Wegovy erhöht Risiko für seltene Augenerkrankung – neue Studie
British Journal of Ophthalmology (Mai 2026, n=30,6 Mio FDA-Berichte): Wegovy zeigt ein fast fünfmal stärkeres Risikomuster für ischämische Optikusneuropathie (ION) als Ozempic – trotz gleichem Wirkstoff. Männer besonders betroffen.
Millionen Menschen weltweit nehmen Semaglutid-Medikamente wie Ozempic oder Wegovy – gegen Typ-2-Diabetes, gegen Übergewicht, zunehmend auch zur Vorbeugung von Herzerkrankungen. Nun wirft eine neue Analyse ernste Fragen zur Augensicherheit des Abnehmwirkstoffs Wegovy auf. Forscher haben in über 30 Millionen Nebenwirkungsberichten der US-Arzneimittelbehörde FDA ein deutliches Risikomuster für eine seltene, aber schwerwiegende Erkrankung des Sehnervs gefunden – mit Wegovy an der Spitze. Die Erkenntnisse, veröffentlicht im British Journal of Ophthalmology im Mai 2026, sind noch kein Beweis für eine Kausalität, geben Augenmedizinern und Verschreibenden aber Anlass, genauer hinzuschauen.
## Ischämische Optikusneuropathie: Wenn der Sehnerv keinen Sauerstoff bekommt
Die Erkrankung im Mittelpunkt der Studie heißt ischämische Optikusneuropathie, kurz ION. Sie entsteht, wenn die Blutversorgung des Sehnervs unterbrochen oder stark eingeschränkt wird. Die Folge: plötzlicher, teilweiser oder vollständiger Sehverlust auf einem oder beiden Augen. Manchmal kehrt das Sehvermögen teilweise zurück, manchmal bleibt die Beeinträchtigung dauerhaft. In schweren Fällen ist die Erblindung irreversibel.
ION ist selten. In der Allgemeinbevölkerung tritt sie vor allem bei Menschen über 50 mit Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Diabetes auf. Männer erkranken insgesamt häufiger als Frauen. Genau diese Risikogruppen nehmen jedoch häufig auch GLP-1-Medikamente – was die Frage nach einem möglichen Zusammenhang umso relevanter macht.
Für ihre Analyse werteten Lakhani und Kollegen das FDA Adverse Event Reporting System (FAERS) für den Zeitraum Dezember 2017 bis Dezember 2024 aus. Von insgesamt 30,6 Millionen Nebenwirkungsmeldungen betrafen 31.774 Semaglutid-Präparate: 3.070 Meldungen entfielen auf Wegovy, 20.608 auf Ozempic. Das Durchschnittsalter der gemeldeten Personen lag bei 56 Jahren, 54 Prozent waren Frauen. Daneben untersuchten die Forscher auch Tirzepatid-Präparate wie Mounjaro und Zepbound sowie das orale Semaglutid Rybelsus.
## Wegovy: Fast fünfmal stärkeres Risikomuster als Ozempic
Trotz der deutlich höheren absoluten Zahl an Ozempic-Meldungen – Ozempic ist älter und seit Jahren breiter im Einsatz – fanden die Forscher das statistisch stärkste Signal bei Wegovy. Nach statistischer Bereinigung lag das beobachtete Verhältnis gemeldeter ION-Fälle bei Wegovy auf dem 75-fachen dessen, was bei einem Referenzpräparat zu erwarten gewesen wäre. Für Ozempic betrug dieser Wert 19, für generische Semaglutid-Produkte 21.
Das Risikomuster bei Wegovy ist damit fast fünfmal stärker ausgeprägt als bei Ozempic – obwohl beide denselben Wirkstoff Semaglutid enthalten. Für Rybelsus, die Tabletten-Form von Semaglutid, wurden in der gesamten Datenbank keine ION-Meldungen gefunden.
Warum dieser Unterschied? Die Autoren nennen vor allem zwei Faktoren: Erstens wird Wegovy in einer höheren Dosis als Ozempic eingesetzt – Wegovy ist für die Behandlung von Adipositas zugelassen, Ozempic für Typ-2-Diabetes. Die Zieldosis liegt bei Wegovy bei 2,4 mg Semaglutid pro Woche, bei Ozempic bei maximal 1,0 mg. Zweitens wirken injizierbare Medikamente schneller und intensiver als oral eingenommene Präparate. Hohe Semaglutid-Dosen könnten die Blutversorgung des Sehnervs durch Blutdruckabfälle, Flüssigkeitsverluste und Veränderungen im autonomen Nervensystem beeinträchtigen, so die Hypothese der Forschenden. Die begrenzte Resorption und der langsamere Wirkungseintritt von Rybelsus erklären wohl das Ausbleiben jeglicher ION-Meldungen bei der oralen Form.
## Männer tragen das höchste Risiko
Die Studie offenbarte deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Insgesamt war das Risikomuster für ION bei Männern mehr als dreimal stärker ausgeprägt als bei Frauen. Bei Männern, die Wegovy einnahmen, lag das beobachtete Verhältnis beim 116-fachen des Erwartungswertes – der mit Abstand höchste Wert in der gesamten Analyse. Bei Frauen zeigte sich das stärkste Signal bei Ozempic. Warum Männer stärker betroffen sind, bleibt vorerst offen. Die Autoren vermuten unterschiedliche Dosierungsmuster, Begleiterkrankungen oder hormonelle Unterschiede als mögliche Erklärungen.
Die Forscher betonen dabei ausdrücklich: Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Wegovy und ION ist bislang nicht bewiesen. Die FAERS-Datenbank erfasst gemeldete Nebenwirkungen, keine klinisch verifizierten Kausalitäten. Hinzu kommt, dass intensive Medienberichterstattung über Wegovy dazu geführt haben könnte, dass Nebenwirkungen verstärkt gemeldet wurden – ein bekanntes Phänomen im Meldesystem. Dennoch bezeichnen die Autoren die Befunde als erste Evidenz für ein dosis- und formulierungsabhängiges ION-Risiko und fordern dringend prospektive Studien, um Verschreibungspraxis und Regulierung zu fundieren.
## Was das für Menschen mit GLP-1-Therapie bedeutet
Der Kontext macht die Frage besonders wichtig: GLP-1-Medikamente sind nicht mehr nur Diabetes- oder Abnehmtherapien. Aktuelle Studien zeigen Vorteile für kardiovaskuläre Erkrankungen, Schlaganfallprävention und möglicherweise das Demenzrisiko. Laut den Studienautoren sind in Großbritannien 29 Prozent aller Erwachsenen adipös und 64 Prozent übergewichtig oder adipös – die Verschreibungszahlen steigen rasant, und damit auch die Patientenzahl, die theoretisch von seltenen Nebenwirkungen betroffen sein könnte.
Augenfachärzte halten im begleitenden Editorial des British Journal of Ophthalmology fest, dass die Befunde besonderer Aufmerksamkeit bedürfen – insbesondere angesichts der Diskussion über den Einsatz von GLP-1-Medikamenten bei Jugendlichen ab zwölf Jahren. Sie weisen darauf hin, dass sich eine wachsende Literatur zu Augenkomplikationen durch Adipositas-Medikamente bilde, die dringend weiter untersucht werden müsse. Gleichzeitig betonen sie: GLP-1-Präparate könnten bei bestimmten Augenerkrankungen wie der altersbedingten Makuladegeneration oder Uveitis auch schützend wirken – eine Abwägung, die künftige Studien leisten müssen.
Wer Wegovy, Ozempic oder andere GLP-1-Präparate einnimmt und plötzlich Sehveränderungen bemerkt – verschwommenes Sehen, Gesichtsfeldausfälle oder einen abrupten Sehverlust auf einem Auge –, sollte umgehend ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Die ischämische Optikusneuropathie erfordert schnelles Handeln, um bleibende Schäden zu minimieren. Ein eigenmächtiges Absetzen der Medikation ohne Rücksprache mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt ist nicht empfohlen.