Pollenallergie 2026: Klimawandel verlängert die Saison – 20 Millionen Betroffene
Der Klimawandel verlängert Deutschlands Pollensaison spürbar. 20 Millionen Betroffene leiden länger – was aktuelle Daten zeigen und was hilft.
Rote Augen, triefende Nase, Atemnot beim Sport: Für rund 20 Millionen Menschen in Deutschland beginnt mit dem Frühling der Kampf gegen Pollen. Doch der Leidensdruck steigt. Die Pollensaison dauert nach Auswertungen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) heute im Durchschnitt mehrere Wochen länger als noch vor zwei Jahrzehnten. Der Klimawandel verändert den Pollenkalender grundlegend – und das hat spürbare Folgen für Millionen Betroffene.
Eine Saison ohne Pause
Früher hatten Allergiker wenigstens den Winter als Erholungszeit. Heute nicht mehr. Hasel und Erle, die ersten großen Pollenlieferanten des Jahres, blühen in milden Wintern bereits ab Januar – zwei bis vier Wochen früher als in den 1980er-Jahren, wie Langzeitdaten des DWD zeigen. Im April und Mai folgen Birke und Esche mit besonders aggressiven Pollenkörnern. Gräser- und Roggenpollen schließen nahtlos an und belasten Betroffene bis weit in den August. Ambrosia (Beifußblättriges Traubenkraut), eine eingewanderte Pflanze aus Nordamerika, verlängert die Saison bis in den Oktober.
Für viele Allergiker bedeutet das: kaum noch beschwerdefreie Phasen zwischen den Pollenwellen. Wer auf mehrere Pflanzenarten sensibilisiert ist, leidet in extremen Fällen von Januar bis Oktober – fast das gesamte Jahr hindurch.
Klimawandel macht Pollen aggressiver
Hinter der Verlängerung der Saison steckt mehr als wärmeres Wetter. Forschende des Zentrums Allergie und Umwelt (ZAUM) der Technischen Universität München und des Helmholtz Zentrums München haben nachgewiesen, dass erhöhte CO2-Konzentrationen die Pollenproduktion von Birken und Gräsern steigern. Wärmere Temperaturen sorgen dafür, dass Pflanzen früher und länger blühen – und dabei mehr Pollen produzieren.
Hinzu kommt ein Qualitätseffekt: Feinstaub und Stickoxide, die vor allem in Städten in erheblichen Mengen vorkommen, verändern die Oberfläche der Pollenkörner chemisch. Das Immunsystem reagiert auf diese veränderten Pollen stärker als auf unbelastete Pollen aus ländlichen Regionen. Stadtbewohner sind deshalb doppelt belastet – durch die Konzentration der Pollen und durch ihre erhöhte allergene Wirkung.
Auch neue Pflanzenarten breiten sich aus. Ambrosia, die in Südeuropa seit Jahrzehnten als Allergieproblem bekannt ist, hat inzwischen stabile Populationen in Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen gebildet. Ihr Pollen ist hochallergen: Selbst wenige Pollenkörner pro Kubikmeter Luft können bei sensibilisierten Personen heftige Reaktionen auslösen.
Wer betroffen ist – und wer besonders aufpassen muss
Allergische Erkrankungen gehören zu den häufigsten chronischen Leiden in Deutschland. Laut Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) aus dem Gesundheitsmonitoring leidet rund jede vierte erwachsene Person in Deutschland an einer allergischen Erkrankung – Pollenallergien machen dabei einen erheblichen Anteil aus. Bei Kindern und Jugendlichen ist die Prävalenz ähnlich hoch.
Besonders gefährdet sind Personen, die bereits auf eine Pollenart sensibilisiert sind: Die Wahrscheinlichkeit, weitere Allergien zu entwickeln, steigt mit der Dauer der unbehandelten Exposition. Menschen mit Neurodermitis, Asthma in der Familiengeschichte oder häufigen Atemwegsinfekten im Kindesalter tragen ein erhöhtes Risiko.
Kreuzallergien: Wenn Pollen auch beim Essen Probleme macht
Pollenallergiker kennen ein weiteres Phänomen: Nach dem Essen von rohem Obst oder bestimmtem Gemüse kribbelt der Mund, schwellen die Lippen leicht an oder kratzt der Rachen. Das pollenassoziierte Nahrungsmittel-Allergie-Syndrom entsteht, weil das Immunsystem zwischen Pollenproteinen und ähnlich aufgebauten Proteinen in Lebensmitteln nicht unterscheiden kann.
Birkenpollenallergiker reagieren häufig auf rohes Steinobst (Kirschen, Pfirsiche, Pflaumen), Äpfel und Karotten. Beim Erhitzen werden die Proteine in vielen Fällen zerstört – gekochte oder verarbeitete Lebensmittel werden dann besser vertragen als rohe. Ein Allergologe kann die genaue Kreuzreaktion per Test ermitteln und Betroffene gezielt beraten.
Wenn Heuschnupfen zu Asthma wird – der Etagenwechsel
Was viele Betroffene unterschätzen: Unbehandelte Pollenallergien können sich ausweiten. Allergologen sprechen von einem Etagenwechsel, wenn die Allergie von den oberen Atemwegen (Nase, Augen) auf die unteren Atemwege (Bronchien, Lunge) übergreift. Laut Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) entwickeln bis zu 30 Prozent der unbehandelten Heuschnupfen-Patienten innerhalb von zehn Jahren ein allergisches Asthma.
Dieser Verlauf lässt sich verhindern. Die spezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung) kann die Überempfindlichkeit des Immunsystems dauerhaft reduzieren und das Risiko eines Etagenwechsels senken. Sie ist ab einem Alter von fünf Jahren zugelassen und gilt als einzige Therapieform, die kausal – nicht nur symptomatisch – wirkt.
Was Betroffene jetzt konkret tun können
Der erste Schritt ist die genaue Diagnose: Ein Allergietest beim Facharzt zeigt, auf welche Pollen reagiert wird. Ohne dieses Wissen wird oft nur symptomatisch behandelt, was den langfristigen Verlauf nicht verbessert.
Im Alltag hilft die kostenfreie Pollenflug-Vorhersage des Deutschen Wetterdienstes (DWD-App), die tagesaktuell und regional aufgelöst verfügbar ist. An Tagen mit hoher Pollenbelastung empfiehlt es sich, Fenster vor allem morgens geschlossen zu halten, Kleidung nach dem Aufenthalt draußen zu wechseln und Sport in die Abendstunden zu verlegen – wenn die Pollenkonzentration in der Luft typischerweise niedriger ist.
Antihistaminika der zweiten Generation wirken zuverlässig gegen Niesen, Jucken und Augenrötung und machen weniger müde als ältere Präparate. Nasensprays mit Kortikosteroiden sind bei stärkeren Beschwerden laut Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) die wirksamere Wahl.
Auf bestes.com finden Betroffene digitale Gesundheitsangebote, die bei der Begleitung von Allergieerkrankungen und der Suche nach passenden Gesundheitslösungen unterstützen können. Wer Kinder mit Pollenallergie hat, sollte nicht zu lange warten: Frühzeitige Behandlung kann das spätere Asthmarisiko deutlich senken.