Von Redaktion

AMTS 2026–2029: Wie ePA und KI Medikationsfehler bekämpfen sollen

Das Bundeskabinett beschloss den AMTS-Aktionsplan 2026–2029: ePA, KI und interprofessionelle Teams gegen 250.000 vermeidbare Klinikfälle.

Rund 250.000 Krankenhauseinweisungen pro Jahr in Deutschland gehen auf vermeidbare Medikationsfehler zurück. Das ist die Zahl, die den neuen Aktionsplan Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) 2026–2029 antreibt, den das Bundeskabinett im April 2026 beschlossen hat. Die zentrale Strategie: Digitalisierung durch ePA und elektronischen Medikationsplan, KI-gestützte Prüfroutinen und engere Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Apotheken und Pflege. Was steckt dahinter – und was bedeutet das für Patienten, die täglich mehrere Medikamente einnehmen?

Das Problem: Wenn Medikamente gefährlich werden

Medikationsfehler entstehen selten durch einzelne dramatische Versäumnisse. Häufiger sind es Informationslücken: Patienten, die mehrere Ärzte aufsuchen, erhalten Verschreibungen, die nicht koordiniert sind. Apotheken sehen oft nur einen Teil der Gesamtmedikation. Pflegepersonal administriert Medikamente, ohne Wechselwirkungen im Blick zu haben. Das Ergebnis sind unerwünschte Arzneimittelereignisse, die laut AMTS-Aktionsplan in einem erheblichen Anteil der 250.000 jährlichen Fälle vermeidbar wären.

Hinzu kommt das Problem der Selbstmedikation: Viele Patienten nehmen rezeptfreie Schmerzmittel, Schlafmittel oder pflanzliche Präparate ein, ohne ihren Arzt darüber zu informieren. Gerade bei älteren Menschen mit Vorerkrankungen können solche scheinbar harmlosen Ergänzungen gefährliche Wechselwirkungen auslösen. Ein systematischer Aktionsplan, der auch die Schnittstellen zwischen rezeptpflichtigen Medikamenten und Selbstmedikation adressiert, war daher überfällig.

Besonders betroffen: ältere Menschen mit Polypharmazie, also der gleichzeitigen Einnahme von fünf oder mehr Medikamenten. In dieser Gruppe steigt das Risiko für Wechselwirkungen und Einnahemfehler überproportional. Gleichzeitig ist genau hier das Potenzial für Verbesserung am größten – wenn die richtigen Informationen zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar sind.

Die Lösung: ePA und elektronischer Medikationsplan als Datenbasis

Der Aktionsplan setzt auf die elektronische Patientenakte als zentrales Werkzeug. Seit Januar 2025 haben praktisch alle gesetzlich Versicherten automatisch eine ePA. Im AMTS-Kontext soll sie vor allem eines leisten: eine vollständige, aktuelle Übersicht aller verordneten und selbst eingenommenen Medikamente – den elektronischen Medikationsplan (eMP).

Die Pharmazeutische Zeitung berichtete, dass der Aktionsplan die Qualitätskriterien des eMP gezielt weiterentwickeln will: mehr Vollständigkeit, bessere Aktualität und verständlichere Darstellung für Patienten. Ein eMP, der nur Verschreibungen vom Hausarzt enthält, aber nicht die Selbstmedikation aus der Apotheke oder die Ergänzungsmittel aus dem Online-Shop, kann Sicherheitsrisiken nicht vollständig abbilden. Das ist eine der strukturellen Lücken, die der Aktionsplan adressiert.

Ergänzend kommt der Ansatz eines digital gestützten Medikationsprozesses (dgMP): Verordnung, Überprüfung auf Wechselwirkungen und Kontraindikationen, Dispensierung, Verabreichung und Monitoring sollen künftig in einem durchgehend digitalen Workflow verbunden sein. Dafür braucht es nicht nur die technische Infrastruktur, sondern auch Schnittstellen, die Arztpraxis, Apotheke und Krankenhaus miteinander verbinden.

KI als Sicherheitsnetz: Automatisierte Prüfung von Medikationsdaten

Ein besonders zukunftsweisender Aspekt des AMTS-Aktionsplans ist die explizite Adressierung von KI-gestützten Prüfverfahren. Der Plan fragt: Was kann eine automatisierte, KI-unterstützte AMTS-Prüfung von Medikationsdaten leisten? Konkret geht es darum, aus den in der ePA gespeicherten Verschreibungsdaten Risikomuster zu erkennen – Dosierungen, die für das Körpergewicht oder das Alter ungeeignet sind, Wechselwirkungen zwischen zwei Präparaten, die getrennt voneinander verordnet wurden, oder Doppelverordnungen beim Wechsel des Behandlers.

Routinedaten und Versorgungsdaten sollen laut Aktionsplan stärker genutzt werden, um Risiken zu identifizieren, Maßnahmen zu evaluieren und evidenzbasierte Strategien zu entwickeln. Die Gelbe Liste berichtete, dass das Bundeskabinett dabei auch auf interprofessionelle Zusammenarbeit setzt: Ärzte, Apotheker und Pflegepersonal sollen in gemeinsamen AMTS-Stewardship-Teams Medikationsprozesse systematisch überwachen und verbessern.

Was das für Patienten konkret bedeutet

Für Versicherte, die bereits die ePA aktiv nutzen, ändert sich kurzfristig wenig. Die Maßnahmen des Aktionsplans sind mittelfristig angelegt – die Verbesserungen beim elektronischen Medikationsplan und die KI-gestützten Prüfverfahren werden schrittweise eingeführt. Was Patienten aber jetzt schon tun können: sicherstellen, dass ihre ePA-Medikationsliste vollständig ist. Das bedeutet: Alle Dauermedikamente, rezeptfreie Präparate, die regelmäßig eingenommen werden, und relevante Nahrungsergänzungsmittel sollten dort hinterlegt sein.

Besonders praktisch: Wer heute schon einen strukturierten Medikationsplan führt – sei es auf Papier, als Ausdruck aus der Arztpraxis oder digital in der ePA – hat einen klaren Vorteil, wenn künftige KI-gestützte Systeme diese Daten automatisch auf Risiken prüfen. Je vollständiger die Datenbasis, desto wirkungsvoller die Sicherheitsnetze, die der Aktionsplan langfristig spannen will. Das gilt vor allem für ältere Patienten und Angehörige, die die Medikation für jemand anderen mitverwalten.

Wer mehrere Medikamente einnimmt und den Überblick behalten möchte, kann bereits heute digitale Gesundheits-Apps nutzen, die Medikamenten-Tracking und Erinnerungsfunktionen bieten. Solche Tools arbeiten unabhängig vom ePA-Rollout und sind sofort einsatzbereit. Einen Überblick über verfügbare digitale Gesundheitslösungen bietet bestes.com – dort lassen sich Apps nach Kategorie, Datenschutzstandards und Kosten vergleichen.

Häufige Fragen zum AMTS-Aktionsplan 2026–2029

Was ist der AMTS-Aktionsplan und wer hat ihn beschlossen?

Der Aktionsplan Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) 2026–2029 wurde vom Bundeskabinett im April 2026 verabschiedet. Er legt fest, wie Deutschland bis 2029 Medikationsfehler reduzieren will – mit Fokus auf Digitalisierung durch ePA, KI-gestützte Prüfverfahren und interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Apotheken und Pflege.

Warum sind Medikationsfehler in Deutschland so häufig?

Hauptursachen sind fehlende Informationsvernetzung: Verschiedene Ärzte verschreiben ohne Kenntnis aller anderen Medikamente, Apotheken sehen nur einen Teil der Gesamtmedikation, und Selbstmedikation ist oft gar nicht erfasst. Besonders betroffen sind ältere Patienten mit Polypharmazie (fünf oder mehr Medikamente gleichzeitig).

Wann profitieren Patienten konkret vom neuen Aktionsplan?

Die Maßnahmen werden schrittweise umgesetzt. Kurzfristig verbessern sich Qualitätskriterien des elektronischen Medikationsplans in der ePA. KI-gestützte Prüfsysteme und AMTS-Stewardship-Teams in Kliniken und Praxen sind mittelfristig (2027–2029) geplant. Patienten können schon jetzt aktiv werden, indem sie ihre Medikationsliste in der ePA vollständig pflegen.

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