Von Redaktion

Osteoporose 2026: 6,5 Millionen Betroffene – und zwei Drittel bleiben unbehandelt

Osteoporose betrifft 6,5 Mio. Deutsche – doch zwei Drittel der Hochrisikopatienten werden nie behandelt. Die DVO-Leitlinie 2023 soll das ändern.

Rund 6,5 Millionen Menschen in Deutschland haben Osteoporose – und die meisten wissen es nicht einmal. Knochenschwund gilt als „stille Volkskrankheit": Er macht oft erst durch einen Knochenbruch auf sich aufmerksam, wenn der Schaden längst eingetreten ist. Laut dem Bundesselbsthilfeverband für Osteoporose werden zwei Drittel der Hochrisikopatienten in Deutschland bis heute nie behandelt. Das soll sich mit der überarbeiteten S3-Leitlinie des Dachverbands Osteologie (DVO) aus dem Jahr 2023 ändern – einem Paradigmenwechsel in der Diagnostik, der frühere Erkennung und gezieltere Therapie ermöglichen soll.

Was Osteoporose mit dem Körper macht

Knochen sind kein starres Gerüst – sie bauen sich ein Leben lang ab und wieder auf. Bei Osteoporose gerät diese Balance aus dem Gleichgewicht: Der Knochenabbau überwiegt, die Dichte sinkt, das Skelett wird brüchiger. Tückisch ist dabei: Der Prozess verläuft jahrelang ohne Symptome. Kein Schmerz, kein Warnzeichen – bis der erste Knochen bricht.

Besonders gefährdet sind Frauen nach den Wechseljahren. Laut DVO-Leitlinie ist jede vierte Frau über 50 Jahre betroffen. Bei Männern ist die Prävalenz mit rund sechs Prozent geringer – die Folgen nach einem Knochenbruch sind aber statistisch genauso schwer. Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen Bewegungsmangel, Rauchen, ein niedriger Body-Mass-Index, Kalzium- und Vitamin-D-Mangel sowie bestimmte Dauermedikamente wie Kortison oder bestimmte Antidepressiva. Auch genetische Veranlagung und ein Abfall der Sexualhormone spielen eine entscheidende Rolle – weshalb die Erkrankung bei Frauen nach den Wechseljahren so häufig auftritt.

95 Knochenbrüche pro Stunde – die unterschätzte Volkslast

Die Zahlen sind erschreckend konkret: In Deutschland ereignen sich nach Angaben des Bundesselbsthilfeverbands für Osteoporose jährlich mehr als 831.000 sogenannte Fragilitätsfrakturen – Knochenbrüche, die durch alltägliche Belastungen oder minimale Stürze entstehen, die bei gesunden Knochen keine Verletzung hinterlassen würden. Das entspricht 95 Knochenbrüchen pro Stunde, rund um die Uhr.

Besonders gefürchtet ist der Oberschenkelhalsbruch. Er tritt häufig bei älteren Menschen auf und ist mit langen Krankenhausaufenthalten, dauerhafter Pflegebedürftigkeit und einer erhöhten Sterblichkeit verbunden. Innerhalb eines Jahres nach einem Oberschenkelhalsbruch stirbt laut Fachgesellschaften jeder vierte bis fünfte ältere Patient an den direkten oder indirekten Folgen. Auch Wirbelkörperfrakturen können zu dauerhaften Rückenschmerzen und Körpergrößenverlust führen – ohne dass die Betroffenen jemals wissen, dass es sich um eine Osteoporose-Folge handelt. Die volkswirtschaftlichen Kosten belaufen sich auf schätzungsweise über zwei Milliarden Euro pro Jahr – Tendenz steigend.

Neue DVO-Leitlinie 2023: 33 Risikofaktoren statt starrem Grenzwert

Lange galt: Osteoporose wird erst behandelt, wenn die Knochendichte – gemessen per DXA-Scan – einen bestimmten Grenzwert unterschreitet. Die neue S3-Leitlinie des Dachverbands Osteologie, 2023 grundlegend überarbeitet, denkt das anders. Statt des bisherigen 10-Jahres-Frakturrisikos setzt die Leitlinie nun auf ein 3-Jahres-Modell, das 33 Risikofaktoren gleichzeitig berücksichtigt – darunter Sturzereignisse, Medikamente, Vorerkrankungen und Lebensstilfaktoren wie Rauchen und Bewegungsverhalten.

Das neue Modell identifiziert mehr Hochrisikopatienten früher – also bevor der erste schwere Bruch passiert. Für die Praxis bedeutet das: Hausärzte können gezielter entscheiden, wer eine Knochendichtemessung braucht und wer sofort mit einer spezifisch-osteologischen Therapie beginnen sollte. Bei einem 3-Jahres-Frakturrisiko über zehn Prozent empfiehlt die Leitlinie eine osteoanabole Therapie – Medikamente, die aktiv neuen Knochen aufbauen, statt nur den Abbau zu bremsen. Dazu zählen Substanzen wie Teriparatid oder Abaloparatid, die bislang nur bei sehr schwerem Verlauf eingesetzt wurden. Für mittleres Risiko bleiben bewährte Bisphosphonate und Denosumab die Therapie der Wahl.

Warum die Behandlungslücke so groß bleibt

Trotz besserer Leitlinien: Zwei Drittel der Hochrisikopatienten erhalten laut Bundesselbsthilfeverband bis heute keine Therapie. Die Gründe sind vielschichtig. Viele Betroffene kennen ihre Diagnose schlicht nicht – weil der erste Arztbesuch oft erst nach dem ersten Knochenbruch stattfindet. Andere unterschätzen das Risiko oder scheuen den Weg zum Spezialisten. Erschwerend: Knochendichtemessungen werden von der gesetzlichen Krankenversicherung nicht routinemäßig erstattet – sie sind nur bei nachgewiesenem klinischem Risiko Kassenleistung. Das erzeugt einen Henne-Ei-Effekt: ohne Diagnose kein Risiko, ohne Risikofeststellung keine Diagnose.

Der Bundesselbsthilfeverband fordert seit Jahren eine bessere Versorgungsstruktur: mehr Aufklärung beim Hausarzt, niedrigschwelligen Zugang zur DXA-Messung und eine engere Vernetzung zwischen Hausärzten und Osteologen. Zum Weltosteoporosetag 2025 hat die Organisation erneut auf die Versorgungslücke hingewiesen und ein nationales Früherkennungsprogramm gefordert.

Was Gefährdete jetzt tun können

Prävention beginnt früh – und kostet oft nichts. Regelmäßige körperliche Aktivität, besonders Kraft- und Gleichgewichtstraining, stärkt Knochen und reduziert das Sturzrisiko. Eine ausreichende Versorgung mit Kalzium (täglich über Milchprodukte, Brokkoli, kalziumreiches Mineralwasser) und Vitamin D (Sonnenlicht in den Sommermonaten, Ergänzungsmittel bei nachgewiesenem Mangel) ist die Basis jeder Prävention.

Wer Risikofaktoren hat – Wechseljahre, Kortison-Dauermedikation, familiäre Vorbelastung, frühere Knochenbrüche ohne starke Gewalteinwirkung – sollte das aktiv beim Hausarzt ansprechen und nach dem neuen DVO-Risikorechner fragen. Bei bestätigtem hohem Frakturrisiko übernimmt die GKV die Knochendichtemessung. Bestehende Therapien sollten nicht eigenmächtig abgebrochen werden – auch wenn keine Schmerzen vorhanden sind. Digitale Gesundheits-Apps können ergänzend helfen: mit geführten Übungsprogrammen für Kraft und Gleichgewicht sowie Erinnerungsfunktionen für Medikamente und Arzttermine. Osteoporose ist behandelbar – wenn sie rechtzeitig erkannt wird.

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