Von Redaktion

Smartphone erkennt kognitiven Abbau früher als klinische Tests – neue DZNE-Studie

DZNE Magdeburg: Gedächtnistest per App erfasst kognitive Veränderungen bei MCI schneller als Standardverfahren – mit nur zwei Wochen Testabstand.

Wer wissen möchte, ob das Gedächtnis nachlässt, musste bislang in eine Gedächtnisambulanz. Aufwändige Tests, lange Wartezeiten, ein Ergebnis vielleicht erst Monate später. Eine neue Studie des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Magdeburg zeigt: Das könnte sich grundlegend ändern. Gedächtnistests per Smartphone-App erfassen kognitive Veränderungen schneller und sensitiver als herkömmliche klinische Standardverfahren – das Ergebnis wurde im Fachjournal npj Digital Medicine veröffentlicht.

Was ist leichte kognitive Beeinträchtigung – und warum ist frühe Erkennung entscheidend?

Leichte kognitive Beeinträchtigung (englisch: Mild Cognitive Impairment, MCI) ist kein normaler Teil des Alterns. Betroffene merken selbst, dass das Gedächtnis nicht mehr so zuverlässig funktioniert wie früher – können aber meist noch gut im Alltag zurechtkommen. MCI gilt als mögliche Vorstufe einer Demenz: Rund 10 bis 15 Prozent der Betroffenen entwickeln jährlich eine Alzheimer-Erkrankung.

Genau deshalb ist der Zeitpunkt der Diagnose entscheidend. Medizinisch relevant ist nicht nur, ob eine MCI vorliegt, sondern auch ob die Symptome stabil bleiben oder sich verschlechtern, erklärt David Berron vom DZNE Magdeburg, einer der leitenden Forscher der Studie. Je früher eine Veränderung erkannt wird, desto mehr Zeit bleibt für präventive Maßnahmen – und desto größer der potenzielle Nutzen neuer Therapien.

Wie der Smartphone-Gedächtnistest funktioniert

Die Studie nutzte die neotivTrials-App des Magdeburger Startups neotiv, deren Testprinzip auf DZNE-Forschung basiert. Statt einmal pro Jahr eine Gedächtnisambulanz aufzusuchen, führten die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer den Test bequem zu Hause durch – im Schnitt alle zwei Wochen. Die App umfasst vier Aufgaben, die verschiedene Gedächtnisfunktionen und damit verschiedene Hirnareale ansprechen: Bilder von Gegenständen und Räumen einprägen, Unterschiede zwischen Bildern identifizieren.

„Getestet werden kann zu Hause, im eigenen Tempo. Alles, was man braucht, ist ein Smartphone oder Tablet – kein Studienzentrum, kein Termin", erklärt Dr. Sarah Polk, Erstautorin der Publikation. Dieser Ansatz ermöglicht kurze Testabstände, die mit konventionellen Methoden schlicht nicht umsetzbar wären: Herkömmliche Tests sind realistischerweise nur ein- bis zweimal pro Jahr durchführbar – wegen des erheblichen Aufwands für Betroffene und Einrichtungen.

Was die Studie zeigt – und warum die Ergebnisse belastbar sind

An der Studie nahmen 202 Frauen und Männer aus Deutschland und den USA teil, im Alter zwischen 52 und 85 Jahren. 50 von ihnen hatten eine diagnostizierte MCI. Alle nutzten die App über sieben bis zwölf Monate. Das Ergebnis: Bereits in diesem vergleichsweise kurzen Zeitraum zeigte die App bei MCI-Betroffenen einen messbaren Rückgang der kognitiven Leistung – schneller als konventionelle Verfahren dies erfasst hätten.

Damit solche Ergebnisse verlässlich sind, braucht eine neue Methode einen geeigneten Maßstab. Für jeden Teilnehmenden lagen Langzeitdaten aus durchschnittlich acht Jahren klinischer Standarddiagnostik vor. Der Verlauf, den diese Daten zeigten, stimmte mit den App-Ergebnissen überein – ein starker Beleg für die Validität der digitalen Messung.

„Mit wenigen Monaten App-Nutzung konnten wir ein Signal erfassen, das mit Jahren klinischer Beobachtung übereinstimmt. Das gibt uns Vertrauen, dass diese Methode wirklich misst, was sie messen soll", sagt Polk.

Warum das die Demenzforschung beschleunigen kann

Neben dem klinischen Nutzen für Einzelpersonen hat der digitale Ansatz weitreichende Konsequenzen für die Medikamentenentwicklung. Klinische Studien zu neuen Demenztherapien brauchen heute oft Jahre, um nachzuweisen, ob ein Wirkstoff den kognitiven Abbau verlangsamt. Mit hochfrequenter App-Diagnostik könnte sich dieser Nachweis deutlich schneller erbringen lassen.

„Wir könnten bestimmen, ob das getestete Medikament den gewünschten Effekt hat, schneller als mit konventionellen Methoden", sagt Berron. Das ist kein rein akademisches Argument: Jedes Jahr, das bei der Entwicklung einer wirksamen Demenztherapie gewonnen wird, ist für Millionen Betroffener weltweit relevant. Allein in Deutschland leben heute rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz – Tendenz steigend, wie eine Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zuletzt für das Jahr 2060 projizierte.

Zwei Anwendungsfelder: Früherkennung und Therapiebegleitung

Langfristig sieht Berron zwei konkrete Einsatzmöglichkeiten im klinischen Alltag. Erstens: die altersbezogene Überwachung kognitiver Fähigkeiten – also die Frage, ob das Gedächtnis sich altersgemäß entwickelt oder ob erste Anzeichen einer Verschlechterung erkennbar sind. Zweitens: die Therapiebegleitung, um zu prüfen, ob eine laufende Behandlung wirkt und in welchem Ausmaß.

Ein Folge-Forschungsprojekt wird den Ansatz bereits in die nächste Phase tragen: Dort soll der Test bei Menschen eingesetzt werden, die zwar Alzheimer-typische Biomarker aufweisen, aber noch keine Demenzsymptome zeigen – die sogenannte präklinische Alzheimer-Phase. Das Ziel: kognitiven Abbau erkennen, bevor er sich überhaupt im Alltag bemerkbar macht.

Was das für Betroffene und Angehörige bedeutet

Für Menschen, die sich Sorgen um ihr Gedächtnis machen, ändert sich durch diese Studie zunächst noch nichts im Praxisalltag. Die neotivTrials-App ist ein Forschungsinstrument, noch kein frei verfügbares Diagnosetool. Aber die Richtung ist klar: Digitale Gedächtnistests werden in den kommenden Jahren zunehmend Einzug in Gedächtnisambulanzen und klinische Studien halten. Die DZNE-Studie liefert dafür den wissenschaftlichen Grundstein: Sie zeigt erstmals, dass selbstdurchgeführte Tests zu Hause valide sind und klinische Beobachtungen über viele Jahre hinweg widerspiegeln können.

Wer konkrete Bedenken wegen nachlassender Gedächtnisleistung hat, sollte dies mit der Hausarztpraxis besprechen. Erste Anlaufstelle ist häufig eine Überweisung zu einer Gedächtnisambulanz oder einem neurologisch spezialisierten Zentrum. Digitale Gesundheits-Apps können ergänzend dazu beitragen, Symptome im Blick zu behalten – ersetzen aber keine ärztliche Diagnose.

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