Von Redaktion

WHO-Empfehlung reicht nicht: Wie viel Sport dein Herz wirklich braucht

UK-Biobank-Studie im BJSM (Juni 2026): 150 Minuten Sport pro Woche schützen das Herz kaum – echter Herzschutz beginnt erst bei 560 Minuten.

150 Minuten Bewegung pro Woche – das empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation als Mindestmaß für Erwachsene. Wer glaubt, damit ausreichend für seine Herzgesundheit zu tun, irrt sich laut einer aktuellen Studie. Forscherinnen und Forscher der University of Macau haben Daten der UK Biobank ausgewertet und kommen zu einem klaren Ergebnis: Für einen substanziellen Schutz vor Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzschwäche braucht es deutlich mehr Bewegung, als die WHO-Leitlinien vorschreiben. Die Analyse erschien am 23. Juni 2026 im British Journal of Sports Medicine.

Was die UK-Biobank-Studie zeigt

Die UK Biobank ist eine der größten Gesundheitsdatenbanken der Welt. Mehrere Hunderttausend Menschen haben dort über Jahre ihre Gesundheitsdaten und Lebensgewohnheiten erfasst. Das ermöglicht Forscherinnen und Forschern, Zusammenhänge zu untersuchen, die in kleinen Studien unsichtbar bleiben.

Die Wissenschaftler nutzten ein Verfahren namens Mendelsche Randomisierung. Dahinter steckt die Idee, genetische Merkmale als natürliche Kontrollgruppe zu verwenden, um Ursache und Wirkung sauberer zu trennen. Frühere Studien konnten nämlich nicht sicher sagen, ob regelmäßiger Sport das Herz schützt oder ob herzgesunde Menschen schlicht öfter Sport treiben. Die neue Methode liefert hier mehr Klarheit.

Das Ergebnis: Wer sich an die WHO-Empfehlung von 150 Minuten moderater Bewegung pro Woche hält, senkt sein Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um rund acht bis neun Prozent gegenüber völlig inaktiven Menschen. Das ist ein messbarer, aber begrenzter Effekt. Erst ab etwa 560 bis 610 Minuten Bewegung pro Woche – das entspricht rund neun Stunden – sinkt das Herzerkrankungs-Risiko um mehr als 30 Prozent. Danach flacht die Kurve ab: Noch mehr Sport bringt kaum zusätzlichen Nutzen, richtet aber auch keinen Schaden an.

Warum Bewegungsmangel so gefährlich ist

Körperliche Inaktivität gehört weltweit zu den größten vermeidbaren Gesundheitsrisiken. Laut WHO bewegen sich einer von vier Erwachsenen und drei von vier Jugendlichen zu wenig. In Deutschland zeigt sich ein ähnliches Bild: Laut aktueller Analyse erfüllen nur rund 26 bis 29 Prozent der Erwachsenen die WHO-Bewegungsempfehlungen. Herzerkrankungen sind hierzulande nach wie vor die häufigste Todesursache.

Das Problem entsteht oft schleichend im Alltag. Viele Menschen verbringen den größten Teil des Tages sitzend – im Büro, im Auto, auf dem Sofa. Kurze Spaziergänge oder gelegentliche Sporteinheiten gleichen das nicht immer aus. Hinzu kommt: Wer sich wenig bewegt, hat oft auch schlechtere Werte bei Blutdruck, Blutzucker und Blutfetten. Das sind allesamt Risikofaktoren, die das Herzerkrankungs-Risiko weiter erhöhen und sich gegenseitig verstärken können.

Besonders tückisch ist, dass viele Menschen ihr eigenes Aktivitätsniveau überschätzen. Wer einmal in der Woche joggen geht, liegt gefühlt gut im Rennen – tatsächlich aber weit unter dem, was die Forschung für substanziellen Herzschutz empfiehlt. Bewegungstracker und Gesundheits-Apps können helfen, ein realistisches Bild der tatsächlichen Wochenbewegung zu bekommen.

Was das konkret bedeutet – und wie man anfangen kann

Neun Stunden Bewegung pro Woche klingt viel. Aber das müssen keine neun Stunden schweißtreibendes Training sein. Als moderate Aktivität gilt alles, was die Herzfrequenz spürbar erhöht und leicht außer Atem bringt: zügiges Gehen, Radfahren, Schwimmen, Tanzen oder auch Gartenarbeit. Auf den Tag verteilt entspricht das ungefähr 80 Minuten täglich – etwas mehr als eine verlängerte Mittagspause.

Die Studienautorinnen und -autoren empfehlen ausdrücklich, die WHO-Empfehlung nicht als Ziel zu verstehen, sondern als Einstieg. Wer bisher kaum aktiv war, profitiert am stärksten von einem ersten Schritt: Schon der Sprung von null auf 150 Minuten bringt messbare Vorteile. Entscheidend ist, dauerhaft dranzubleiben und die Aktivität schrittweise zu steigern. Wer zu schnell zu viel versucht, riskiert Überlastung und Demotivation.

Hausärztinnen und Hausärzte können helfen, ein Bewegungsprogramm zu entwickeln, das zu individuellem Gesundheitszustand, Lebensalter und Alltag passt. Für Menschen mit Vorerkrankungen, Gelenk- oder Rückenproblemen lohnt sich zusätzlich eine sportmedizinische Beratung – sie zeigt, welche Bewegungsformen besonders gut geeignet sind und worauf man achten sollte.

Auch digitale Hilfsmittel können unterstützen. Schrittzähler, Fitness-Apps und Wearables machen sichtbar, wie viel Bewegung tatsächlich im Alltag stattfindet. Wer merkt, dass er wochentags kaum auf 3.000 Schritte kommt, kann gezielt gegensteuern – etwa mit einem festen Spaziergang nach dem Mittagessen oder dem bewussten Verzicht auf den Aufzug. Kleine Routinen summieren sich über Wochen zu messbaren Verbesserungen. Entscheidend ist die Regelmäßigkeit: Ein dauerhaft aktiver Alltag schützt das Herz langfristig deutlich besser als gelegentliche intensive Einheiten.

Häufige Fragen

Zählt Alltagsbewegung – also zu Fuß gehen oder Fahrrad fahren – dazu?

Ja. Moderate Bewegung umfasst alles, was die Herzfrequenz spürbar erhöht und leicht außer Atem bringt. Treppensteigen, Einkaufen mit dem Fahrrad oder ein flottes Spazierengehen zählen genauso wie klassischer Sport. Wichtig ist die Gesamtmenge pro Woche, nicht die Art der Aktivität.

Ist es besser, täglich ein bisschen zu machen oder viel auf einmal am Wochenende?

Die vorliegende Studie hat die Gesamtmenge pro Woche betrachtet, nicht die Aufteilung. Ältere Forschung legt nahe, dass regelmäßige, über die Woche verteilte Einheiten günstiger sind als seltene, sehr lange Belastungen – besonders für Menschen, die bisher wenig aktiv waren. Ein guter Einstieg: mindestens dreimal pro Woche 30 bis 45 Minuten Bewegung einplanen und dann wöchentlich steigern.

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