Von Redaktion

Prostatakrebs 2026: Fokale Therapie so wirksam wie OP – mit fünfmal weniger Nebenwirkungen

Neue Langzeitstudie (European Urology, n=3.477): Fokale Therapie bei Prostatakrebs genauso effektiv wie Operation, aber deutlich schonender.

Prostatakrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Männern in Deutschland. Jedes Jahr erhalten rund 68.000 Männer hierzulande diese Diagnose – mehr als bei jedem anderen Krebs. Die Standardtherapien Bestrahlung und Operation sind wirksam, gehen aber oft mit schwerwiegenden Nebenwirkungen einher: Inkontinenz, Erektionsstörungen, Schäden an Blase und Darm können das Leben nach der Behandlung dauerhaft belasten. Eine neue britische Langzeitstudie legt nun nahe, dass es für viele Betroffene eine ebenso wirksame, aber weit schonendere Option gibt: die fokale Therapie.

Was ist fokale Therapie bei Prostatakrebs?

Im Gegensatz zur Totalentfernung der Prostata oder einer flächendeckenden Bestrahlung zerstört die fokale Therapie nur den konkreten Tumorbereich. Zwei Verfahren sind am weitesten verbreitet: der hochintensive fokussierte Ultraschall – kurz HIFU – der mit Hitzewellen gezielt Tumorzellen abtötet, und die Kryotherapie, die dasselbe mit Kältesonden erreicht. Beide Methoden gelten als minimalinvasiv: Der Eingriff dauert meist nur wenige Stunden, Patienten können oft noch am selben Tag nach Hause.

Bislang galt fokale Therapie als vielversprechend, aber unzureichend belegt. Langzeitdaten fehlten. Das ändert sich mit einer im Juli 2026 im Fachjournal European Urology veröffentlichten Studie von Forschern des Imperial College London und des Imperial College Healthcare NHS Trust.

Die Studie: 3.477 Patienten, zwei Jahrzehnte Daten

Für die Untersuchung werteten die Wissenschaftler unter Leitung von Dr. Alexander Light vom Department of Surgery and Cancer am Imperial College London die Daten von 3.477 Männern aus, die zwischen 2004 und 2024 an 14 Kliniken in Großbritannien mit fokaler Therapie behandelt worden waren. Es ist damit eine der größten und am längsten laufenden Beobachtungsstudien zu diesem Verfahren weltweit.

Das Ergebnis ist bemerkenswert: Nach zehn Jahren lebten die meisten Patienten ohne Rückfall. Im gesamten Beobachtungszeitraum von zwanzig Jahren starben lediglich zwei Männer an ihrem Prostatakrebs. Das Risiko schwerer Nebenwirkungen war im Vergleich zu herkömmlichen Behandlungen um das Fünffache geringer. Das betrifft vor allem dauerhafte Harninkontinenz und Erektionsstörungen – Folgen, die bei radikaler Prostatektomie, also der vollständigen operativen Entfernung der Prostata, weit häufiger auftreten und die Lebensqualität massiv einschränken können.

Die Autoren der Studie bezeichnen die Ergebnisse als geeignet, die klinische Versorgung von Männern mit Prostatakrebs grundlegend zu verändern. Bislang werde fokale Therapie vielen Patienten gar nicht erst angeboten – trotz vergleichbarer Wirksamkeit und deutlich besserer Verträglichkeit.

Für wen kommt fokale Therapie infrage?

Die Methode eignet sich nicht für jeden Patienten. Als geeignet gelten derzeit vor allem Männer mit lokal begrenztem Prostatakrebs, der nicht an mehreren Stellen gleichzeitig wächst. Voraussetzung ist außerdem ein Gleason-Score im niedrigen bis mittleren Bereich – der Gleason-Score ist eine medizinische Einstufung, die angibt, wie aggressiv der Tumor wächst. Patienten, bei denen der Krebs bereits in benachbartes Gewebe oder andere Organe gestreut hat, sind für fokale Therapie in der Regel nicht geeignet.

Eine genaue Abklärung per MRT und Biopsie ist in jedem Fall Voraussetzung. Laut den Studienautoren des Imperial College London erfüllt jedoch ein relevanter Anteil der Männer, die heute eine Bestrahlung oder Operation erhalten, grundsätzlich die Kriterien für fokale Therapie – und würde damit von der schonenderen Alternative profitieren könnten.

Stand in Deutschland: spezialisierte Zentren, wenig Kassenleistung

In Deutschland ist fokale Therapie an spezialisierten urologischen Zentren verfügbar, jedoch bislang keine reguläre Kassenleistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Privatversicherte sollten die Bedingungen ihres Tarifs prüfen. Für gesetzlich Versicherte besteht die Möglichkeit, das Verfahren im Rahmen klinischer Studien zu erhalten.

Die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) hält fokale Therapie in ihrer S3-Leitlinie zum Prostatakarzinom für eine Option bei geeigneten Patienten, empfiehlt das Verfahren aber derzeit nur an erfahrenen Zentren mit entsprechender Infrastruktur und Nachsorge. Experten raten Männern nach einer Prostatakrebs-Diagnose, aktiv nach Therapiealternativen zu fragen und gegebenenfalls eine Zweitmeinung an einem Universitätsklinikum oder Prostatakrebszentrum einzuholen.

Häufige Fragen zu Prostatakrebs und fokaler Therapie

Wie häufig ist Prostatakrebs in Deutschland?

Mit rund 68.000 Neuerkrankungen pro Jahr ist Prostatakrebs laut dem Zentrum für Krebsregisterdaten des Robert Koch-Instituts die häufigste Krebsdiagnose bei Männern in Deutschland. Etwa 500.000 Männer leben hierzulande aktuell mit dieser Diagnose. Die 5-Jahres-Überlebensrate beträgt bei lokal begrenztem Krebs über 90 Prozent – was die langfristige Lebensqualität nach der Behandlung besonders wichtig macht.

Was bedeutet der PSA-Wert?

PSA steht für Prostata-spezifisches Antigen, ein Eiweißstoff, den die Prostata produziert. Ein erhöhter PSA-Wert im Blut kann auf Prostatakrebs hinweisen, aber auch auf eine gutartige Prostatavergrößerung oder Entzündungen. Ab 45 Jahren empfehlen Fachgesellschaften, den PSA-Test zu kennen. Als Selbstzahlerleistung ist er beim Urologen oder Hausarzt erhältlich.

Was ist der Unterschied zwischen HIFU und Kryotherapie?

Beide sind Formen der fokalen Therapie: HIFU (hochintensiver fokussierter Ultraschall) zerstört Tumorzellen durch präzise gerichtete Hitzewellen. Kryotherapie erreicht dasselbe durch gezielte Kältebehandlung. Welches Verfahren geeigneter ist, hängt von der Lage und Größe des Tumors und von der Erfahrung des behandelnden Zentrums ab.

Übernimmt die Krankenkasse die Kosten?

In Deutschland übernehmen gesetzliche Krankenversicherungen fokale Therapie bei Prostatakrebs bislang in der Regel nicht außerhalb von Studien. Privatversicherte sollten ihre Tarifbedingungen prüfen. Wer das Verfahren möchte, kann beim behandelnden Urologen nach Studienteilnahme-Optionen oder zertifizierten Prostatakrebszentren fragen.

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