Kein Krebs-Tod unter 25: Was Englands HPV-Impferfolg für Deutschland bedeutet
Neue Lancet-Studie 2026: Bei 90% HPV-Impfquote sterben in England keine Frauen unter 25 mehr an Gebärmutterhalskrebs. Deutschland liegt bei 55%. Was das bedeutet.
Kein einziger Tod durch Gebärmutterhalskrebs bei geimpften Frauen unter 25: Mit diesem Befund überrascht eine neue Studie im renommierten Fachjournal The Lancet die Medizinwelt. Die Analyse bevölkerungsweiter Sterbedaten aus England zeigt, was möglich ist, wenn eine Impfquote von annähernd 90 Prozent erreicht wird – und sie stellt zugleich die Frage, warum Deutschland mit rund 55 Prozent noch immer weit dahinter zurückbleibt.
Was die Lancet-Studie zeigt
Die Londoner Forscher Peter Sasieni und Mathew Falcaro analysierten die Gebärmutterhalskrebs-Sterblichkeit in England zwischen 2001 und 2024. England hatte 2008 ein HPV-Impfprogramm für Mädchen im Alter von 12 bis 13 Jahren eingeführt; ergänzend wurden bis 2010 Nachholimpfungen für 14- bis 18-Jährige angeboten. Mithilfe statistischer Modelle verglichen die Forscher die tatsächliche Sterblichkeit mit der erwarteten Sterblichkeit ohne Impfprogramm – auf Basis historischer Basisdaten aus der Zeit vor der Einführung.
Das Ergebnis ist eindeutig: In der Altersgruppe der 20- bis 24-Jährigen starb zwischen 2020 und 2024 keine einzige Frau an Gebärmutterhalskrebs. Ohne Impfprogramm wären laut dem Modell 23 Todesfälle erwartet worden – das entspricht einer Mortalitätsreduktion von rechnerisch 100 Prozent (95-%-Konfidenzintervall: 84–100 Prozent). Bei den 25- bis 29-Jährigen fiel die Sterblichkeit im gleichen Zeitraum um 69 Prozent. In einer früheren Beobachtungsphase (2015–2019) hatte die Mortalität bei 20- bis 24-Jährigen bereits um 80 Prozent abgenommen.
Die Forscher schätzen, dass das Impfprogramm in England bis Ende 2024 insgesamt rund 200 Todesfälle durch Gebärmutterhalskrebs verhindert hat. Die HPV-Impfquote in den betroffenen Geburtsjahrgängen lag für die 12- bis 13-Jährigen bei 88 bis 90 Prozent, bei den nachgeimpften Jahrgängen zwischen 63 und 87 Prozent – mit entsprechend geringerem, aber immer noch deutlichem Schutzeffekt. Die Studie erschien am 17. Juni 2026 als Epub ahead of print im Lancet (DOI: 10.1016/S0140-6736(26)00918-9).
Wie die HPV-Impfung Krebs verhindert
Humane Papillomviren (HPV) sind sexuell übertragbare Viren, die in bestimmten Hochrisikovarianten – vor allem HPV 16 und 18 – zu Zellveränderungen am Gebärmutterhals führen können. Diese Veränderungen entwickeln sich über Jahre langsam weiter; wird nichts unternommen, kann daraus ein invasives Karzinom entstehen. Der entscheidende Vorteil der Impfung: Sie greift ein, bevor eine Infektion überhaupt stattfindet. Wer frühzeitig geimpft wird – idealerweise noch vor dem ersten Sexualkontakt –, verfügt über einen dauerhaften Schutz gegen die gefährlichsten HPV-Typen. Aktuelle Impfstoffe sind als Neunfach-Vakzine verfügbar und decken neben Gebärmutterhalskrebs auch HPV-assoziierte Karzinome von Vulva, Scheide, Anus, Penis und Mund-Rachen-Raum ab.
Die Wirksamkeit des Impfstoffs setzt allerdings voraus, dass ein ausreichend großer Anteil der Bevölkerung tatsächlich geimpft ist. Englands Erfahrung zeigt: Erst ab Impfquoten von rund 88–90 Prozent – mit früher Erstimpfung im Kindesalter – verschwindet Gebärmutterhalskrebs-Mortalität in der jüngsten Altersgruppe praktisch vollständig. Bei niedrigeren Quoten sind die Effekte messbar, aber geringer.
Deutschland: Großes Potenzial, weite Lücke zur Spitze
In Deutschland erkranken laut Zentrum für Krebsregisterdaten (ZfKD) des Robert Koch-Instituts jährlich rund 4.300 Frauen an Gebärmutterhalskrebs, rund 1.500 sterben daran. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die HPV-Impfung seit 2007 für Mädchen und seit 2018 auch für Jungen – jeweils im Alter von 9 bis 14 Jahren. Für Versäumte ist eine Nachholimpfung bis zum vollendeten 17. Lebensjahr über die gesetzliche Krankenversicherung kostenlos möglich.
Das Problem: Laut aktuellen Daten des RKI liegt die HPV-Impfquote bei Mädchen in Deutschland bei rund 55 Prozent – deutlich unter den 88–90 Prozent in England und weit unter dem EU-Ziel von 90 Prozent bis 2030. Island, Portugal und Norwegen haben dieses Ziel bereits erreicht. Deutschland gehört zu den Schlusslichtern in Europa.
Was das konkret bedeutet: Wenn Deutschland ähnliche Impfquoten wie England erzielen würde, könnten über einen Zeitraum von zehn Jahren Hunderte von Todesfällen verhindert werden – ganz ohne neues Medikament, ohne aufwendige Therapie, allein durch eine Kindheitsimpfung, die es seit fast zwei Jahrzehnten gibt und die vollständig von den Krankenkassen übernommen wird. Kein anderes Krebspräventionsinstrument verfügt über eine vergleichbar starke Evidenz.
Was Eltern und junge Erwachsene jetzt tun können
Die Lancet-Studie gibt einer jahrzehntealten Impfempfehlung eine neue, sehr konkrete Dimension: Es geht nicht mehr nur um abstrakte Risikoabsenkung, sondern um Leben, die gerettet werden könnten. Die wichtigsten Handlungsempfehlungen im Überblick:
Für Eltern: Die HPV-Impfung für Kinder – Mädchen und Jungen – sollte im Alter von 9 bis 14 Jahren beim Kinder- oder Hausarzt besprochen werden. Die Impfung ist vollständig GKV-finanziert und gilt ab zwei Dosen als komplett. Wer früh impft, schützt am besten – die höchste Immunantwort entsteht in dieser Altersgruppe.
Für Jugendliche und junge Erwachsene bis 17 Jahre, die noch nicht oder nicht vollständig geimpft sind, besteht weiterhin die Möglichkeit einer kostenlosen Nachholimpfung über die GKV. Wer 18 Jahre oder älter ist, kann die Impfung zwar immer noch erhalten, muss sie aber in der Regel selbst bezahlen.
Regelmäßige gynäkologische Vorsorgeuntersuchungen bleiben auch bei geimpften Frauen empfehlenswert. Erstens deckt der Impfschutz nicht alle HPV-Typen ab; zweitens sind ältere Frauen, die ohne Impfung aufgewachsen sind, weiterhin dem vollen Erkrankungsrisiko ausgesetzt. Die Kombination aus Impfung und Vorsorge – Pap-Test, HPV-Test ab 35 im Ko-Test alle drei Jahre – gilt als aktuell beste Strategie zur Prävention von Gebärmutterhalskrebs.
Die Botschaft aus England ist klar: Mit Impfquoten nahe 90 Prozent verschwindet eine der am besten vermeidbaren Krebserkrankungen bei jungen Frauen nahezu vollständig. Deutschland hat die Voraussetzungen dafür – was fehlt, ist die Umsetzung.