Vorhofflimmern: Neue Studie – beide Herzvorhöfe sind betroffen
UMG-Studie 2026: Bei anhaltendem Vorhofflimmern verändert sich nicht nur der linke, sondern auch der rechte Herzvorhof – mit Folgen für die Therapie.
Vorhofflimmern ist die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung der Welt. In Deutschland sind nach Angaben der Deutschen Herzstiftung rund 1,8 Millionen Menschen betroffen. Bislang richteten Forschung und Therapie ihren Blick fast ausschließlich auf den linken Herzvorhof. Eine neue Studie der Universitätsmedizin Göttingen stellt dieses Grundverständnis infrage – mit möglichen Folgen für die Behandlung.
Das Problem mit dem persistierenden Vorhofflimmern
Vorhofflimmern entsteht, wenn elektrische Signale in den Herzvorhöfen außer Kontrolle geraten. Das Herz schlägt unregelmäßig, oft zu schnell. Viele Betroffene spüren Herzrasen, leiden unter Luftnot, werden schneller erschöpft oder verlieren an Leistungsfähigkeit. Besonders heikel ist die sogenannte persistierende Form: Hier hört das Flimmern nicht mehr von selbst auf. Mit der Zeit verändert sich das Herzgewebe – es vernarbt, baut sich um, verliert seine normale Struktur. Das Risiko für Schlaganfall, Herzschwäche und vorzeitigen Tod steigt deutlich.
Bisherige Therapien setzen hauptsächlich am linken Vorhof an. Dort münden die Lungenvenen, die als wesentliche Auslöser des Flimmerns gelten. Bei der sogenannten Katheterablation werden diese Einmündungspunkte elektrisch isoliert, um das Flimmern zu unterbinden. Bei langjährigem Vorhofflimmern schlägt diese Methode jedoch häufig nicht dauerhaft an.
Göttinger Forscher analysieren beide Vorhöfe – mit überraschendem Ergebnis
Ein Forschungsteam der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) unter der Leitung von Prof. Dr. Niels Voigt und Dr. Christof Lenz hat nun systematisch untersucht, was im rechten Vorhof bei anhaltendem Vorhofflimmern passiert. Das Ergebnis: Auch der rechte Vorhof verändert sich – und zwar ähnlich tiefgreifend wie der linke.
Die Wissenschaftler analysierten Herzgewebeproben aus beiden Vorhöfen von Patientinnen und Patienten mit persistierendem Vorhofflimmern. Die Proben stammten aus Herzoperationen. Als Vergleich dienten Gewebeproben aus gesunden Spenderherzen ohne bekannte Herzrhythmusstörungen. Mit hochauflösender Massenspektrometrie – einem Verfahren, das Moleküle anhand ihrer Masse präzise identifiziert und quantifiziert – konnten sie tausende Proteine gleichzeitig untersuchen. Proteine sind die molekularen Bausteine von Zellen; sie zeigen, welche biologischen Prozesse im Gewebe aktiv sind. Auf dieser Basis erstellten die Forschenden eine umfassende Bibliothek des menschlichen Herz-Proteoms – also der Gesamtheit aller Proteine im Herzgewebe.
Erstautorin Dr. Aiste Liutkute fasst das Ergebnis zusammen: „Die Ergebnisse unserer Studie sprechen dafür, dass andauerndes Vorhofflimmern als Erkrankung beider Vorhöfe verstanden werden muss. Das könnte auch erklären, warum etablierte Therapien bei langanhaltendem Vorhofflimmern häufig nicht dauerhaft erfolgreich sind."
Der rechte Vorhof verliert sein eigenes Profil
Die Analysen zeigen: Im rechten Vorhof finden sich bei anhaltendem Vorhofflimmern dieselben krankhaften Veränderungen wie im linken. Verstärkte Vernarbung des Gewebes, Abbau wichtiger Herzmuskelstrukturen, Zeichen von Zellstress und Umbauprozessen – all das tritt in beiden Vorhöfen auf. Diese Veränderungen beeinträchtigen die elektrische Signalweiterleitung und können dazu beitragen, dass das Flimmern nicht aufhört.
Besonders auffällig: Viele der molekularen Unterschiede, die rechten und linken Vorhof normalerweise voneinander unterscheiden, verschwanden bei den erkrankten Patienten. Der rechte Vorhof verlor seine typischen Proteinmarker und übernahm zunehmend Merkmale des linken. Betroffen waren unter anderem Proteine, die den Energiestoffwechsel und den strukturellen Umbau der Herzmuskelzellen steuern. Der rechte Vorhof ähnelte dem linken damit in einem Ausmaß, das bisher nicht bekannt war.
Dr. Christof Lenz, Leiter der Proteomics Service Unit der Georg-August-Universität Göttingen, zieht daraus eine klare Konsequenz für die Therapie: „Unsere Daten legen nahe, dass künftig möglicherweise beide Vorhöfe stärker berücksichtigt werden sollten."
Was bedeutet das für Betroffene?
Die Studie, veröffentlicht im Fachjournal Cardiovascular Research, liefert keine unmittelbar neue Therapieoption. Aber sie verändert das Verständnis davon, warum bisherige Behandlungen bei langjährigem Vorhofflimmern so oft scheitern. Wenn nicht nur der linke, sondern auch der rechte Vorhof tiefgreifend verändert ist, reicht es möglicherweise nicht aus, nur eine Seite zu behandeln.
Für Betroffene, die bereits seit Jahren mit Vorhofflimmern leben und bei denen Ablationen nur kurzzeitig geholfen haben, könnte diese Erkenntnis langfristig neue Therapieansätze eröffnen. Bis dahin gilt: Regelmäßige kardiologische Kontrolle ist entscheidend. Wer Herzrasen, anhaltende Erschöpfung oder Luftnot bemerkt, sollte diese Symptome nicht auf die leichte Schulter nehmen – denn Vorhofflimmern ist ein bedeutender Risikofaktor für Schlaganfall und Herzschwäche.
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Häufige Fragen zu Vorhofflimmern
Was ist Vorhofflimmern und wie häufig ist es?
Vorhofflimmern ist die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung. In Deutschland sind laut Deutscher Herzstiftung rund 1,8 Millionen Menschen betroffen. Das Herz schlägt dabei unregelmäßig und oft zu schnell, weil die elektrischen Signale in den Herzvorhöfen außer Kontrolle geraten.
Warum ist persistierendes Vorhofflimmern so schwer zu behandeln?
Beim persistierenden Vorhofflimmern hört die Rhythmusstörung nicht mehr von selbst auf. Das Herzgewebe verändert sich dabei dauerhaft – es vernarbt und baut sich um. Bisherige Therapien wie die Katheterablation richten sich vor allem an den linken Vorhof, schlagen bei Langzeitfällen aber oft nicht dauerhaft an. Die neue UMG-Studie liefert einen möglichen Grund dafür: Auch der rechte Vorhof ist tiefgreifend verändert.
Was bringt die Göttinger Studie für die Praxis?
Die Studie (Cardiovascular Research 2026) zeigt, dass persistierendes Vorhofflimmern als Erkrankung beider Vorhöfe verstanden werden sollte. Das könnte künftig neue Therapieansätze anstoßen, die auch den rechten Vorhof stärker einbeziehen. Unmittelbar ändert sich an der aktuellen Behandlung zunächst nichts – aber die Grundlagenforschung macht einen wichtigen Schritt.