Von Redaktion

Migräne 2026: Atogepant jetzt auch für Akuttherapie zugelassen – was das für Betroffene bedeutet

Die EU hat Aquipta (Atogepant) als erstes Migränemittel für Akut- und Prophylaxetherapie zugelassen. Was die ECLIPSE-Studie zeigt und wen das betrifft.

Wer unter schwerer Migräne leidet, kennt das Dilemma: Die üblichen Schmerzmittel helfen oft nicht, und Triptane – bislang das Mittel der Wahl bei akuten Attacken – wirken bei einem Teil der Betroffenen unzureichend oder sind wegen Vorerkrankungen nicht geeignet. Seit Juni 2026 steht in der Europäischen Union eine neue Behandlungsoption zur Verfügung: Die Europäische Kommission hat Aquipta (Atogepant) für die Akuttherapie der Migräne bei Erwachsenen zugelassen. Es ist das erste Medikament, das in der EU sowohl zur Vorbeugung als auch zur Akutbehandlung von Migräneattacken eingesetzt werden darf – eine doppelte Zulassung, die es in dieser Wirkstoffklasse bislang nicht gab.

Migräne in Deutschland: Millionen Betroffene, viele unterversorgt

In Deutschland leiden laut der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft zwischen zehn und fünfzehn Prozent der Bevölkerung unter Migräne – das entspricht acht bis zwölf Millionen Menschen. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer: AOK-Daten aus dem Jahr 2024 zeigen, dass Frauen fast dreimal so häufig mit der Diagnose Migräne krankgeschrieben werden wie Männer. Die Erkrankung betrifft besonders Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 25 und 55 Jahren.

Das ist kein Randproblem. In sechs europäischen Ländern hat das WifOR-Institut errechnet, dass Migräne 1,2 bis 2,0 Prozent des Bruttoinlandsprodukts kostet – durch Krankheitsausfälle, eingeschränkte Arbeitsfähigkeit und Behandlungskosten. Trotzdem ist die Versorgung häufig unzureichend: Viele Betroffene warten Jahre auf die richtige Diagnose. Andere erhalten Schmerzmittel, die bei zu häufiger Einnahme ihrerseits Kopfschmerzen auslösen können – den sogenannten medikamenteninduzierten Kopfschmerz. Neue Wirkmechanismen eröffnen deshalb echte Perspektiven für jene, bei denen bisherige Therapien nicht ausreichen.

Was Atogepant ist – und wie es sich von Triptanen unterscheidet

Atogepant (Aquipta) gehört zu einer neuartigen Klasse von Migränemitteln, den sogenannten CGRP-Rezeptorantagonisten oder Gepanten. Das Kürzel CGRP steht für Calcitonin Gene-Related Peptide – ein Botenstoff im Nervensystem, der während einer Migräneattacke massiv ausgeschüttet wird und die typischen Beschwerden wie Lichtempfindlichkeit, Übelkeit und pochende Schmerzen mit antreibt. Atogepant blockiert den Rezeptor, an den CGRP andockt, und unterbricht damit die Signalkette, die eine Attacke aufrechterhält.

Der entscheidende Vorteil gegenüber Triptanen: Triptane verengen Blutgefäße, weshalb sie bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder erhöhtem Schlaganfallrisiko nicht eingesetzt werden dürfen. Atogepant hat diesen Effekt nicht und kann deshalb auch für Betroffene in Betracht kommen, für die Triptane kontraindiziert sind. Prof. Uwe Reuter von der Charité Berlin, Präsident der Europäischen Kopfschmerzföderation, begrüßte die Zulassung: Migräne sei eine unsichtbare Erkrankung, die das Alltagsleben und soziale Beziehungen gravierend einschränke; die neue Therapieoption ermögliche es, diese Belastung gezielter zu lindern.

Was die ECLIPSE-Studie zeigt

Grundlage der EU-Zulassung zur Akutbehandlung ist die Phase-3-Studie ECLIPSE. Sie verglich Atogepant 60 mg als Bedarfsmedikament gegen Placebo bei 1.328 Erwachsenen mit zwei bis acht mittelschweren bis schweren Migräneattacken pro Monat. Die Untersuchung erstreckte sich über 149 Zentren in Europa, dem Vereinigten Königreich, Japan, China, Südkorea und Taiwan.

Das Ergebnis: Zwei Stunden nach Einnahme war ein statistisch hochsignifikant höherer Anteil der Atogepant-Gruppe schmerzfrei als in der Placebogruppe. Auch die sekundären Endpunkte sprachen für den Wirkstoff – weniger Begleitsymptome wie Licht- und Lärmempfindlichkeit nach zwei Stunden, geringerer Bedarf an Notfallmedikation und anhaltende Schmerzfreiheit über bis zu 48 Stunden. Die Wirkung blieb über mehrere aufeinanderfolgende Attacken stabil. Häufigste Nebenwirkungen waren Nasopharyngitis und Infekte der oberen Atemwege; Übelkeit und Verstopfung – bei der Prophylaxedosis häufiger beobachtet – traten in der Akutdosis seltener auf.

Doppelte Zulassung: Prävention und Akutbehandlung mit einem Wirkstoff

Atogepant war in der EU bereits für die Migräneprophylaxe zugelassen – als einmal tägliche Einnahme bei Patienten mit mindestens vier Migränetagen pro Monat. Die neue Akutzulassung vom Juni 2026 erweitert dieses Profil: Betroffene können Atogepant nun auch zur Behandlung laufender Attacken einsetzen. Damit ist Aquipta das erste Medikament dieser Klasse mit beiden Indikationen in der EU.

In der Versorgungsrealität muss noch abgewartet werden, wie die gesetzliche Krankenversicherung und der Gemeinsame Bundesausschuss die neue Akutindikation bewerten und erstatten. Für die Prophylaxe-Indikation bestehen bereits Erstattungsregelungen; für die Akuttherapie ist die Situation nach aktuellem Stand noch offen. Betroffene sollten dies mit ihrem Arzt oder ihrer Krankenkasse klären.

Was Betroffene jetzt wissen sollten

Aquipta (Atogepant) ist seit Juni 2026 in der gesamten Europäischen Union für die Akutbehandlung von Migräne zugelassen. Der Wirkstoff wird als 60-mg-Tablette bei Bedarf eingenommen – anders als bei der Prophylaxe-Indikation, bei der täglich 10 mg eingenommen werden. In Deutschland ist AbbVie Deutschland GmbH & Co. KG Inhaberin der Zulassung. Ob Atogepant im Einzelfall geeignet ist und wie die Erstattung geregelt wird, klärt der behandelnde Arzt oder die behandelnde Ärztin.

Migräne ist behandelbar – aber häufig unzureichend diagnostiziert und therapiert. Wer regelmäßig unter Kopfschmerzattacken leidet, sollte die Diagnose abklären und die heute verfügbaren Therapieoptionen in einer spezialisierten Praxis oder einer Kopfschmerzambulanz besprechen. Auf bestes.com findest du eine Übersicht digitaler Gesundheitsangebote und Telemedizinanbietern, die bei der ersten Orientierung helfen können.

Häufige Fragen zu Atogepant und Migräne

Für wen ist Atogepant als Akuttherapie geeignet?

Für Erwachsene mit Migräne mit oder ohne Aura, bei denen bisherige Akuttherapien – etwa Triptane – nicht ausreichend wirken oder kontraindiziert sind. Die Entscheidung trifft der behandelnde Arzt individuell.

Wird Atogepant von der Krankenkasse erstattet?

Für die Prophylaxe-Indikation bestehen bereits GKV-Erstattungsregelungen. Für die neue Akutindikation (Zulassung Juni 2026) ist die G-BA-Nutzenbewertung noch ausstehend. Wenden Sie sich an Ihren Arzt oder Ihre Krankenkasse für aktuelle Informationen.

Wie viele Menschen in Deutschland sind von Migräne betroffen?

Laut Deutscher Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft leiden 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung unter Migräne – das entspricht acht bis zwölf Millionen Menschen. Frauen sind rund dreimal häufiger betroffen als Männer.

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