Deutsche Kinder und Kurzsichtigkeit: Keine Epidemie – aber Bildschirmzeit bleibt Risikofaktor
Freiburger Studie 2026: 1,25 Mio. Verordnungen – Myopie bei deutschen Kindern seit 2001 stabil. Was Eltern jetzt wissen sollten.
Während in Ostasien eine regelrechte Epidemie der Kurzsichtigkeit tobt, zeigen neue Daten aus Deutschland ein anderes Bild: Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist die Myopie-Rate bei Kindern und Jugendlichen hierzulande stabil. Ein Forschungsteam der Universitätsklinik Freiburg um Prof. Wolf Lagrèze hat 1,25 Millionen Brillenverordnungen von rund 437.700 Kindern und Jugendlichen im Alter von 3 bis 18 Jahren aus den Jahren 2001 bis 2025 ausgewertet – und kam zu einem überraschenden Ergebnis: Entgegen der weitverbreiteten Annahme einer rapide wachsenden globalen Myopie-Epidemie fanden die Forschenden in Deutschland keinen Anstieg kurzsichtiger Brillenverordnungen. Die Studie erschien am 28. Juni 2026 im Fachjournal Frontiers in Public Health.
Was in Ostasien passiert – und warum Deutschland anders ist
Der globale Trend ist alarmierend: In Ostasien stieg der Anteil kurzsichtiger junger Erwachsener von 20 bis 40 Prozent vor dem Zweiten Weltkrieg auf heute 60 bis 90 Prozent – ein Anstieg, der Generationen innerhalb weniger Jahrzehnte verändert hat. In Europa verlief die Entwicklung langsamer; Prognosen zufolge wird sich die Myopie-Prävalenz hier bei etwa 40 Prozent einpendeln. In Deutschland scheint dieses Plateau jedoch bereits erreicht: Sowohl der mittlere Kurzsichtigkeitswert als auch die Wahrscheinlichkeit, überhaupt eine Brille wegen Myopie zu erhalten, blieben laut der Freiburger Analyse über 25 Jahre stabil. Bei jüngeren Jahrgängen zeige sich sogar eine leichte Tendenz zur Weitsichtigkeit.
Den starken Anstieg in Ostasien begünstigt nach Einschätzung der Forschenden vor allem die extreme schulische Intensität und der gravierende Mangel an Zeit im Freien. Im deutschen Schulsystem und Lebensstil seien diese Faktoren weniger ausgeprägt oder würden besser ausgeglichen – was die vergleichsweise günstige Entwicklung erklären könnte.
Wie Bildschirmzeit das Risiko beeinflusst
Der Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und Kurzsichtigkeit ist komplex. Analysen zufolge gilt hier: Die Dosis macht das Gift. Bei bis zu etwa einer Stunde Bildschirmzeit pro Tag steigt das Risiko kaum. Danach bedeutet jede weitere Stunde ein deutliches Risikoplus von jeweils rund 20 Prozent. Ab etwa fünf Stunden flacht die Kurve ab – das Risiko steigt dann nur noch geringfügig weiter an. Entscheidend ist dabei laut Experten vor allem der Abstand zum Auge: Smartphones werden oft nur 20 Zentimeter oder näher vor den Augen gehalten und haben deshalb besonders großen Einfluss.
Was dabei im Auge passiert: Ständiges Nahsehen führt zu einer Anpassungsreaktion. Das Auge reduziert seine energieaufwendige Muskelarbeit, indem der Augapfel in die Länge wächst. Der Brennpunkt verschiebt sich dabei vor die Netzhaut – nahe Objekte werden scharf gesehen, entfernte nicht mehr. Diese Veränderung lässt sich nicht umkehren. Schon manche Dreijährige werden täglich vor Tablet oder Smartphone gesetzt – das kann die Sehkraft lebenslang beeinflussen.
Warum Zeit im Freien so wichtig ist
Eine Analyse im British Journal of Ophthalmology unterstreicht die Bedeutung von Tageslicht: Bei Kindern zwischen sechs und neun Jahren ohne bestehende Myopie konnte eine tägliche Aufenthaltsdauer im Freien von mehr als 120 Minuten die Sehkraft stabilisieren. Tageslicht gilt als einer der stärksten natürlichen Schutzfaktoren gegen die Entwicklung von Kurzsichtigkeit. Es regt die Ausschüttung von Dopamin im Auge an, das das Längenwachstum des Augapfels hemmt. Im Umkehrschluss: Kinder, die viel Zeit drinnen verbringen – sei es an Bildschirmen oder beim Lesen – haben weniger Schutz durch natürliches Licht. Die Forschenden der Freiburger Studie sehen in diesem Faktor eine wesentliche Erklärung dafür, warum Deutschland im internationalen Vergleich besser abschneidet.
Kein Pandemie-Effekt in Deutschland
Ein weiteres bemerkenswertes Ergebnis der Freiburger Analyse: Auch durch die COVID-19-Pandemie ist die Kurzsichtigkeit in Deutschland nicht gestiegen – anders als in vorwiegend asiatischen Studien, die während der Schulschließungen und Lockdowns einen deutlichen Myopie-Anstieg bei Kindern dokumentiert hatten. „Dies widerlegt die Befürchtung, dass die Covid-19-Pandemie und die zunehmende Digitalisierung in Deutschland einen Anstieg der Kurzsichtigkeit während der Quarantäne ausgelöst haben", schreibt das Forschungsteam um Lagrèze. Mögliche Gründe: Deutsche Kinder verbrachten trotz Lockdowns mehr Zeit im Freien als ihre ostasiatischen Altersgenossen, und die schulische Intensität war weniger extrem.
Einschränkend betonen die Forschenden: Ihre Daten erfassen nur Kinder, die bereits eine Brille verschrieben bekommen haben. Kinder ohne Sehkorrektur sind nicht enthalten. Zudem basieren die Daten auf realen Verordnungen aus Optikbetrieben und nicht auf standardisierten augenärztlichen Untersuchungen. Dass Brillen heute im Mittel in jüngerem Alter erstmals verschrieben werden, führen die Forschenden auf gestiegene Aufmerksamkeit und frühere Vorsorgeuntersuchungen zurück – nicht auf eine tatsächliche Zunahme der Kurzsichtigkeit.
Was Eltern jetzt wissen sollten
Die Befunde sind ermutigend – aber kein Freifahrtschein. Drei Empfehlungen, die sich aus der aktuellen Studienlage ableiten lassen: Erstens sollten Kinder täglich mindestens zwei Stunden im Freien verbringen, möglichst bei Tageslicht. Zweitens sollte Bildschirmzeit unter einer Stunde pro Tag gehalten werden, solange Kinder im Vorschul- und frühen Grundschulalter sind. Bei älteren Kindern gilt: auf den Abstand achten – 40 bis 50 Zentimeter zum Display, nicht 20. Und drittens: regelmäßige Augenuntersuchungen beim Kinderarzt oder Augenarzt, da früh erkannte Kurzsichtigkeit besser kontrolliert werden kann. Brillen allein korrigieren den Fehler – spezielle Myopie-Kontrolllinsen oder Atropin-Augentropfen können in manchen Fällen das weitere Fortschreiten bremsen, aber umkehren lässt sich die Veränderung nicht.