Hepatitis C: In Deutschland heilbar – aber kaum jemand weiß, dass er es hat
Zum Welt-Hepatitis-Tag: HCV ist heute in 95 % der Fälle heilbar. Trotzdem fehlt Hunderttausenden die Diagnose. Was der Check-up 35 bringt.
Am 28. Juli ist Welt-Hepatitis-Tag – und er steht in diesem Jahr unter einem paradoxen Befund: Hepatitis C ist eine der wenigen Infektionskrankheiten, die sich heute mit einfachen Tabletten in fast allen Fällen vollständig heilen lässt. Trotzdem wissen in Deutschland Hunderttausende nichts von ihrer Infektion. Laut dem HCV-Tracker der Deutschen Leberstiftung waren im ersten Quartal 2026 nur 54 Prozent der HCV-infizierten Personen diagnostiziert – das WHO-Ziel für 2030 liegt bei 90 Prozent. Zum Welt-Hepatitis-Tag rückt die Frage in den Mittelpunkt: Warum werden so viele nicht gefunden – und was können Betroffene selbst tun?
Eine Infektion, die jahrzehntelang schweigt
Das Hepatitis-C-Virus (HCV) befällt die Leber – und tut das über Jahre nahezu unbemerkt. Akute Infektionen verlaufen laut Robert Koch-Institut in den meisten Fällen ohne eindeutige Symptome oder mit unspezifischen Beschwerden wie Müdigkeit und leichtem Druckgefühl im Oberbauch. Das Problem: Bei gut 70 Prozent der Infizierten heilt die Infektion nicht von selbst aus, sondern wird chronisch. Die Leber baut sich dann über Jahre schleichend ab, bis eine Vernarbung (Leberzirrhose) oder ein Leberzellkrebs entsteht – oft erst dann, wenn die Erkrankung weit fortgeschritten ist.
Das Tückische: Wer heute infiziert ist, hat die Infektion vielleicht vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren erworben – ohne es zu wissen. Übertragungswege sind vor allem gemeinsam genutztes Spritzen- und Injektionsmaterial bei Drogenkonsum sowie medizinische Eingriffe mit nicht ausreichend sterilisiertem Material. Vor 1992 – dem Jahr, in dem zuverlässige HCV-Tests eingeführt wurden – konnte das Virus auch durch Bluttransfusionen und Blutprodukte übertragen werden. Wer in diesem Zeitraum eine Transfusion erhalten hat, trägt ein erhöhtes Restrisiko.
Fast 10.000 neue Fälle – und viele unentdeckte
Im Jahr 2024 wurden in Deutschland 9.624 HCV-Infektionen an das RKI gemeldet, wie das Epidemiologische Bulletin 30/2025 zeigt – ein Rückgang von acht Prozent gegenüber dem Vorjahr (10.515 Fälle). Männer sind fast doppelt so häufig betroffen wie Frauen: Die Meldeinzidenz lag bei 14,5 Infektionen pro 100.000 Männern, aber nur 8,2 pro 100.000 Frauen. Am stärksten betroffen ist die Altersgruppe der 40- bis 49-Jährigen.
Hinter diesen Meldezahlen stecken jedoch nur die bekannten Fälle. Hochrechnungen gehen davon aus, dass in Deutschland rund 189.000 Menschen chronisch mit Hepatitis C leben – ein erheblicher Teil davon ohne Diagnose. Das ist die eigentliche Herausforderung: Eine heilbare Krankheit bleibt unbehandelt, weil die Betroffenen gar nicht wissen, dass sie sie haben.
Die gute Nachricht: Hepatitis C ist heilbar
Seit einigen Jahren gibt es eine medizinische Erfolgsgeschichte, die in der Öffentlichkeit kaum angekommen ist: Hepatitis C lässt sich mit sogenannten direkt wirkenden antiviralen Medikamenten (Direct-acting Antivirals, DAAs) in mehr als 95 Prozent der Fälle vollständig heilen, wie das RKI in seinem Epidemiologischen Bulletin bestätigt. Die Therapie dauert in der Regel acht bis zwölf Wochen, ist gut verträglich und erfolgt oral – also als Tabletten, nicht als Infusion.
Das ist ein fundamentaler Unterschied zu den alten Therapien, die über Monate liefen, schwere Nebenwirkungen hatten und trotzdem oft nicht wirkten. Wer heute eine Hepatitis-C-Diagnose bekommt, hat damit gute Aussichten auf vollständige Ausheilung – vorausgesetzt, die Infektion wird gefunden.
Warum Deutschland das WHO-Ziel verfehlen wird
Die Weltgesundheitsorganisation hat sich 2016 zum Ziel gesetzt, Hepatitis C bis 2030 als Bedrohung der öffentlichen Gesundheit zu eliminieren. Die Zielmarken: 90 Prozent der Infizierten sollen diagnostiziert sein, 80 Prozent behandelt. Deutschland hat sich diesem Ziel angeschlossen – doch die aktuellen Zahlen des HCV-Trackers zeigen, wie weit das Land noch entfernt ist.
Im ersten Quartal 2026 waren laut HCV-Tracker, den die Deutsche Leberstiftung und AbbVie gemeinsam betreiben, erst 54 Prozent der HCV-infizierten Personen diagnostiziert – und nur 36 Prozent behandelt. Um das WHO-Ziel bis 2030 noch zu erreichen, müssten in Deutschland zusätzlich rund 39.000 Personen diagnostiziert und rund 85.000 therapiert werden. Fachleute halten das angesichts des aktuellen Tempos für kaum erreichbar.
Ein Schlüsselproblem: Obwohl seit 2021 eine einmalige GKV-Kassenärztliche Untersuchung auf Hepatitis B und C im Rahmen des sogenannten Check-up 35 vorgesehen ist, führten laut Auswertungen in den ersten Jahren nur etwa 31 Prozent der Hausärztinnen und Hausärzte diesen Test aktiv durch. Das Screening ist da – aber es landet noch nicht systematisch bei den Betroffenen.
Was Versicherte jetzt tun können
Wer gesetzlich versichert und mindestens 35 Jahre alt ist, hat Anspruch auf eine einmalige Untersuchung auf Hepatitis B und C im Rahmen des Check-up 35 – kostenfrei, ohne Zuzahlung. Der Test besteht aus einem einfachen Blutbild. Wer sich nicht sicher ist, ob dieser Test bereits durchgeführt wurde, kann beim nächsten Arztbesuch gezielt danach fragen.
Besonders empfohlen wird der Test für Menschen, die vor 1992 eine Bluttransfusion erhalten haben, für Menschen mit zurückliegendem Drogenkonsum durch Injektion sowie für Personen, die aus Ländern mit hoher HCV-Verbreitung stammen. Aber auch ohne Risikofaktoren gilt: Die Infektion verläuft still – und wer sie früh erkennt, kann früh heilen.
Telemedizinische Plattformen wie Kry oder TeleClinic ermöglichen eine ärztliche Beratung ohne Wartezeit auf einen Kassentermin. Symptomchecker wie Ada Health helfen, erste Beschwerden einzuordnen. Über APPzumARZT lassen sich Arzttermine für den Check-up 35 schnell finden. Einen Überblick über geprüfte digitale Gesundheitsangebote bietet bestes.com.
Häufige Fragen zu Hepatitis C
Kann man Hepatitis C durch Alltagskontakt bekommen?
Nein. Das Hepatitis-C-Virus wird nicht durch Niesen, Husten, Küssen oder normalen sozialen Kontakt übertragen. Eine Ansteckung erfordert direkten Blutkontakt – zum Beispiel durch gemeinsam genutzte Nadeln oder verunreinigte medizinische Geräte.
Gibt es einen Impfstoff gegen Hepatitis C?
Nein. Anders als bei Hepatitis B, gegen die es seit Jahrzehnten eine wirksame Impfung gibt, existiert für Hepatitis C bisher kein zugelassener Impfstoff. Die Prävention beruht daher auf sicherem Umgang mit medizinischem Material und frühem Screening.
Was passiert, wenn Hepatitis C nicht behandelt wird?
Bei chronischer Infektion kann sich über Jahrzehnte eine Vernarbung der Leber (Leberzirrhose) entwickeln. Im schlimmsten Fall führt das zu Leberversagen oder Leberkrebs. Frühzeitige Behandlung verhindert diese Folgeschäden in fast allen Fällen.
Wer bezahlt die Hepatitis-C-Therapie?
Alle gesetzlich Versicherten haben Anspruch auf eine Behandlung mit direkt wirkenden antiviralen Medikamenten. Die Kosten werden von der GKV übernommen.