Von Redaktion

Lipoprotein(a): Der Herzrisiko-Faktor den Millionen Deutsche nicht kennen

Lp(a) erhöht das Herzinfarktrisiko bei 1 von 5 Deutschen – neue Leitlinie 2026 empfiehlt einmaligen Test für alle.

Rund 20 Prozent der Deutschen – das sind ungefähr 16 Millionen Menschen – tragen einen erhöhten Lp(a)-Wert in sich. Die meisten wissen es nicht. Lipoprotein(a), kurz Lp(a), ist ein Blutfettteilchen, das seit Jahren als eigenständiger Risikofaktor für Herzinfarkt, Schlaganfall und Aortenklappenverengung gilt. Anders als das bekannte LDL-Cholesterin lässt es sich weder durch Ernährung noch durch Statine senken. Und dennoch bleibt die Messung im Alltag die Ausnahme: Laut der Deutschen Herzstiftung lassen nur ein bis zwei Prozent der Bevölkerung ihren Lp(a)-Spiegel jemals bestimmen.

Das soll sich nun ändern. Im Juni 2026 trafen sich Spezialistinnen und Spezialisten der Deutschen Gesellschaft für Lipidologie (DGFL) in München zum Lp(a)-Update-Kongress, um die aktuellen Daten zu sichten. Kurz zuvor hatten das American College of Cardiology und die American Heart Association ihre neuen Leitlinien 2026 veröffentlicht – mit einer klaren Empfehlung: Alle Erwachsenen sollten einmal im Leben ihren Lp(a)-Wert messen lassen.

Was Lp(a) ist – und warum es so heimtückisch wirkt

Lipoprotein(a) ist ein Fettpartikel im Blut, das eng mit LDL-Cholesterin verwandt ist. Vereinfacht gesagt besteht es aus einem LDL-Kern, an den ein zusätzliches Eiweiß angehängt ist, das Apolipoprotein(a). Dieses Anhängsel macht Lp(a) besonders gefährlich: Es fördert sowohl die Bildung von Ablagerungen in den Arterien als auch die Entstehung von Blutgerinnseln – eine Kombination, die das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko erhöht.

Der entscheidende Unterschied zu anderen Blutfettwerten: Der Lp(a)-Spiegel ist zu mehr als 90 Prozent genetisch festgelegt. Er verändert sich über ein Leben kaum und reagiert kaum auf Lebensstiländerungen oder die gängigen Cholesterinsenker. Wer einen erhöhten Wert hat, hat ihn meistens lebenslang – unabhängig davon, ob er gesund isst, Sport treibt oder nicht raucht. Deshalb empfehlen die neuen ACC/AHA-Leitlinien 2026 auch nur eine einzige Messung im Leben: Der Wert bleibt in der Regel stabil.

Als erhöht gilt ein Lp(a)-Wert ab etwa 50 mg/dl (oder 125 nmol/l). Bei dieser Grenze steigt das kardiovaskuläre Risiko nachweislich an – selbst dann, wenn alle anderen Risikofaktoren wie Blutdruck, Blutzucker und LDL-Cholesterin unauffällig sind. Die Deutsche Herzstiftung weist deshalb ausdrücklich darauf hin, dass erhöhtes Lp(a) besonders häufig bei Herzinfarkten unter 50 Jahren eine Rolle spielt – bei Betroffenen ohne klassische Risikofaktoren.

Warum der Test so selten gemacht wird – und wer ihn braucht

Dass Lp(a) kaum gemessen wird, hat mehrere Gründe. Der Wert ist nicht Teil des Standard-Blutbilds, das Hausärztinnen und Hausärzte routinemäßig anfertigen. Er muss gesondert angeordnet werden. Und weil es lange keine zugelassene Therapieoption gab, sahen viele Ärztinnen und Ärzte wenig Anlass, den Wert überhaupt zu bestimmen.

Inzwischen hat sich das Bild verändert. Die neuen Leitlinien 2026 von ACC und AHA empfehlen die einmalige Routinemessung – ein Signal, das auch die deutschen Fachgesellschaften aufgreifen. Zugleich zeigen klinische Daten aus der Charité Berlin, dass ein neuartiger Wirkstoff namens Pelacarsen den Lp(a)-Spiegel um bis zu 80 Prozent senken kann. Die Phase-3-Ergebnisse werden für Ende 2026 erwartet; eine Zulassung könnte frühestens 2027 oder 2028 folgen.

Besonders empfohlen wird die Lp(a)-Messung für Menschen mit frühzeitigem Herzinfarkt oder Schlaganfall in der Familie, für Betroffene, die einen Herzinfarkt ohne klassische Risikofaktoren erlitten haben, sowie für alle, die eine Aortenklappenverengung entwickelt haben. Aber auch ohne Vorgeschichte kann die einmalige Bestimmung sinnvoll sein – als Bestandteil einer vollständigen Herzrisikoabklärung.

Was heute schon hilft – trotz fehlender spezifischer Therapie

Einen gezielten Lp(a)-Senker gibt es noch nicht auf dem Markt. Was jedoch jetzt schon möglich ist: das Gesamtrisiko durch konsequente Kontrolle anderer Risikofaktoren senken. Wer neben einem erhöhten Lp(a)-Wert auch erhöhtes LDL-Cholesterin hat, profitiert besonders stark von einer intensiven LDL-Senkung – etwa mit Statinen oder neueren Präparaten wie PCSK9-Inhibitoren. Auch Bluthochdruck, Diabetes und Übergewicht steigern das Herzrisiko zusätzlich, wenn der Lp(a)-Wert erhöht ist.

Für Menschen mit sehr hohem Lp(a) und bereits bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung gibt es in Deutschland außerdem die Lipoprotein-Apherese. Bei dieser Therapie wird das Blut ähnlich wie bei einer Dialyse regelmäßig von Lp(a) und LDL gereinigt. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten, wenn bestimmte klinische Voraussetzungen erfüllt sind – die Behandlung erfolgt in spezialisierten Lipidzentren.

Digitale Gesundheitsangebote können helfen, das Bewusstsein für Herzrisiken zu schärfen und den Weg zum Arzt zu erleichtern. Die App CardioSecur ermöglicht ein medizinisches 22-Kanal-EKG mit dem Smartphone und unterstützt bei der Erkennung von Herzrhythmusstörungen. Wer eine schnelle ärztliche Einschätzung zu einem Blutbefund sucht, kann Videosprechstunden über Kry oder TeleClinic nutzen – und dort auch gezielt nach einer Lp(a)-Bestimmung fragen. Einen Überblick über digitale Gesundheitsangebote bietet bestes.com.

Was jetzt zu tun ist

Wer noch nie seinen Lp(a)-Wert bestimmt hat, sollte das bei der nächsten hausärztlichen Untersuchung ansprechen – besonders wenn es in der Familie frühe Herzinfarkte oder Schlaganfälle gegeben hat. Der Test ist unkompliziert: Eine einzige Blutentnahme reicht. Falls der Wert erhöht ist, bedeutet das nicht zwingend, dass sofort eine Behandlung nötig ist – aber es erlaubt eine deutlich bessere Einschätzung des persönlichen Herzrisikos und eine gezieltere Beratung zu Lebensstil, Vorsorge und Therapiemöglichkeiten.

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