Primärarztsystem 2026: Werden Wartezeiten beim Facharzt wirklich kürzer?
Deutschland diskutiert ein Primärarztsystem. Eine OECD-Studie zeigt: Kürzere Wartezeiten beim Facharzt sind damit nicht automatisch garantiert.
Wer in Deutschland auf einen Facharzttermin wartet, kennt das Gefühl: Wochen vergehen, manchmal Monate. Laut dem DAK-Gesundheitsmonitor 2026 nennen 72 Prozent der Bevölkerung lange Wartezeiten als das zentrale Defizit im Gesundheitssystem – fast jeder Zweite hat in den letzten Jahren mehrmals sehr lange auf einen Termin warten müssen. Eine Lösung, die im Zusammenhang mit der laufenden Gesundheitsreform immer wieder diskutiert wird: das Primärarztsystem. Die Idee – auch als Hausarztmodell oder Gatekeeping bekannt – soll Patienten zuerst zum Hausarzt führen, bevor sie zum Facharzt weitergehen. Doch eine aktuelle Vergleichsstudie der OECD, die vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) gefördert wurde, dämpft die Erwartungen deutlich: Kürzere Wartezeiten beim Facharzt entstehen durch ein Primärarztsystem nicht von allein.
Was ein Primärarztsystem konkret bedeutet
In 31 der 38 OECD-Mitgliedsstaaten haben Patienten keinen direkten Zugang zur fachärztlichen Versorgung – sie müssen zuerst einen Allgemeinmediziner oder Hausarzt aufsuchen, der sie bei Bedarf überweist. In 24 dieser Länder – darunter Großbritannien und Australien – ist dieser Schritt verpflichtend. In anderen Ländern wie Frankreich oder der Schweiz gibt es finanzielle Anreize, die Patienten dazu bewegen sollen, den Weg über den Hausarzt zu nehmen – wer diesen Umweg nicht nimmt, zahlt mehr aus eigener Tasche.
Deutschland hat bisher kein einheitliches Primärarztsystem. GKV-Versicherte können – bis auf wenige Ausnahmen – direkt zum Facharzt gehen, ohne Überweisung. Das unterscheidet Deutschland von den meisten anderen europäischen Ländern. Im Kontext der aktuellen Gesundheitsreform wird diskutiert, ob das Modell geändert werden soll – mit dem Hausarzt als Steuerer und erstem Ansprechpartner.
Was die OECD-Studie zeigt
Die von der OECD im Mai 2026 veröffentlichte Vergleichsanalyse untersuchte Erfahrungen aus mehreren OECD-Ländern, die ein Primärarztsystem eingeführt haben. Das Ergebnis ist nüchtern: Wartezeiten auf Facharzttermine werden durch Gatekeeping nicht automatisch kürzer. Denn die Wartezeit hängt laut Studie vor allem von einer einzigen Frage ab: Gibt es genug Ärzte – und zwar sowohl auf Hausarzt- als auch auf Facharztniveau?
Wenn das Primärarztsystem mehr Konsultationen beim Hausarzt erzeugt, ohne dass die Hausarztkapazitäten ausgebaut werden, kann das die Wartezeiten beim Hausarzt sogar verlängern. Dänemark hat diese Konsequenz ernst genommen: Das Land plant, seine Hausarztzahl bis 2035 um fast 30 Prozent zu erhöhen – als Voraussetzung dafür, dass das Primärarztsystem funktioniert. In Deutschland fehlen laut DAK-Gesundheitsmonitor bereits heute 36 Prozent der Bevölkerung ausreichend Hausärzte in der eigenen Region. In Ostdeutschland ist es sogar jeder Zweite.
Hinzu kommt ein weiteres Problem, das die OECD-Forscher beschreiben: Wenn Wartezeiten im Primärarztsystem zu lang werden, suchen Patienten Umwege. In Polen etwa weicht ein erheblicher Teil der Bevölkerung auf selbst bezahlte Privatarztbesuche aus – weil die Wartezeit im Kassensystem zu lang ist. Auch in Italien, Spanien und Schweden zeigen Daten, dass privat (zusatz-)Versicherte häufiger außerhalb der vorgesehenen Behandlungspfade Leistungen in Anspruch nehmen. Das Primärarztsystem schützt also nicht automatisch vor einer Zwei-Klassen-Medizin – es kann sie unter Umständen sogar verstärken.
Was das für Deutschland bedeutet
Dominik von Stillfried, Vorstandsvorsitzender des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi), fasst die Botschaft der Studie so zusammen: „Wo die Steuerung von Patientenwegen gelingt, wird sie in der Regel durch verbindliche Regeln und negative finanzielle Anreize für Versicherte unterstützt. Wer ein Primärarztsystem in Deutschland einführen will, wird sich in diesen Punkten festlegen müssen." Das heißt im Klartext: Ein freiwilliges Hausarzt-Modell mit kleinen Anreizen dürfte wenig Wirkung haben. Ein verbindliches System mit echten finanziellen Konsequenzen für Patienten, die direkt zum Facharzt gehen, würde hingegen einen grundlegenden Wandel bedeuten – und politischen Widerstand erzeugen.
Die OECD-Studie weist zudem darauf hin, dass Primärarztsysteme in Ländern mit langer Tradition freier Arztwahl mit geringerer Patientenzufriedenheit einhergehen. Deutschland hat seit Jahrzehnten diese freie Arztwahl. Die Studie legt nahe, dass eine Einschränkung dieser Wahlfreiheit kurzfristig zu Unzufriedenheit führen würde – und möglicherweise zu schlechteren Gesundheitsergebnissen, weil manche Patienten dann ganz auf Behandlung verzichten.
Was Patienten jetzt tun können
Konkrete Änderungen für gesetzlich Versicherte in Deutschland sind kurzfristig nicht zu erwarten. Ob und wann ein Primärarztsystem kommt, ist politisch noch nicht entschieden. Wer heute Probleme hat, schnell einen Facharzttermin zu bekommen, hat mehrere Optionen.
Gesetzlich Versicherte können die Terminservicestelle (TSS) ihrer Kassenärztlichen Vereinigung nutzen – bei der Rufnummer 116 117 erhalten GKV-Versicherte binnen vier Wochen einen Facharzttermin, sofern der Hausarzt eine dringende Überweisung ausgestellt hat. Für Erstkonsultationen, bei denen noch unklar ist, welcher Facharzt der richtige ist, bieten digitale Symptom-Checker wie Ada Health eine erste Orientierung. Telemedizinische Angebote wie Kry oder TeleClinic ermöglichen es, viele Beschwerden ohne persönlichen Arztbesuch abzuklären – das spart Zeit und entlastet die Wartelisten. Wer einen Facharzt sucht, kann Dienste wie APPzumARZT oder Doctolib nutzen, um freie Termine in der Umgebung direkt zu buchen.
Der entscheidende Punkt der OECD-Studie bleibt: Ob Primärarztsystem oder nicht – solange zu wenige Ärzte vorhanden sind, werden die Wartezeiten nicht kürzer. Die Grundfrage lautet also nicht, wie Patienten gesteuert werden, sondern wie Deutschland mehr Ärzte gewinnt, dort ausbildet und dort verteilt, wo sie gebraucht werden.