Von Redaktion

CLIMADEMIC: Wie KI und Klimaforschung Infektionskrankheiten vorhersagen

RKI Summer School 2026: CLIMADEMIC verbindet KI, Klimamodelle und Epidemiologie – um Infektionskrankheiten wie West-Nil und Dengue früher zu erkennen.

Wenn die Temperaturen steigen, verbreiten sich Tigermücken – und mit ihnen Viren, die in Deutschland bisher selten waren. Das Robert Koch-Institut (RKI) und Partner forschen deshalb seit Jahren an der Schnittstelle von Klimawandel, Infektionskrankheiten und Künstlicher Intelligenz. Vom 29. Juni bis 3. Juli 2026 trafen sich in Berlin rund 40 Doktorandinnen, Doktoranden und Postdocs zur CLIMADEMIC Summer School – einer intensiven Forschungswoche des RKI-Zentrums für KI in der Public-Health-Forschung (ZKI-PH). Ihr Ziel: herausfinden, wie KI-Modelle Klimadaten und Infektionsbiologie verknüpfen können, um Pandemiedynamiken früher zu erkennen.

Was CLIMADEMIC ist und warum es jetzt wichtig wird

CLIMADEMIC steht für Climate and Pandemic Dynamics. Das gleichnamige Forschungsprojekt des RKI wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert und verfolgt ein klares Ziel: die Kopplungsmechanismen zwischen dem sich verändernden Klima und der Ausbreitung von Infektionskrankheiten systematisch zu erfassen und vorherzusagen. Im Fokus stehen vor allem Krankheiten, die durch Stechmücken übertragen werden.

Die Summer School vertieft diesen Ansatz jährlich: Nachwuchsforschende aus Klimamodellierung, Epidemiologie, Public Health, maschinellem Lernen und Datenwissenschaft arbeiten mit Expertinnen und Experten daran, wie neueste KI-Methoden dabei helfen können, Klimadaten mit Erkenntnissen der Infektionsbiologie zu verbinden. Partner der Veranstaltung sind das GFZ Helmholtz-Zentrum Potsdam, das Hasso-Plattner-Institut, die Universität Potsdam und das ELLIS-Netzwerk – ein europäischer Verbund führender KI-Forschungseinrichtungen.

Warum Klimawandel und Infektionen zusammengehören

Der Zusammenhang ist direkter, als viele vermuten. Steigende Temperaturen verändern, wo und wann sich Mückenarten wie die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus) ansiedeln können. Laut RKI ist sie inzwischen an mehreren Standorten in Deutschland etabliert – im Oberrheintal, in Bayern, Thüringen und sogar in Berlin. Die Tigermücke ist ein potenzieller Überträger von Chikungunya-Virus, Dengue und Zika. Eine Übertragung dieser Viren in Deutschland hat bislang nicht stattgefunden, doch der Sachstandsbericht Klimawandel und Gesundheit des RKI aus dem Jahr 2023 zeigt: Bei deutschen Tigermücken-Populationen wurde bereits Vektorkompetenz für Chikungunya unter sommerlichen Temperaturen nachgewiesen. Das bedeutet: Die Mücken wären grundsätzlich in der Lage, den Erreger zu übertragen.

Beim West-Nil-Virus ist die Ausbreitung nach Deutschland schon Realität. Laut RKI werden seit einigen Jahren in den Sommer- und Herbstmonaten – vor allem zwischen Juli und September – Infektionen in Ostdeutschland gemeldet. Die Fallzahlen liegen im einstelligen bis niedrigen zweistelligen Bereich pro Jahr. Dass das Virus mehrere Jahre in Folge auftritt und offenbar auch überwintert, deuten RKI-Experten als Zeichen einer zunehmenden Etablierung. Der Klimawandel verlängert die Aktivitätssaison von Mücken – und damit das Zeitfenster für Übertragungen.

Wie KI dabei helfen kann

Genau hier setzt CLIMADEMIC an. Klimamodelle können projizieren, wie sich Temperaturen und Niederschläge in bestimmten Regionen entwickeln. Infektionsbiologische Daten zeigen, wie Erreger und Vektoren auf diese Bedingungen reagieren. Wenn KI-Algorithmen beide Datenwelten systematisch verbinden, entstehen Frühwarnsysteme, die potenzielle Ausbruchsgebiete Wochen oder Monate im Voraus identifizieren können.

Das ist kein Zukunftsprojekt, sondern laufende Forschung: Maschinelle Lernverfahren werden bereits eingesetzt, um aus historischen Ausbruchsdaten, Temperaturkurven und Bevölkerungsdaten Muster zu extrahieren. Die CLIMADEMIC Summer School bringt die Fachleute zusammen, die diese Methoden entwickeln – und trainiert eine neue Generation interdisziplinärer Forschender, die Klimamodellierung und Epidemiologie verbinden können.

Was das für Gesundheit und Vorsorge bedeutet

Für die meisten Menschen in Deutschland ist das Risiko durch tropische Infektionskrankheiten derzeit noch gering. Aber die Wahrscheinlichkeit steigt – und die Vorbereitungszeit ist begrenzt. Öffentliche Gesundheitsbehörden brauchen Systeme, die rechtzeitig warnen, bevor sich ein Erreger in einer Region festgesetzt hat. CLIMADEMIC arbeitet genau an dieser Lücke.

Für Einzelpersonen heißt das vor allem: informiert bleiben. Wer aus Reisegebieten zurückkommt, in denen Dengue, Chikungunya oder West-Nil-Virus kursieren, sollte bei grippeähnlichen Symptomen die Reisegeschichte erwähnen. Allgemein empfiehlt das RKI Mückenschutz auch in Deutschland – besonders in der Abend- und Morgendämmerung und in Gebieten mit stehenden Gewässern. Digitale Gesundheits-Apps können helfen, Symptome einzuordnen und zu entscheiden, wann ärztliche Hilfe sinnvoll ist. Einen Überblick über relevante Angebote bietet Bestes.com.

Ein wachsendes Forschungsfeld

Die CLIMADEMIC Summer School 2026 steht für einen strukturellen Wandel in der Public-Health-Forschung: Klimawissenschaft und Infektionsepidemiologie, die lange nebeneinanderher arbeiteten, wachsen zusammen – und KI ist der Katalysator. Das RKI hat mit dem ZKI-PH (Centre for Artificial Intelligence in Public Health Research) ein eigenes Zentrum für KI-Methoden in der öffentlichen Gesundheitsforschung aufgebaut. Die CLIMADEMIC-Initiative ist eines seiner prominentesten Projekte. Ergebnisse und Erkenntnisse fließen in die Surveillancesysteme des RKI ein – und damit in die Grundlagen, auf denen Behörden Empfehlungen für die Bevölkerung treffen.

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