Jeder Fünfte ohne Vorsorge: Wo Deutschlands Präventionslücke am größten ist
Civey-Umfrage: 19,8 % der Deutschen ohne jede Vorsorge in 2 Jahren – digitale Health-Apps nutzen nur 6,5 %. Wer besonders stark betroffen ist.
Knapp 20 Prozent der Deutschen haben in den vergangenen zwei Jahren keines der gängigen Vorsorgeangebote genutzt – weder Arztuntersuchungen noch Impfungen, weder Ernährungsberatung noch digitale Gesundheits-Apps. Das zeigt der Gesundheitsmonitor 2026 von Pharma Deutschland, für den das Meinungsforschungsinstitut Civey rund 5.000 Menschen repräsentativ befragt hat. In einer Zeit, in der das Gesundheitssystem mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz um Milliardeneinsparungen ringt, zeigen diese Daten: Das eigentliche Problem sitzt tiefer. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung nimmt die vorhandenen Angebote schlicht nicht wahr – und das hat nachweislich mit Alter, Bildung, Beruf und Wohnort zu tun.
Digitale Gesundheits-Apps: vorhanden, aber kaum genutzt
Klassische Vorsorgewege werden noch am häufigsten genutzt. Laut dem Gesundheitsmonitor 2026 haben 61,3 Prozent der Befragten in den vergangenen zwei Jahren eine Impfung erhalten, 58,7 Prozent waren zur Vorsorgeuntersuchung beim Arzt. Das klingt nach einer soliden Mehrheit – doch internationale Vergleiche zeigen, dass Deutschland im europäischen Durchschnitt bei Prävention und Früherkennung deutlich hinterherhinkt. Dorothee Brakmann, Hauptgeschäftsführerin von Pharma Deutschland, formuliert es direkt: Die deutsche Präventionsinfrastruktur sei im europäischen Vergleich unterentwickelt, und selbst die bestehenden Angebote würden von einem Fünftel der Bevölkerung gar nicht angenommen.
Besonders niedrig sind die Nutzungszahlen bei niedrigschwelligen Alternativen. Digitale Gesundheits-Apps werden laut der Civey-Befragung von 6,5 Prozent der Befragten genutzt – weniger als einer von fünfzehn Deutschen. Ernährungsberatung nehmen 5,7 Prozent in Anspruch, zertifizierte Sport-Präventionskurse sogar nur 5,3 Prozent. Noch gravierender ist die Zahl für Apotheken: Obwohl bundesweit rund 17.000 Apotheken verfügbar sind und bereits heute Dienstleistungen wie Blutdruckmessung, Inhalationsschulung oder Medikationscheck anbieten, haben nur 3,1 Prozent der Befragten in den vergangenen zwei Jahren ein solches Angebot genutzt. Dabei bietet die Apothekenreform, die das Bundeskabinett im Dezember 2025 beschlossen hat, künftig noch erweiterte Möglichkeiten – etwa für systematische Vorsorge und Gesundheitsberatung direkt vor Ort.
Die Versorgungslücke: Wer besonders selten zur Vorsorge geht
Die Daten des Gesundheitsmonitors erlauben eine präzise Segmentierung. Unter den 40- bis 49-Jährigen haben 28,6 Prozent in zwei Jahren keinerlei Vorsorgeangebot wahrgenommen – ausgerechnet die Altersgruppe, in der erste Warnsignale für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes oder psychische Belastungen wie Burnout häufig auftreten. Früherkennung in dieser Lebensphase ist entscheidend: Viele chronische Erkrankungen lassen sich bei frühzeitiger Diagnose deutlich besser behandeln oder sogar verhindern.
Unter Arbeitnehmern in körperlichen Berufen liegt der Anteil ohne jede Vorsorge bei 30,9 Prozent, bei Ledigen bei 30,6 Prozent. Beide Gruppen gelten als gesundheitlich besonders gefährdet – körperliche Berufe gehen mit erhöhtem Verschleiß und Unfallrisiko einher, während soziale Isolation bei Ledigen als eigenständiger Risikofaktor für psychische und körperliche Gesundheit gilt.
Auch Bildung spielt eine messbare Rolle. Menschen mit Studienabschluss nutzen Vorsorgeangebote häufiger: 64,2 Prozent gingen zur Vorsorgeuntersuchung, 65,4 Prozent haben Impfungen erhalten. Bei Menschen mit Berufsausbildung lagen die Werte mit 55,9 beziehungsweise 58,2 Prozent spürbar darunter. Regional zeigen sich deutliche Unterschiede: In Sachsen haben nur 47,1 Prozent der Befragten Vorsorgeuntersuchungen wahrgenommen, in Schleswig-Holstein sind es 60,4 Prozent. Bei Impfungen liegt Sachsen mit 49,8 Prozent weit hinter Berlin (66,1 Prozent) und Bremen (64,4 Prozent). Diese Zahlen spiegeln strukturelle Unterschiede in der Versorgungsinfrastruktur wider – und nicht nur individuelles Verhalten.
Was gegen die Präventionslücke helfen kann
Die Ursachen für das Präventionsdefizit sind bekannt: Zeitmangel, Unwissenheit über vorhandene Angebote, fehlende Erinnerungssysteme und der weit verbreitete Irrglaube, dass Vorsorge nur dann nötig sei, wenn man sich krank fühlt. Brakmann von Pharma Deutschland nennt als Lösung drei Hebel: echte Anreize, verständliche Aufklärung und niedrigschwellige Angebote. Gemeint ist damit: Menschen sollen nicht aktiv nach Vorsorge suchen müssen, sondern auf sie aufmerksam gemacht werden – dort, wo sie ohnehin sind, also in der Apotheke, beim Hausarzt, am Arbeitsplatz oder über das Smartphone.
Gesetzlich Versicherte haben ab dem 35. Lebensjahr alle drei Jahre Anspruch auf den Gesundheits-Check-up beim Arzt – er umfasst Blutdruck, Cholesterin, Blutzucker und eine körperliche Untersuchung. Dazu kommen Krebsfrüherkennungen, Impfungen laut STIKO-Kalender und – je nach Alter und Risikoprofil – Darmspiegelung, Brustkrebsfrüherkennung und weitere Untersuchungen. All das ist beitragsfrei zugänglich. Viele Menschen wissen das nicht oder kennen den genauen Umfang ihrer Ansprüche nicht.
Digitale Gesundheitsanwendungen, kurz DiGAs, die vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte zugelassen sind, können von GKV-Versicherten auf Rezept kostenlos genutzt werden. Das Spektrum reicht von Anwendungen bei Rückenschmerzen und Schlafstörungen über Ernährungsunterstützung bis zu Apps für psychisches Wohlbefinden und chronische Erkrankungen. Der Gesundheitsmonitor zeigt jedoch: Selbst unter digital affinen Bevölkerungsgruppen bleibt die tatsächliche Nutzungsrate mit 6,5 Prozent sehr niedrig – nicht wegen mangelndem Angebot, sondern wegen fehlender Orientierung und Bekanntheit.
Auf bestes.com finden Nutzerinnen und Nutzer eine unabhängige Übersicht zu Gesundheits-Apps, Telemedizin-Diensten und DiGAs – von Ada Health über Kry bis hin zu Präventions-Apps wie Machtfit und 7Mind. Viele dieser Angebote sind kostenlos oder über die GKV erstattungsfähig und lassen sich ohne Wartezeit und ohne Arzttermin nutzen.
Der Gesundheitsmonitor 2026 ist damit mehr als eine Bestandsaufnahme. Er beschreibt ein strukturelles Problem, das durch das GKV-Sparpaket eher verschärft als gelöst wird: Wenn Präventionsangebote gestrichen oder budgetiert werden, trifft das zuerst jene, die sie ohnehin am wenigsten nutzen. Gefragt ist stattdessen eine gezielte Investition in Aufklärung und Erreichbarkeit – damit die Schere zwischen denjenigen, die Vorsorge kennen und nutzen, und denen, die sie nicht wahrnehmen, nicht weiter auseinandergeht.