Schlaganfall-Risiko: Warum bestimmte Gruppen bis zu doppelt so haeufig betroffen sind
ESOC 2026: Nach jahrzehntelangem Rueckgang steigen Schlaganfallraten wieder. Eine 30-Jahres-Studie zeigt, warum manche Gruppen 10 Jahre frueher erkranken – und was jeder tun kann.
Schlaganfaelle gehoeren zu den gefaehrlichsten medizinischen Notfaellen ueberhaupt – und lange schien die Entwicklung in eine positive Richtung zu gehen. Doch eine grosse Studie, die im Mai 2026 auf der European Stroke Organisation Conference (ESOC) vorgestellt wurde, zeigt ein besorgniserregendes Bild: Nach jahrzehntelangem Rueckgang steigen die Schlaganfallraten wieder an – und dieser Anstieg trifft bestimmte Gruppen unverhaeltnismaessig stark.
Was die Studie gemessen hat
Die Forschenden um Dr. Camila Pantoja-Ruiz vom King's College London haben ueber 30 Jahre hinweg 333.000 Menschen im Sueden Londons beobachtet. Von ihnen erlitten 7.726 Personen einen Schlaganfall. Die wichtigste Erkenntnis: Zwischen 1995 und 2014 sank die Schlaganfallhaeufigkeit zunaechst um 34 Prozent – von 198 auf 131 Faelle pro 100.000 Menschen. Dieser Erfolg war das Ergebnis besserer Praevention, frueherer Diagnosen und wirksamerer Therapien.
Doch im Zeitraum 2020 bis 2024 kehrte sich der Trend um: Die Rate stieg um 13 Prozent. Und dieser Anstieg war nicht gleichmaessig verteilt.
Warum manche Gruppen deutlich staerker betroffen sind
Menschen mit schwarzafrikanischen Wurzeln erkrankten im Untersuchungszeitraum 2020 bis 2024 mehr als doppelt so haeufig an einem Schlaganfall wie die weisse Vergleichsgruppe (Inzidenzratenverhaltnis 2,31). Fuer Menschen karibischer Herkunft lag dieser Wert bei 2,00 – ebenfalls mehr als doppelt so hoch. Diese Ungleichheiten blieben auch dann bestehen, wenn die Forschenden den klinischen Schweregrad, den sozioekonomischen Status und andere Faktoren in der Berechnung beruecksichtigten.
Ein zentraler Erklaerungsansatz sind Risikofaktoren wie Bluthochdruck und Diabetes. Schwarzafrikanische Teilnehmende wiesen eine 47 Prozent hoehere Rate an Bluthochdruck auf als die weisse Gruppe – und eine 92 Prozent hoehere Diabetesrate. Bei schwarzkaribischen Teilnehmenden war Diabetes sogar 123 Prozent haeufiger. Beides sind klassische Schlaganfall-Risikofaktoren, die das Blutgefaesssystem langfristig belasten.
Hinzu kommt ein weiteres alarmirendes Detail: 12 Prozent der schwarzafrikanischen Schlaganfallpatienten hatten vor dem Ereignis keine diagnostizierten Risikofaktoren – verglichen mit 6,3 Prozent in der weissen Gruppe. Das deutet darauf hin, dass Risikofaktoren bei bestimmten Gruppen spaeter oder seltener erkannt werden.
Ein entscheidender Zeitunterschied: 10 bis 12 Jahre
Einer der auffaelligsten Befunde der Studie betrifft das Alter beim ersten Schlaganfall. Menschen mit schwarzafrikanischen Wurzeln erleiden einen Schlaganfall im Durchschnitt 10 bis 12 Jahre frueher als weisse Patienten. Das bedeutet: Praevention muss fruehzeitiger ansetzen – nicht erst ab dem klassischen Risikojahrzehnt ab 60 Jahren, sondern bereits im mittleren Lebensalter.
Auch die Nachsorge nach einem Schlaganfall zeigt eine ungleiche Verteilung: Schwarzafrikanische Ueberlebende hatten eine um 34 Prozent geringere Chance, eine rechtzeitige Nachsorgeuntersuchung zu erhalten. Dabei ist genau diese Nachsorge entscheidend, um Folgeschlaganfaelle zu verhindern und die Rehabilitation zu sichern.
Was das fuer jeden bedeuten kann
Die Studie stammt aus Suedlondon – doch die Muster, die sie beschreibt, sind keineswegs britisch-spezifisch. Forschende weltweit beobachten aehnliche Trends in staedtischen Bevoelkerungen: Schlaganfallrisiken sind ungleich verteilt, und soziale sowie ethnische Faktoren spielen dabei eine groessere Rolle als oft angenommen.
Fuer jeden Einzelnen gilt: Die klassischen Risikofaktoren sind bekannt – und zum Glueck beeinflussbar. Bluthochdruck regelmaessig pruefen lassen, Blutzuckerwerte im Blick behalten, ausreichend Bewegung und ein gesundes Koerpergewicht sind die wichtigsten Stellschrauben. Wer Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Diabetes hat – oder in einer Familie, in der Schlaganfaelle haeufig vorkamen – sollte nicht warten, sondern aktiv werden.
Im Ernstfall zaehlt jede Minute: Das FAST-Schema hilft dabei, Schlaganfallsymptome schnell zu erkennen. FAST steht fuer Face (haengt ein Mundwinkel?), Arms (kann ein Arm nicht gehoben werden?), Speech (ist die Sprache undeutlich oder fehlend?) und Time (sofort 112 anrufen). Je schneller ein Schlaganfall behandelt wird, desto besser sind die Chancen auf Erholung.
Haeufige Fragen
Was sind die haeufigtsen Risikofaktoren fuer einen Schlaganfall?
Bluthochdruck ist der wichtigste vermeidbare Risikofaktor. Daneben erhoehen Diabetes, Vorhofflimmern, Rauchen, Uebergewicht und koerperliche Inaktivitaet das Risiko deutlich. Die gute Nachricht: Die meisten dieser Faktoren lassen sich beeinflussen.
Wie erkenne ich einen Schlaganfall?
Typische Warnsignale sind ploetzliche Lahmung oder Taubheit im Gesicht, Arm oder Bein (haeufig auf einer Koerperseite), ploetzliche Sprachstoerungen, Sehprobleme, starker Schwindel oder ein plotzlich auftretender heftiger Kopfschmerz. Bei jedem Verdacht: sofort 112 anrufen.
Kann Praevention wirklich helfen?
Ja – die Studie zeigt es deutlich: Zwischen 1995 und 2014 sank die Schlaganfallrate um 34 Prozent, gerade weil Praevention, Fruehdiagnose und bessere Therapien wirksam waren. Der erneute Anstieg ist kein Schicksal, sondern ein Signal, dass wir gezielter handeln muessen.
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