Von Redaktion

KI trifft Therapieentscheidungen bei Blutkrebs: HemaGuide so gut wie das Expertenboard

DKFZ-Studie in Nature Medicine: HemaGuide stimmt in 82 % der Fälle mit Tumorboard überein – und liefert molekulare Analysen in unter einer Minute.

Wer an Blutkrebs erkrankt, braucht schnelle und präzise Therapieentscheidungen. Doch die Behandlung hämato-onkologischer Erkrankungen ist außerordentlich komplex: Ärztinnen und Ärzte müssen genetische Veränderungen des Tumors, Begleiterkrankungen, frühere Therapien und eine wachsende Zahl neuer Wirkstoffe gleichzeitig berücksichtigen. Schwierige Fälle werden deshalb in interdisziplinären Tumorboards besprochen – Konferenzen, an denen mehrere Spezialisten gemeinsam die beste Therapie festlegen. Doch solche hochspezialisierten Gremien sind zeit- und personalaufwendig. Kleinere Kliniken verfügen oft nicht über die nötigen Fachleute für jede der vielen seltenen Blutkrebsformen. Wer in einem Krankenhaus der Grundversorgung behandelt wird, hat häufig schlicht keinen Zugang zu dem Wissen, das in großen Universitätskliniken in stundenlangen Fallkonferenzen zusammengetragen wird.

Forschende des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), des Stammzellinstituts HI-STEM und der Medizinischen Fakultät Heidelberg am Universitätsklinikum Heidelberg haben jetzt eine KI-gestützte Lösung entwickelt: HemaGuide. Die Studie erschien am 6. Juli 2026 im Fachjournal Nature Medicine.

Wie HemaGuide funktioniert

HemaGuide liest unstrukturierte Arztbriefe, ordnet die enthaltenen Informationen systematisch ein und kombiniert sie mit aktuellen Behandlungsleitlinien, einer Datenbank aus mehr als 2.000 realen Tumorboard-Fällen sowie aktueller Fachliteratur. Auf dieser Grundlage erstellt das System eine nachvollziehbare Therapieempfehlung mit transparenter Begründung – ähnlich wie ein digitales Tumorboard.

Eine besondere Stärke: HemaGuide kann auch die Aufgaben eines molekularen Tumorboards übernehmen. Das ist eine Spezialkonferenz, die gezielt die genetischen Veränderungen eines Tumors bewertet. Solche molekularen Analysen erfordern bislang oft mehrere Stunden und sind nur an wenigen hochspezialisierten Zentren überhaupt verfügbar. HemaGuide liefert diese Auswertung laut Angaben der Forschenden in weniger als einer Minute. Ein weiterer Vorteil für den klinischen Alltag: Das System läuft vollständig auf lokalen Krankenhausservern. Sensible Patientendaten verlassen die Klinik zu keinem Zeitpunkt.

Was die Studie in Nature Medicine belegt

Die Forschenden um Studienleiter Mirco Julian Friedrich prüften HemaGuide in mehreren unabhängigen Tests. Im zentralen Experiment bewerteten sie 555 Tumorboard-Fälle eines externen Universitätsklinikums – diese Fälle umfassten 47 verschiedene Blutkrebserkrankungen, von häufigen wie dem diffus-großzelligen B-Zell-Lymphom bis zu sehr seltenen Formen. Das Ergebnis: Die KI-Empfehlungen stimmten in fast 82 Prozent der Fälle mit den Entscheidungen der Expertengremien überein. In einer einmonatigen prospektiven Testphase, in der HemaGuide aktuelle Fälle parallel zu den Ärzten bearbeitete – ohne deren Entscheidungen zu beeinflussen – lag die Übereinstimmung sogar bei knapp 83 Prozent. Die Studie erschien im Fachjournal Nature Medicine (Zoller, Kalz et al., Nature Medicine 2026).

Besonders aufschlussreich war ein weiterer Versuch: Bei 45 besonders komplexen Patientenfällen schnitten die HemaGuide-Empfehlungen deutlich besser ab als die Antworten herkömmlicher KI-Sprachmodelle ohne die speziell entwickelte Architektur. Für die Patientensicherheit wichtig: Keine eindeutig krebstreibende genetische Veränderung wurde vom System fälschlich als harmlos eingestuft. Zudem zeigten weniger erfahrene Medizinerinnen und Mediziner mit HemaGuide-Unterstützung nahezu das Niveau erfahrener Oberärzte.

Mehr Chancengleichheit in der Krebsmedizin

Die Bedeutung für Patientinnen und Patienten ist klar: Wer in einer kleineren Klinik behandelt wird, hat bislang oft keinen direkten Zugang zu hochspezialisierten Tumorboards – und damit zu Therapieoptionen, die an großen Zentren selbstverständlich wären. HemaGuide soll diese Versorgungslücke schließen. „Das System soll ärztliche Expertise nicht ersetzen, sondern ergänzen. Es kann Tumorboards entlasten und ihr Wissen breiter verfügbar machen – die endgültige Entscheidung trifft aber immer der behandelnde Arzt oder die behandelnde Ärztin. Das ist der Kern von Unterstützungssystemen wie HemaGuide", betont Studienleiter Mirco Julian Friedrich laut DKFZ-Pressemitteilung vom 6. Juli 2026.

Julian Zoller, einer der beiden Erstautoren der Studie, ergänzt: „HemaGuide soll dazu beitragen, den Zugang zu hochspezialisierter Krebsmedizin zu verbessern. Gerade kleinere Kliniken könnten von der Unterstützung bei der Entscheidungsfindung profitieren." Sein Kollege Michael Kalz hebt einen weiteren Vorteil hervor: Weil HemaGuide molekulare Analysen in unter einer Minute liefert, können auch gut aufgestellte Tumorboards an großen Zentren Zeit sparen und ihre Kapazitäten auf besonders anspruchsvolle Fälle konzentrieren.

Wie gut HemaGuide die Behandlungsqualität und die Ergebnisse für Patientinnen und Patienten langfristig verbessert, soll eine klinische Studie zeigen, die das Forschungsteam derzeit vorbereitet. Bis dahin bleibt HemaGuide ein Forschungssystem – der klinische Einsatz im Regelbetrieb steht noch aus.

Was Betroffene jetzt tun können

Eine Blutkrebs-Diagnose ist ein Schock. Wer erste Symptome bemerkt – anhaltende Müdigkeit, ungewollter Gewichtsverlust, Nachtschweiß, häufige Infekte oder unklare Lymphknoten-Schwellungen – sollte zeitnah ärztliche Hilfe suchen und nicht abwarten. Viele Blutkrebsformen sprechen bei früher Diagnose deutlich besser auf Therapien an. KI-gestützte Symptomchecker wie Ada Health können dabei helfen, Beschwerden einzuordnen und zu entscheiden, ob und wie dringend ein Arztbesuch nötig ist. Plattformen wie DoctorBox ermöglichen das digitale Verwalten medizinischer Unterlagen und erleichtern den Weg zu einer zweiten Fachmeinung – gerade bei komplexen Diagnosen ist eine unabhängige Einschätzung wertvoll.

Telemedizinische Anbieter wie Kry und TeleClinic bieten schnellen Zugang zu ärztlichem Rat, wenn ein persönlicher Termin nicht sofort möglich ist. Für onkologische Diagnostik können Anbieter wie Oncgnostics mit ihrer KI-gestützten Krebsfrüherkennung eine Ergänzung zum klassischen Arztbesuch sein. Auf bestes.com finden Sie eine unabhängige Übersicht digitaler Gesundheitsangebote – von Symptomcheckern bis zu spezialisierten Telemedizin-Diensten. Nichts davon ersetzt die Diagnose durch Fachärztinnen und Fachärzte, aber digitale Angebote können helfen, schneller den richtigen Weg zu finden und informiert in ein Gespräch mit dem behandelnden Arzt zu gehen.

Die Bestes-App

Gesundheit, die kostenlos in deiner Tasche ist.

Quiz, Vorsorge, KI-Coach und mehr — für dich und deine Familie. Jetzt im App Store und bei Google Play.