders bei häufigen Verschlechterungen, chronischer Schleimproduktion oder einer auffälligen Diskrepanz zwischen den Beschwerden und den Spirometrie-Werten wird die CT-Untersuchung nun ausdrücklich empfohlen. „Wir können Betroffene damit früher identifizieren", erklärte Leitlinienkoordinatorin Professorin Kathrin Kahnert bei der Vorstellung der neuen Empfehlungen.
Neu ist außerdem ein Kapitel zum Alpha-1-Antitrypsin-Mangel, abgekürzt AAT. Dieses erblich bedingte Defizit gilt als eine der am häufigsten nicht erkannten Ursachen für COPD – besonders relevant für Menschen, die nie oder kaum geraucht haben und trotzdem an einer schweren Lungenerkrankung leiden. Die Leitlinie fordert nun eine einmalige Untersuchung auf AAT-Mangel für alle COPD-Patientinnen und -Patienten.
Neue Therapieregeln: Duale Bronchodilatation und null Toleranz für Exazerbationen
Auch auf der Behandlungsseite bringt die neue Leitlinie wichtige Veränderungen. Bisher wurde bei Patientinnen und Patienten der GOLD-Gruppe B häufig eine Kombination aus einem inhalativen Kortikosteroid (ICS) und einem langwirksamen Beta-2-Agonisten (LABA) eingesetzt. Dieses Schema gehört ab sofort der Vergangenheit an: ICS und LABA allein werden bei COPD nicht mehr empfohlen. Stattdessen setzt die Leitlinie auf eine duale Bronchodilatation – die Kombination aus einem langwirksamen Muskarinrezeptor-Antagonisten (LAMA) und einem LABA. Beide Wirkstoffklassen erweitern die Atemwege, aber über unterschiedliche Mechanismen – kombiniert halten sie die Bronchien besser offen als jeder Wirkstoff allein.
Wer trotz dieser Therapie immer noch häufige akute Verschlechterungen erlebt – in der Fachsprache als Exazerbationen bezeichnet –, soll künftig konsequenter behandelt werden. „Jede Exazerbation zählt – auch leichte Verschlechterungen dürfen wir nicht einfach tolerieren", betonten die Leitlinienkoordinatoren Kahnert und Professor Henrik Watz. Eine solche Exazerbation äußert sich als plötzliche Zunahme von Atemnot und Schleimproduktion, die über mehrere Tage anhält.
Bei anhaltenden Exazerbationen trotz einer Dreifachtherapie aus LAMA, LABA und ICS soll eine neue Bewertung mit Biomarkern und bildgebender Diagnostik erfolgen. In manchen Fällen kommen dann weiterführende Optionen wie das Antibiotikum Azithromycin, der Entzündungshemmer Roflumilast oder sogar Biologika in Betracht – Entscheidungen, die fachärztlich abgewogen werden müssen.
Ebenso betont die Leitlinie die Bedeutung nicht-medikamentöser Maßnahmen: ein konsequentes Rauchstopp-Programm, eine pneumologische Rehabilitation und aktuelle Schutzimpfungen gegen Influenza, Pneumokokken und RSV. Da COPD das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko erhöht, soll künftig auch das kardiovaskuläre Risikoprofil jeder Patientin und jedes Patienten aktiv mitbehandelt werden.
Wer besonders gefährdet ist – und was die Zahlen zeigen
Tabakrauch gilt als Hauptursache von COPD: Rund 90 Prozent aller Fälle gehen auf das Rauchen zurück. Wer nie geraucht hat, kann dennoch erkranken – etwa durch langjährige Schadstoffbelastung am Arbeitsplatz, Luftverschmutzung oder den bereits genannten Alpha-1-Antitrypsin-Mangel.
Die Zahlen zeigen eine leichte Entspannung: Laut dem Gesundheitsatlas des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) aus dem Jahr 2025 waren 2023 rund 3,23 Millionen Menschen von COPD betroffen – etwa 160.000 weniger als noch 2017. Als wichtigster Grund gilt der gesunkene Raucheranteil in der Bevölkerung, der inzwischen bei rund 20 Prozent liegt. Trotzdem bleibt COPD eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland und verursacht erhebliche Kosten für das Gesundheitssystem.
Was Betroffene jetzt tun können
Wer regelmäßig hustet, Schleim produziert oder bei körperlicher Belastung schnell außer Atem gerät – besonders als langjährige Raucherin oder Raucher – sollte diese Beschwerden nicht übergehen. Der erste Schritt ist ein Gespräch mit der Hausärztin oder dem Hausarzt, der eine erste Spirometrie veranlassen kann. Bei Auffälligkeiten oder weiterem Verdacht empfiehlt die neue Leitlinie ausdrücklich eine Überweisung zur Pneumologin oder zum Pneumologen.
Digitale Hilfsmittel können dabei unterstützen, mit der Erkrankung besser umzugehen. Die App Kata bietet speziell für Asthma- und COPD-Patientinnen und -Patienten ein digitales Inhalationstraining an – denn nur wer das Inhalationsgerät korrekt benutzt, bekommt auch den vollen Therapieeffekt. NuvoAir ermöglicht eine digitale Spirometrie für zuhause, mit der Lungenfunktionsdaten einfach mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt geteilt werden können. Symptom-Checker wie Ada Health helfen, erste Beschwerden einzuordnen, bevor ein Arzttermin vereinbart wird. Einen Überblick über digitale Gesundheitsangebote in Deutschland gibt bestes.com.