71% nutzen ePA nicht aktiv – was das für deine Gesundheit bedeutet
Ein Jahr ePA: 100 Mio. Dokumente gespeichert, aber 71% der Versicherten nutzen die Akte nicht aktiv. Was fehlt – und welche Rolle aktive Gesundheits-Apps spielen.
Ein Jahr nach dem bundesweiten Start der elektronischen Patientenakte zieht die gematik eine positive Bilanz: Mehr als 100 Millionen Dokumente – Befunde, Arztbriefe, Laborberichte – sind inzwischen in den digitalen Akten gespeichert. Bis zu 93.000 Arzt- und Zahnarztpraxen greifen wöchentlich auf die ePA ihrer Patientinnen und Patienten zu, wie die gematik im April 2026 mitteilte. Auf den ersten Blick sieht das nach einem Erfolg aus.
Doch wer sich die Zahlen genauer ansieht, stößt auf einen Widerspruch. Von den mehr als 73 Millionen gesetzlich Versicherten in Deutschland haben bislang nur rund 5,1 Millionen eine digitale Gesundheitsidentität angelegt – also die Voraussetzung dafür, die eigene ePA überhaupt einsehen zu können. Das sind knapp sieben Prozent aller Versicherten. Und selbst von denen, die die ePA kennen, nutzt sie laut einer repräsentativen forsa-Befragung im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbands die große Mehrheit nicht aktiv: 71 Prozent verwalten ihre elektronische Patientenakte nicht.
Warum so wenige ihre ePA aktiv nutzen
Die Gründe sind vielschichtig, aber aufschlussreich. In der forsa-Befragung vom November 2025, veröffentlicht im Februar 2026 vom Verbraucherzentrale Bundesverband, gaben 75 Prozent der Nicht-Nutzerinnen und Nicht-Nutzer an, sich noch gar nicht mit der ePA beschäftigt zu haben. Jede dritte Person sieht schlicht keinen persönlichen Nutzen. 13 Prozent machen Datenschutzbedenken geltend, weitere 13 Prozent sorgen sich um die Sicherheit ihrer Gesundheitsdaten.
Hinzu kommen technische Hürden: Der Einrichtungsprozess der digitalen Gesundheitsidentität – notwendig, um die ePA selbst einsehen zu können – gilt vielen als zu kompliziert. Manche berichten, dass ihre Krankenversicherung kaum über die ePA informiert habe. Nur etwas mehr als die Hälfte der Befragten (54 Prozent) erinnert sich überhaupt daran, von der eigenen Krankenkasse über die ePA informiert worden zu sein.
Was fehlt, sind aus Sicht der Verbraucherinnen und Verbraucher konkrete Mehrwerte. 68 Prozent wünschen sich genaue Kontrolle darüber, welche Praxis welche Daten einsehen darf – etwa psychotherapeutische Befunde der Hausarztpraxis, aber nicht der Zahnärztin. 66 Prozent wollen digitale Untersuchungshefte, 64 Prozent Hinweise auf Wechselwirkungen von Medikamenten und auf fehlende Impfungen. All das ist in der Basis-ePA bislang nicht vorhanden – ein Digitaler Medikationsplan und strukturierte Inhalte wie Impfpass oder Kinderuntersuchungsheft sind erst für die Zukunft geplant.
Die ePA ist kein Gesundheitsbegleiter – sie ist ein Archiv
Das Kernproblem der ePA lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Sie ist passiv. Die ePA sammelt Dokumente, die Ärzte und Kliniken einstellen. Sie gibt Versicherten keinen Hinweis, wenn ein Medikament eine Wechselwirkung zeigt. Sie erinnert nicht an den nächsten Vorsorge-Check. Sie analysiert keine Muster im Gesundheitsverlauf. Sie hilft nicht dabei, die eigene Gesundheit proaktiv zu verstehen.
Das ist kein Vorwurf, sondern eine Rollenbeschreibung. Die ePA ist als digitale Ablage konzipiert – als strukturiertes Gegenstück zur Papierakte. Sie soll Doppeluntersuchungen vermeiden und Arztbesuche effizienter machen, indem alle relevanten Informationen an einem Ort verfügbar sind. Das ist sinnvoll. Aber es erklärt, warum sich 71 Prozent der Versicherten nicht aktiv darum kümmern: Ein Archiv, das von anderen befüllt wird und das man nur im Krankheitsfall öffnet, bietet im Alltag keinen Anreiz zur Nutzung.
Das Verbraucherzentrale-Vorständin Ramona Pop bringt es auf den Punkt: „Die elektronische Patientenakte ist noch nicht im Alltag der Menschen angekommen." Solange zentrale Funktionen wie das digitale Impfheft, der strukturierte Medikationsplan oder Wechselwirkungshinweise fehlen, bleibt die ePA für die meisten Versicherten ein theoretisches Versprechen.
Aktive Gesundheitsbegleitung als Ergänzung zur ePA
Was Versicherte sich laut der forsa-Befragung am meisten wünschen – Kontrolle, Überblick, proaktive Hinweise – ist genau das, was digitale Gesundheits-Apps wie Bestes leisten können. Während die ePA darauf wartet, dass Ärzte Dokumente einstellen, kann eine aktive Gesundheits-App den Alltag begleiten: durch das strukturierte Erfassen eigener Symptome und Gesundheitsdaten, durch Hinweise auf Vorsorgeuntersuchungen und Früherkennungsangebote, durch einen Überblick über den eigenen Gesundheitszustand – unabhängig davon, ob gerade ein Arztbesuch stattgefunden hat oder nicht.
Dabei geht es nicht darum, die ePA zu ersetzen. Sie hat ihren Platz im Versorgungssystem – als Brücke zwischen Arztpraxen, Krankenhäusern und anderen Einrichtungen. Aber die ePA allein reicht nicht aus, um Gesundheit aktiv zu gestalten. Sie bleibt reaktiv, während persönliche Gesundheitsbegleitung proaktiv sein muss.
Die Zahlen zeigen: Deutschland hat eine digitale Infrastruktur für Gesundheitsdaten aufgebaut – aber noch keine Lösung dafür, wie Menschen diese Daten aktiv für ihre eigene Gesundheit nutzen. Diese Lücke zu schließen, ist die Aufgabe der nächsten Generation digitaler Gesundheitsangebote.
Was jetzt konkret zu tun ist
Wer heute von der ePA profitieren möchte, sollte zunächst prüfen, ob die eigene Krankenversicherung bereits die digitale Gesundheitsidentität aktiviert hat. Die Aktivierung läuft über die App der jeweiligen Krankenkasse – viele gesetzliche Versicherungen wie TK, AOK, Barmer oder DAK bieten diesen Schritt direkt in ihrer Kassen-App an. Wer sich einmalig dort einloggt und die ePA freischaltet, kann anschließend eingestellte Befunde, Arztbriefe und Laborwerte einsehen.
Das genügt aber für eine aktive Gesundheitssteuerung nicht. Wer nicht auf den nächsten Arztbesuch warten möchte, um zu verstehen, wie es um die eigene Gesundheit steht, braucht mehr als eine digitale Ablage. Er braucht ein Werkzeug, das Gesundheitsdaten nicht nur sammelt, sondern auch einordnet, erklärt und bei nächsten Schritten hilft.
Die gematik hat angekündigt, die ePA schrittweise um neue Funktionen zu erweitern – strukturierte Medikamentenpläne, digitale Vorsorge-Dokumentation und verbesserter Zugriffsschutz sollen in den kommenden Jahren folgen. Ob diese Verbesserungen die 71 Prozent passiven Nutzerinnen und Nutzer zur aktiven Auseinandersetzung mit ihrer Gesundheitsakte bringen werden, bleibt abzuwarten. Der Weg von einer Ablage zum echten Gesundheitsbegleiter ist technisch und kulturell weit.
Sicher ist: Das Interesse an digitaler Gesundheitsbegleitung ist vorhanden. Die forsa-Befragung zeigt, dass Versicherte sehr wohl wissen, was sie von der ePA wollen – granulare Kontrolle, Wechselwirkungshinweise, Vorsorge-Erinnerungen. Diese Wünsche sind keine Nischenanforderungen, sie beschreiben das Minimum einer wirklich nützlichen digitalen Gesundheitsakte. Bis die ePA das liefert, lohnt es sich, die eigene Gesundheit mit einem aktiven Begleiter in die Hand zu nehmen.