Studie Pharma
Von Redaktion

Long COVID: Erlanger Studie zeigt Hoffnung bei extremer Erschöpfung

Erlanger Studie: Rovunaptabin lindert Long-COVID-Fatigue bei Patienten mit Autoantikörpern. Phase IIa im Lancet – was das bedeutet.

Für eine bestimmte Gruppe von Long-COVID-Patienten könnte ein Wirkstoff aus der Erlanger Augenklinik den Durchbruch bedeuten. Das Mittel Rovunaptabin – zuvor bekannt als BC007 – linderte in einer placebokontrollierten Phase-IIa-Studie die schwere Erschöpfung bei Patienten, bei denen besondere Autoantikörper im Blut nachgewiesen werden konnten. Die Ergebnisse wurden im Lancet-Tochterjournal eClinicalMedicine veröffentlicht [1]. ## Long COVID: Millionen ohne Diagnose und Therapie Schätzungsweise 65 Millionen Menschen weltweit leiden an Long COVID – anhaltenden Beschwerden nach einer SARS-CoV-2-Infektion, die über Wochen oder Monate andauern. In Deutschland sind laut RKI mehr als zwei Millionen Menschen betroffen. Das dominante Symptom: extreme körperliche und geistige Erschöpfung, die sich durch Ruhe nicht bessert – Fachleute nennen es Post-COVID-Fatigue oder myalgische Enzephalomyelitis (ME/CFS). Für diese Patienten gibt es bisher keine zugelassene Therapie. Viele kämpfen jahrelang um eine Diagnose, da die Erkrankung im Standard-Blutbild nicht sichtbar ist. Ein möglicher Schlüssel: Funktionelle Autoantikörper gegen bestimmte Rezeptoren im Körper, die eigentlich das Herz, die Gefäße und das Nervensystem regulieren. Etwa 60–70 Prozent der Long-COVID-Patienten sollen solche Autoantikörper tragen – bei Gesunden sind sie selten. ## Was die reCOVer-Studie gezeigt hat Die reCOVer-Studie der Erlanger Augenklinik unter Prof. Bharat Bhatt untersuchte 30 Long-COVID-Patienten, die alle positiv auf funktionelle Autoantikörper getestet wurden. Die Hälfte erhielt eine einmalige Infusion mit Rovunaptabin, die andere ein Placebo. Das Ergebnis war statistisch signifikant und für Patienten spürbar: Nach der Rovunaptabin-Infusion verschwanden die Autoantikörper aus dem Blut, die Erschöpfungssymptome besserten sich messbar, und die Lebensqualität stieg deutlich an [1]. Das Mittel wurde gut vertragen. Es gab keine schwerwiegenden Nebenwirkungen. Wichtig ist die Einschränkung: Die Studie war klein. 30 Patienten reichen für eine Zulassung nicht aus. Und Rovunaptabin half offenbar nur jenen Patienten, die tatsächlich Autoantikörper-positiv sind – das muss vorher getestet werden. "Diese Ergebnisse sind ein Proof of Concept, aber noch kein Beweis der Wirksamkeit für alle Long-COVID-Patienten", kommentierte ein auf Post-COVID spezialisierter Arzt gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung [2]. ## Wie geht es weiter? Das neu gegründete Start-up APTA Therapeutics übernimmt die weitere Entwicklung von Rovunaptabin. Geplant ist eine größere Phase-IIb-Studie mit mehreren hundert Patienten. Bis zu einer möglichen Zulassung werden voraussichtlich noch mindestens drei bis fünf Jahre vergehen. Der Bund hat inzwischen die "Nationale Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen" ausgerufen (2026–2036), die gezielt Long COVID, ME/CFS und ähnliche Erkrankungen erforschen soll. Das zeigt: Das Thema ist politisch angekommen. ## Häufige Fragen **Kann ich testen lassen, ob ich Autoantikörper habe?** Ja, es gibt kommerzielle Tests – zum Beispiel von CellTrend. Sie werden von den meisten Krankenkassen bisher nicht erstattet. Kosten: ca. 200–400 Euro privat. Ob ein positiver Test tatsächlich Behandlungsrelevanz hat, wird derzeit noch erforscht. **Was kann ich jetzt bei Long COVID tun?** Das sogenannte Pacing – also die bewusste Steuerung der eigenen Energiereserven – gilt als wichtigste Selbstmanagement-Strategie. Zu viel Aktivität kann die Symptome verschlimmern (Post-Exertional Malaise). Spezialisierte Post-COVID-Ambulanzen bieten strukturierte Hilfe. **Gibt es anerkannte Post-COVID-Ambulanzen in Deutschland?** Ja, an vielen Unikliniken. Die Long-COVID-Plattform Deutschland führt eine aktuelle Liste unter long-covid-plattform.de. Informationen zu Long COVID und passenden Fachärzten findest du auf [bestes.com/services/long-covid](https://bestes.com/services/long-covid). ## Was wir über die Ursachen von Long COVID wissen Long COVID ist keine einheitliche Erkrankung. Forscher unterscheiden mittlerweile mehrere Subtypen, je nach dominierendem Mechanismus. Am besten verstanden sind drei Hypothesen: Erstens das Virusreservoir: Bei manchen Patienten persistieren Fragmente des Virus oder seiner Erbinformation (RNA) in bestimmten Geweben, zum Beispiel im Darm oder Lymphgewebe. Diese könnten das Immunsystem dauerhaft aktivieren. Zweitens die Autoimmunreaktion: Das Immunsystem bildet nach der Infektion Antikörper gegen körpereigene Strukturen. Genau hier setzt Rovunaptabin an. Diese sogenannten funktionellen GPCR-Autoantikörper stören die Regulierung des autonomen Nervensystems – also jene Prozesse, die Herzrate, Blutdruck, Durchblutung und Energiehaushalt steuern. Das erklärt, warum Betroffene nach Anstrengung zusammenbrechen: Das Energie-Management-System funktioniert nicht mehr richtig. Drittens Mikrozirkulationsstörungen: Kleine Blutgefäße zeigen Schäden, die zu Sauerstoffmangel in verschiedenen Geweben führen können. Diese drei Mechanismen überlappen sich teilweise – und das erklärt, warum nicht ein einziges Mittel allen Long-COVID-Patienten hilft. Rovunaptabin hilft nur jenen, bei denen der Autoantikörper-Mechanismus im Vordergrund steht. Das macht den Biomarker-Test zur entscheidenden Weiche für die Therapiewahl. ## Nationale Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) hat Ende 2025 die "Nationale Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen" ausgerufen. Bis 2036 sollen Ursachen, Grundmechanismen und neue Therapieoptionen für Long COVID, ME/CFS und vergleichbare Erkrankungen erforscht werden [3]. Konkret bedeutet das: erhebliche Fördermittel für Grundlagenforschung, klinische Studien und Versorgungsforschung. Für Betroffene ist das ein wichtiges politisches Signal – die Erkrankung wird ernst genommen. Bis konkrete neue Therapien davon profitieren, wird es allerdings noch mehrere Jahre dauern. Wer selbst betroffen ist oder jemanden kennt, der unter anhaltenden Beschwerden nach einer COVID-Infektion leidet, sollte eine auf Long COVID spezialisierte Ambulanz aufsuchen. Eine Übersicht findet sich beim Netzwerk Universitätsmedizin (NUM). Wichtig: Diese Ambulanzen sind teilweise überlastet – eine frühzeitige Anfrage lohnt sich. Auch Selbsthilfegruppen können eine wichtige Stütze sein, denn der Erfahrungsaustausch mit anderen Betroffenen hilft, den langen Weg durch das Gesundheitssystem zu navigieren. --- **Quellen:** [1] Bhatt B et al. "Rovunaptabin (BC007) in Long COVID patients with functional GPCR autoantibodies: the reCOVer Phase IIa trial." eClinicalMedicine (The Lancet). 2026. https://www.long-covid-plattform.de/medikament-rovunaptabin-bc007-kann-bei-bestimmten-long-covid-betroffenen-fatigue-deutlich-lindern [2] Pharmazeutische Zeitung. "BC007 bessert Long Covid bei bestimmten Patienten." 2026. https://www.pharmazeutische-zeitung.de/bc007-bessert-long-covid-bei-bestimmten-patienten-158062/ [3] BMFTR. "Nationale Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen." November 2025. https://www.go-bio.de/bmbf/shareddocs/faq/long-covid-langzeitfolgen-forschung.html

Die Bestes-App

Gesundheit, die kostenlos in deiner Tasche ist.

Quiz, Vorsorge, KI-Coach und mehr — für dich und deine Familie. Jetzt im App Store und bei Google Play.