Vorhofflimmern 2026: Neue Studie zeigt, beide Herzvorhöfe sind betroffen
Neue UMG-Studie: Bei anhaltendem Vorhofflimmern ist auch der rechte Herzvorhof tiefgreifend verändert. 1,8 Mio. Betroffene in Deutschland.
Rund 1,8 Millionen Menschen in Deutschland leben mit Vorhofflimmern – der häufigsten anhaltenden Herzrhythmusstörung überhaupt. Viele wissen es nicht. Denn etwa jeder zweite Betroffene spürt keine Beschwerden, bis es zu einem Schlaganfall kommt. Laut Deutscher Herzstiftung gehen 20 bis 30 Prozent aller ischämischen Schlaganfälle auf Vorhofflimmern zurück. Jetzt schütteln Forschende aus Göttingen ein Grundverständnis dieser Erkrankung durch: Eine neue Studie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), veröffentlicht im Fachjournal Cardiovascular Research, zeigt, dass bei anhaltendem Vorhofflimmern nicht nur der linke, sondern auch der rechte Herzvorhof tiefgreifend verändert ist. Das könnte bedeuten, dass gängige Behandlungsmethoden nur die halbe Wahrheit abdecken.
Was ist Vorhofflimmern – und warum ist es so gefährlich?
Das Herz hat vier Kammern. Die oberen beiden heißen Vorhöfe, die unteren Herzkammern. Bei Vorhofflimmern gerät die elektrische Steuerung in den Vorhöfen außer Kontrolle: Statt geordnet zu schlagen, zittern sie ungeordnet mit bis zu 600 elektrischen Signalen pro Minute. Das Herz pumpt dadurch unregelmäßig und oft zu schnell. Typische Beschwerden sind Herzrasen, Herzstolpern, Luftnot und Erschöpfung – doch wie gesagt: Gut die Hälfte der Betroffenen bemerkt gar nichts.
Besonders tückisch ist die sogenannte persistierende Form: Dabei hört das Vorhofflimmern nicht mehr von selbst auf. Blut staut sich im Vorhof, bildet Gerinnsel – und diese können ins Gehirn wandern und einen Schlaganfall auslösen. Laut der Deutschen Herzstiftung steigt mit Vorhofflimmern das Schlaganfallrisiko auf das Fünffache. Ab einem Alter von 70 Jahren ist etwa jeder zehnte Mensch betroffen.
Die neue Göttinger Studie: Der rechte Vorhof wird übersehen
Forschung und Behandlung haben sich bisher fast ausschließlich auf den linken Herzvorhof und die dort einmündenden Lungenvenen konzentriert. Der rechte Vorhof galt als weniger betroffen. Ein internationales Forschungsteam der Universitätsmedizin Göttingen hat das nun infrage gestellt.
Unter der Leitung von Molekularpharmakologie-Professor Niels Voigt und Proteomics-Experte Dr. Christof Lenz analysierten die Forschenden Herzgewebeproben von Patientinnen und Patienten mit persistierendem Vorhofflimmern. Die Proben stammten aus Herzoperationen und wurden mithilfe moderner Massenspektrometrie – einem Verfahren zur präzisen Analyse von Eiweißmolekülen – ausgewertet. Verglichen wurden sie mit gesundem Herzgewebe aus Spenderherzen.
Das Ergebnis, veröffentlicht in Cardiovascular Research im Juni 2026, ist eindeutig: Der rechte Vorhof zeigt bei anhaltendem Vorhofflimmern ähnlich schwere krankhafte Veränderungen wie der linke. Er verliert sein typisches molekulares Profil und übernimmt Merkmale des linken Vorhofs – darunter Zeichen von Vernarbung, Zellstress und verändertem Energiestoffwechsel. „Die Ergebnisse unserer Studie sprechen dafür, dass andauerndes Vorhofflimmern als Erkrankung beider Vorhöfe verstanden werden muss", sagt Erstautorin Dr. Aiste Liutkute. „Das könnte auch erklären, warum etablierte Therapien bei langanhaltendem Vorhofflimmern häufig nicht dauerhaft erfolgreich sind."
Was das für die Behandlung bedeutet
Die am häufigsten eingesetzte Methode bei Vorhofflimmern ist die Katheterablation. Dabei wird über einen Katheter gezielt Herzgewebe verödet, das die fehlgeleiteten elektrischen Impulse erzeugt. Das Ziel: Die Lungenvenen elektrisch vom linken Vorhof zu isolieren. Diese Methode ist wirksam – vor allem bei der frühen, anfallsartigen Form des Vorhofflimmerns. Bei langanhaltendem Vorhofflimmern aber schlägt sie häufig nicht dauerhaft an.
Genau hier setzt die Göttinger Studie an. Wenn auch der rechte Vorhof tiefgreifend verändert ist, könnte eine Behandlung, die nur den linken adressiert, strukturell zu kurz greifen. „Unsere Daten legen nahe, dass künftig möglicherweise beide Vorhöfe stärker berücksichtigt werden sollten", sagt Dr. Christof Lenz. Ob und wie das in veränderte Behandlungsprotokolle einfließt, müssen zukünftige klinische Studien zeigen. Bis zur klinischen Routine ist es ein weiter Weg – aber die Forschenden aus Göttingen haben eine Lücke im Verständnis dieser Erkrankung sichtbar gemacht, die lange übersehen wurde.
Eine neuere Technik, die in diesem Zusammenhang zunehmend diskutiert wird, ist die Pulsed-Field-Ablation (PFA). Sie nutzt kurze elektrische Felder, um Herzgewebe selektiv zu veröden, ohne umliegendes Gewebe zu schädigen. Laut dem 2026 aktualisierten Überblick im Fachjournal Die Kardiologie markiert die PFA einen Paradigmenwechsel in der Elektrophysiologie. Ob sie auch für die Behandlung beider Vorhöfe geeignet ist, wird derzeit erforscht.
Früherkennung: Wer sollte auf Vorhofflimmern untersucht werden?
Weil die Hälfte der Betroffenen keine Beschwerden spürt, bleibt Vorhofflimmern oft lange unentdeckt – manchmal bis zum ersten Schlaganfall. Besonders gefährdet sind Menschen über 65, Menschen mit Bluthochdruck, Herzinsuffizienz oder Diabetes sowie Menschen mit bekannten Herzerkrankungen.
Ein einfaches EKG beim Hausarzt kann Vorhofflimmern erkennen – aber nur, wenn es im Moment der Messung aktiv ist. Bei paroxysmalen Formen, die nur episodisch auftreten, kann Vorhofflimmern beim Standard-EKG unsichtbar bleiben. Hier kommen Langzeit-EKGs und neuerdings digitale Lösungen ins Spiel: Wearables mit EKG-Funktion, Smartphone-basierte Herzrhythmusanalysen und telemedizinische Monitoringangebote ermöglichen es, auch seltene Rhythmusstörungen über längere Zeiträume aufzuzeichnen. Wer konkrete Angebote zur Herzrhythmus-Überwachung sucht, findet auf bestes.com eine unabhängige Übersicht digitaler Gesundheitsangebote in Deutschland, darunter Apps und Geräte zur Herzgesundheit.
Häufige Fragen zu Vorhofflimmern
Kann mein Smartphone Vorhofflimmern erkennen?
Einige Smartwatches mit EKG-Funktion – etwa von Apple oder Withings – können Vorhofflimmern erkennen, wenn es gerade aktiv ist. Smartphone-Kamera-Apps wie FibriCheck analysieren den Pulsschlag über die Fingerkuppe und wurden in Studien auf Vorhofflimmern-Erkennung geprüft. Diese Technologien können beim Screening helfen, ersetzen aber kein ärztliches EKG und keine Diagnose.
Was tun, wenn ich Herzrasen oder Herzstolpern bemerke?
Einmaliges Herzstolpern ist häufig harmlos. Wer aber regelmäßig unregelmäßigen Herzschlag, Herzrasen oder Schwindel bemerkt, sollte das mit einer Ärztin oder einem Arzt besprechen. Ein EKG lässt sich schnell durchführen. Gerade Menschen über 65 oder mit Risikofaktoren wie Bluthochdruck sollten nicht warten.
Ist Vorhofflimmern heilbar?
Eine vollständige Heilung ist nicht immer möglich, aber die Erkrankung lässt sich gut behandeln. Ziele der Therapie sind Schlaganfallvorbeugung – meist mit Blutverdünnern – Herzfrequenzkontrolle und, wenn möglich, Wiederherstellung des normalen Herzrhythmus durch Medikamente oder Ablation. Die neue Forschung aus Göttingen zeigt, dass beim persistierenden Vorhofflimmern möglicherweise breitere Ansätze gebraucht werden.