Von Redaktion

Warum manche Menschen gesund bleiben: DGVS fordert Wandel in der Prävention

Neue Forschungsansätze zeigen, warum der Darm im Zentrum der Prävention steht – und warum Darmkrebsvorsorge & Ernährung jetzt wichtiger sind denn je.

Warum erkranken manche Menschen, während andere trotz ähnlicher Risikofaktoren gesund bleiben? Diese Frage rückt die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) auf ihrer Jahrespressekonferenz am 18. Juni 2026 in den Mittelpunkt. Die Fachgesellschaft mit über 7.000 Mitgliedern fordert einen grundlegenden Wandel in der Medizin: weg von der reinen Reparatur, hin zu einer personalisierten, vorbeugenden Heilkunde – und sieht im Verdauungstrakt einen zentralen Hebel dafür.

Die entscheidende Frage: Warum bleibt der Körper gesund?

Bislang greift die Medizin meist erst ein, wenn Beschwerden auftreten – wenn eine Erkrankung also bereits ausgebrochen ist. Was in den Wochen, Monaten oder Jahren davor im Körper passiert, ist wissenschaftlich noch wenig verstanden. Genau dort setzt das Exzellenzcluster ImmunoPreCept an, das an der Charité Universitätsmedizin Berlin forscht. Professorin Britta Siegmund, Direktorin der Medizinischen Klinik für Gastroenterologie, Infektiologie und Rheumatologie an der Charité, erklärt das Ziel: „Unser Körper und unsere Zellen passen sich im Laufe des Lebens immer wieder an Umweltfaktoren, Infektionen und andere Störfaktoren an und bleiben zunächst gesund. Wir wollen besser verstehen, warum das gelingt und wie wir diese Schutzmechanismen medizinisch nutzen können."

Besonders aufschlussreich ist dabei laut Siegmund die Gruppe der Menschen, die trotz erhöhter Risikomarker gesund bleibt. ImmunoPreCept untersucht hierfür bestimmte Marker im Blut, genetische Hinweise und frühe Gewebeveränderungen, die vor dem eigentlichen Krankheitsausbruch auftreten. „Wenn wir besser erkennen, wann der Übergang von Gesundheit zu Krankheit beginnt, können wir früher, gezielt und personalisiert eingreifen", so Siegmund.

Warum der Darm im Zentrum der Prävention steht

Erkrankungen von Darm, Leber und Stoffwechsel entwickeln sich oft über Jahre, bevor sie Beschwerden verursachen. Gleichzeitig stehen diese Organe in engem Austausch mit Ernährung, Immunsystem, Mikrobiom und Umweltfaktoren – der Verdauungstrakt ist damit nicht nur Ort vieler Erkrankungen, sondern auch ein zentraler Ansatzpunkt für frühe Prävention. Das zeigt sich auch bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED): Moderne Therapien können Entzündungen heute bei vielen Patientinnen und Patienten wirksam kontrollieren. Doch eine stabile Remission bedeutet nicht immer, dass Betroffene wieder so belastbar sind wie vor Beginn der Erkrankung. Laut einer Publikation in Die Innere Medizin (Lynen Jansen et al., 2026) könnte es künftig deshalb nicht nur darum gehen, Entzündung zu unterdrücken, sondern Gesundheit, Widerstandskraft und Lebensqualität gezielt wiederherzustellen.

Das Mikrobiom – die Gesamtheit der Mikroorganismen im Darm – spielt dabei eine besondere Rolle. Es beeinflusst Immunreaktionen, Stoffwechselprozesse und sogar die psychische Gesundheit. Ernährungsgewohnheiten, Antibiotikagaben und Lebensstil prägen die Zusammensetzung des Mikrobioms über Jahre. Neue Diagnosetools ermöglichen es heute, das persönliche Mikrobiom zu analysieren und Risikomarker früher zu erkennen – ein Bereich, in dem digitale Gesundheitsangebote wie myBioma ansetzen.

Was heute schon nachweislich wirkt – und zu wenig genutzt wird

So wichtig neue Forschungsansätze sind: Viele wirksame Präventionsmaßnahmen sind bereits vorhanden und gut belegt – werden aber zu selten in Anspruch genommen. Die DGVS mahnten auf ihrer Jahrespressekonferenz, diese konsequenter auszuschöpfen. Ein zentrales Beispiel: die Darmkrebsvorsorge. Bei der Darmspiegelung (Koloskopie) können gutartige Vorstufen von Darmkrebs erkannt und noch während der Untersuchung entfernt werden – bevor eine bösartige Erkrankung entsteht. Darmkrebs ist in Deutschland die zweithäufigste Krebstodesursache, dabei zählt er zu den am besten vermeidbaren. Dennoch nutzt nach aktuellen Zahlen des RKI nur etwa ein Drittel der anspruchsberechtigten Bevölkerung die Vorsorge-Koloskopie.

Auch Impfungen gehören zur gastroenterologischen Prävention: Die HPV-Impfung senkt das Risiko für Gebärmutterhalskrebs und bestimmte andere Krebsarten signifikant. Lebensstilfaktoren ergänzen das Bild: Eine mediterran geprägte, überwiegend pflanzenbasierte Ernährung, wenig Alkohol und reduzierter Zuckerkonsum gelten als gut belegte Maßnahmen zur Senkung von Darm-, Leber- und Stoffwechselrisiken. Digitale Tools wie Cara Care, eine App speziell für Menschen mit Reizdarmsyndrom und chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, können dabei helfen, Ernährung und Symptome zu dokumentieren und gezielt anzupassen.

Prävention muss alle erreichen – und braucht strukturelle Unterstützung

Professorin Birgit Terjung, Mediensprecherin der DGVS und Chefärztin der Inneren Medizin am St. Josef Hospital der GFO Kliniken Bonn, betont eine zentrale Herausforderung: „Prävention darf nicht nur die Menschen erreichen, die ohnehin gut informiert sind und regelmäßig Vorsorge wahrnehmen. Wenn wir Krankheiten verhindern, Lebensqualität erhalten und das Gesundheitssystem langfristig entlasten wollen, müssen wir alle Bevölkerungsgruppen erreichen." Das ist bislang nicht der Fall: Vorsorgeuntersuchungen werden überdurchschnittlich oft von Menschen mit höherem Bildungsstand und besserem Einkommen wahrgenommen. Sozial benachteiligte Gruppen, Personen mit Migrationshintergrund und Menschen in strukturschwachen Regionen nehmen Präventionsangebote deutlich seltener in Anspruch.

Die DGVS begrüßt deshalb die geplante Herstellerabgabe auf Süßgetränke – umgangssprachlich Zuckersteuer – als einen ersten regulatorischen Schritt und fordert weitere strukturelle Maßnahmen gegen ungesunde Lebensmittel als Teil einer wissenschaftlich fundierten Präventionsstrategie. Auf bestes.com finden Verbraucherinnen und Verbraucher eine Übersicht digitaler Gesundheitsangebote rund um Darmgesundheit, Ernährung und Vorsorge – von Mikrobiom-Tests über Ernährungs-Apps bis zu telemedizinischen Beratungsangeboten.

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