Adipositas neu bewertet: Warum 80 Prozent aller Adipösen bereits klinisch krank sind
80 Prozent aller Menschen mit Adipositas haben bereits Organschäden – mit 8-fach erhöhtem Diabetes-Risiko. DIfE-Studie 2026 zeigt Ausweg.
Rund 80 Prozent aller Menschen mit Übergewicht haben bereits messbare gesundheitliche Schäden – das zeigt eine neue Studie des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam-Rehbrücke, die im Februar 2026 im Fachjournal Nature Communications erschienen ist. Die Forschenden schlagen vor, Fettleibigkeit künftig strenger zu unterteilen: in eine harmlosere Vorstufe und eine behandlungsbedürftige klinische Form. Das Risiko für Herzinfarkt und Typ-2-Diabetes ist dabei erschreckend hoch – und zeigt, wie dringend ein Umdenken in der Adipositas-Diagnostik geboten ist.
Warum eine neue Definition von Fettleibigkeit nötig ist
Adipositas – also Fettleibigkeit mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 und mehr – gilt seit Jahrzehnten als eine der größten Volkskrankheiten Deutschlands. Doch bislang wurde sie im medizinischen Alltag vor allem über das Körpergewicht definiert. Das, so die Kritik vieler Fachleute, greift zu kurz: Nicht jeder Mensch mit hohem BMI ist automatisch krank, während umgekehrt viele Betroffene bereits konkrete Organschäden haben, ohne dass das ausreichend berücksichtigt wird.
Eine internationale Expertenkommission der Fachzeitschrift Lancet Diabetes & Endocrinology hatte 2025 ein neues Konzept vorgeschlagen: die Unterscheidung in präklinische Adipositas (Übergewicht ohne messbare Folgeschäden) und klinische Adipositas (Übergewicht mit nachweisbaren Beeinträchtigungen von Stoffwechsel, Herz-Kreislauf-System oder Organen). Letztere soll als eigenständige Erkrankung mit klaren Behandlungsindikationen gelten – ein Paradigmenwechsel, der die Versorgung von Millionen Patientinnen und Patienten verändern könnte.
Was die DIfE-Studie gemessen hat
Ein Forschungsteam um Prof. Matthias Schulze vom DIfE und Prof. Norbert Stefan vom Universitätsklinikum Tübingen hat diese neue Definition nun erstmals systematisch an großen Bevölkerungsdaten überprüft. Dafür werteten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Daten aus drei Studien aus: der NHANES-Erhebung (repräsentativ für die US-Bevölkerung), der europäischen EPIC-Potsdam-Kohorte sowie dem Tübinger Lebensstilinterventionsprogramm TULIP.
Das zentrale Ergebnis: Alle Personen mit einem BMI von 30 oder mehr erfüllten mindestens ein weiteres körperliches Kriterium für Adipositas – etwa einen erhöhten Taillenumfang oder einen erhöhten Körperfettanteil. Zusätzliche anthropometrische Messungen seien daher laut den Forschenden in der Praxis kaum notwendig, da sie praktisch keine neuen Informationen lieferten. „Hier ist ein Nachschärfen dieser zusätzlichen Kriterien notwendig", erklärte Erstautorin Dr. Catarina Schiborn vom DIfE. Denn die entscheidendere Frage sei nicht, ob jemand Übergewicht hat, sondern ob dieses Übergewicht bereits gesundheitliche Konsequenzen hat.
80 Prozent haben bereits messbare Schäden
Rund 80 Prozent der untersuchten Personen mit Adipositas hatten bereits messbare Beeinträchtigungen – etwa erhöhten Blutdruck, gestörten Blutzucker oder veränderte Blutfettwerte. Sie erfüllten damit die Kriterien für klinische Adipositas. Und die gehen mit erheblichen Risiken einher:
- Ein etwa dreifach erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Vergleich zu Menschen ohne Adipositas
- Ein etwa achtfach erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes
Menschen mit präklinischer Adipositas – also dem kleineren Teil von rund 20 Prozent ohne messbare Folgeschäden – hatten dagegen kein erhöhtes Herzrisiko. Ihr Diabetes-Risiko war jedoch ebenfalls erhöht, wenn auch deutlich geringer als bei der klinischen Form. „Viele klinische Kriterien überlappen stark", erklärte Prof. Schulze. „Das wirft die Frage auf, ob eine so umfangreiche Diagnostik tatsächlich notwendig ist." Für die Praxis bedeutet das: Wer Adipositas hat und bereits Bluthochdruck oder erhöhte Blutzuckerwerte zeigt, gehört zur Risikogruppe mit dringendem Handlungsbedarf.
Lebensstilprogramm halbiert Prädiabetes-Rate
Ein weiterer zentraler Befund der Studie betrifft die Frage, ob sich klinische Adipositas durch Verhaltensänderungen zurückdrängen lässt. Die Antwort aus dem TULIP-Programm am Universitätsklinikum Tübingen: Ja – und zwar deutlich.
Nach einer neunmonatigen Lebensstilintervention – bestehend aus strukturierter Ernährungsumstellung und regelmäßiger körperlicher Aktivität – sank der Anteil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit klinischer Adipositas von 71 auf 57 Prozent. Noch beeindruckender: Die Häufigkeit von Prädiabetes – dem Vorstadium von Typ-2-Diabetes – halbierte sich nahezu, von 52 auf 29 Prozent. Vor allem Blutdruck, Triglyzeridwerte und die Blutzuckerregulation verbesserten sich durch das Programm deutlich.
„Das ist eine wichtige Voraussetzung für mögliche Präventionsstrategien", erklärte Prof. Stefan. Wie gut jemand auf ein Lebensstilprogramm anspreche, hänge dabei auch vom Alter und dem Leberfettgehalt ab – Faktoren, die sich bereits heute mit modernen Diagnosemethoden messen lassen.
Was das für Betroffene in Deutschland bedeutet
Die Ergebnisse sind auch deshalb relevant, weil Adipositas in Deutschland weit verbreitet ist: Laut dem Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2026 der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) leben hierzulande schätzungsweise 9,3 Millionen Menschen mit Typ-2-Diabetes, vielfach als Folge von Übergewicht. Jährlich kommen rund 450.000 Neudiagnosen hinzu – und die Betroffenen werden im Schnitt jünger.
Die neue Klassifikation könnte helfen, Patientinnen und Patienten gezielter zu behandeln: Wer klinische Adipositas hat, braucht eine medizinische Betreuung – möglicherweise inklusive moderner Medikamente wie GLP-1-Agonisten. Wer präklinisch adipös ist, könnte dagegen mit einem strukturierten Lebensstilprogramm die Weichen frühzeitig in Richtung Gesundheit stellen. Digitale Ernährungs- und Gesundheits-Apps können dabei eine sinnvolle Ergänzung zur ärztlichen Betreuung sein, sie ersetzen diese jedoch nicht.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen klinischer und präklinischer Adipositas?
Als klinisch adipös gilt, wer nicht nur einen BMI von 30 oder mehr hat, sondern auch messbare gesundheitliche Beeinträchtigungen – etwa erhöhten Blutdruck, gestörten Blutzucker oder Auffälligkeiten bei den Blutfettwerten. Präklinische Adipositas beschreibt hingegen Übergewicht ohne solche Folgeschäden. Letztere betrifft laut DIfE-Studie nur rund 20 Prozent aller adipösen Menschen.
Wie hoch ist das Diabetes-Risiko bei Fettleibigkeit?
Laut der DIfE-Studie in Nature Communications (2026) haben Menschen mit klinischer Adipositas ein etwa achtfach höheres Risiko für Typ-2-Diabetes als Menschen ohne Adipositas. Selbst bei präklinischer Adipositas ist das Risiko erhöht – das Herzrisiko steigt bei der präklinischen Form jedoch kaum.
Kann man klinische Adipositas durch Lebensstilveränderungen verringern?
Die TULIP-Studie zeigt: Ja. Nach neun Monaten mit Ernährungsumstellung und mehr Bewegung sank der Anteil der klinisch Adipösen von 71 auf 57 Prozent, Prädiabetes halbierte sich von 52 auf 29 Prozent. Ein strukturiertes Programm kann also messbare Verbesserungen bewirken – idealerweise unter ärztlicher Begleitung.