Vorsorge Krankenkassen
Von Bestes.com Redaktion
Lungenkrebsscreening mit KI-Pflicht: Ein Wendepunkt für Digital Health
Ab April 2026 ist KI beim GKV-Lungenkrebsscreening Pflicht – erstmals gesetzlich vorgeschrieben. Was das für 5,5 Mio. Anspruchsberechtigte und Digital Health bedeutet.
Seit dem 1. April 2026 gehört die Früherkennung von Lungenkrebs mittels Niedrigdosis-Computertomographie zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung. Was diese Reform von bisherigen Präventionsprogrammen unterscheidet: Erstmals schreibt der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) den verpflichtenden Einsatz Künstlicher Intelligenz für die Befundung vor [1]. Ohne zertifizierte KI-Software darf das Screening nicht abgerechnet werden. Das ist ein Präzedenzfall – und ein Signal, das weit über die Radiologie hinausreicht.
## Wer hat Anspruch auf das neue Screening?
Berechtigt sind gesetzlich Versicherte im Alter von 50 bis 75 Jahren, die mindestens 25 Jahre ohne längere Unterbrechung geraucht haben und dabei auf mindestens 15 Packungsjahre kommen – also beispielsweise eine Schachtel täglich über 15 Jahre. Wer seit weniger als zehn Jahren rauchfrei ist, erfüllt die Bedingungen ebenfalls. Schätzungen zufolge sind in Deutschland rund 5,5 Millionen Menschen anspruchsberechtigt [1]. Vor dem eigentlichen Scan ist eine ärztliche Beratung durch eine Allgemeinmedizinerin oder einen Internisten verpflichtend; dann folgt jährlich ein Niedrigdosis-CT der Lunge [3].
Die medizinische Notwendigkeit ist eindeutig. Lungenkrebs ist mit rund 57.000 Neuerkrankungen jährlich eine der häufigsten Krebsdiagnosen in Deutschland [2]. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt bei nur 20 bis 25 Prozent – vor allem, weil die meisten Tumoren spät entdeckt werden. Große internationale Studien wie die amerikanische NLST-Studie und die europäische NELSON-Studie haben gezeigt, dass ein jährliches Niedrigdosis-CT die Lungenkrebssterblichkeit bei Hochrisikogruppen um bis zu 24 Prozent senken kann [3].
## KI als gesetzliche Mindestanforderung – was das bedeutet
Der G-BA hat in der überarbeiteten Krebsfrüherkennungs-Richtlinie (KFE-RL) festgelegt, dass radiologische Bilder zunächst ohne und anschließend mit Unterstützung einer geeigneten computerassistierten Befundungssoftware befundet werden müssen [2]. Konkret muss die KI-Lösung Knötchen erkennen und markieren können, die auf Lungenkrebs hinweisen. Praxen, die diese Anforderung nicht erfüllen, dürfen das Screening nicht als GKV-Leistung abrechnen.
Hinzu kommen strenge Qualifikationsvorgaben für Radiologinnen und Radiologen: Sie brauchen eine spezielle Fortbildung und eine Genehmigung der Kassenärztlichen Vereinigung, bevor sie am Programm teilnehmen dürfen [3]. Bei verdächtigen Befunden ab einer bestimmten Schwelle – nach dem Lung-RADS-Klassifikationssystem – ist eine Zweitmeinung durch ein zertifiziertes Lungenkrebszentrum vorgeschrieben.
## Warum das ein Präzedenzfall für Digital Health ist
Bisher war KI in der Medizin überwiegend Kür, nicht Pflicht. Ärztinnen und Ärzte konnten KI-Systeme als Hilfsmittel nutzen, wurden aber weder verpflichtet noch dafür honoriert. Das Lungenkrebsscreening bricht mit dieser Logik: Wer ohne KI befundet, bekommt kein Geld von der Kasse. Diese strukturelle Einbettung ist neu und relevant – auch für andere Screeningprogramme wie Mammographie oder Darmkrebsvorsorge, bei denen KI bereits erprobt wird.
Im Kontext des EU AI Acts verstärkt sich diese Entwicklung. Seit dem 2. Februar 2025 müssen Anbieter und Betreiber von KI-Systemen nachweisliche KI-Kompetenz vorhalten [2]. Ab August 2027 gelten für Hochrisiko-KI-Systeme in der Medizin – zu denen bildgebungsgestützte Diagnosesoftware gehört – verschärfte Anforderungen nach Artikel 113 der KI-Verordnung. Anbieter solcher Systeme müssen sich dann auf deutlich striktere Konformitätsnachweise einstellen.
Für den Markt für digitale Gesundheitsanwendungen ist diese Entwicklung unmittelbar relevant. KI-gestützte Prävention wird vom optionalen Add-on zur regulierten Grundversorgung. Wer heute Gesundheits-Apps anbietet, die auf KI-Analysen setzen, bewegt sich auf einem Markt, der sich von einer informellen in eine formelle Infrastruktur verwandelt. Das schafft höhere Hürden für schlechte Produkte – und mehr Vertrauen für gute.
Ein praktischer Aspekt darf dabei nicht übersehen werden: Das Screening ist noch nicht flächendeckend verfügbar. Sowohl Ärztinnen als auch Radiologinnen müssen zunächst spezifische Fortbildungen abschließen und Zulassungen beantragen. Wer anspruchsberechtigt ist und das Screening wahrnehmen möchte, sollte zunächst die Hausarztpraxis ansprechen – diese kann den Beratungstermin einleiten und geeignete Radiologiepraxen in der Nähe benennen [3].
Tipp von Bestes: Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) und KI-gestützte Gesundheitstools findest du auf bestes.com – mit Infos zur GKV-Erstattung, Nutzerbewertungen und unabhängigem Vergleich. Alle DiGAs auf bestes.com
---
**Quellen:**
[1] HCM-Magazin: „Lungenkrebs: Früherkennungsangebot mit KI-Pflicht." 2026. https://www.hcm-magazin.de/aktuelles/2026/lungenkrebs-frueherkennungsangebot-mit-ki-pflicht.html
[2] AdOrga Solutions: „Lungenkrebs-Screening ab April 2026: Wenn KI nicht mehr Kür, sondern Voraussetzung ist." 2026. https://www.adorgasolutions.de/lungenkrebs-screening-ab-april-2026-wenn-ki-nicht-mehr-kuer-sondern-voraussetzung-ist/
[3] ONKO Internetportal: „Lungenkrebs: Neues Screening für starke Raucherinnen und Raucher ab 1. April 2026." 2026. https://www.onko-portal.de/aktuelle-themen/news/lungenkrebs-neues-screening-fuer-starke-raucherinnen-und-raucher-ab-1-april-2026.html