Vertrauen in das Gesundheitssystem schwindet: Nur noch jeder Zweite sieht Deutschland in der Weltspitze
Das PwC Healthcare-Barometer 2026 zeigt: 50 % der Deutschen halten ihr Gesundheitssystem für eines der besten der Welt – vor zehn Jahren waren es noch 64 %.
Deutschland gibt mehr Geld für Gesundheit aus als jedes andere EU-Land. Und doch sinkt das Vertrauen der Bevölkerung in ihr Gesundheitssystem seit Jahren kontinuierlich. Das zeigt das PwC Healthcare-Barometer 2026, eine repräsentative Umfrage unter 1.000 Bürgerinnen und Bürgern, die bereits zum zwölften Mal in Folge durchgeführt wurde. Das Ergebnis ist eindeutig: Nur noch 50 Prozent der Deutschen zählen ihr Gesundheitssystem zu den drei besten der Welt. Vor zehn Jahren teilten noch 64 Prozent diese Einschätzung – ein Rückgang um fast ein Viertel innerhalb einer Dekade.
Teures System, sinkende Zufriedenheit: Das Paradox der deutschen Gesundheitsversorgung
Dass die Lücke zwischen Ausgaben und Zufriedenheit so ausgeprägt ist, überrascht auf den ersten Blick. Laut dem OECD-Bericht Health at a Glance 2025 gibt Deutschland 12,3 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Gesundheit aus – deutlich mehr als der OECD-Durchschnitt von 9,3 Prozent. Pro Kopf entspricht das rund 9.365 US-Dollar, verglichen mit 5.967 Dollar im OECD-Mittel. Gleichzeitig schneidet das deutsche System bei Verfügbarkeit und Qualität in internationalen Vergleichen weiterhin gut ab: 81 Prozent der Deutschen geben an, mit der Verfügbarkeit qualitativ hochwertiger Versorgung zufrieden zu sein – der OECD-Schnitt liegt bei 64 Prozent.
Das eigentliche Problem liegt offenbar nicht in der grundsätzlichen Verfügbarkeit, sondern in der alltäglichen Erfahrung mit dem System. Vor allem die Finanzierbarkeit bereitet den Menschen Sorgen: 91 Prozent der Befragten machen sich Gedanken darüber, wie Gesundheit angesichts steigender Kosten und einer alternden Bevölkerung künftig bezahlbar bleibt. Fachkräftemangel und die Sicherung der Versorgungsqualität folgen als weitere Kernsorgen, die jeweils von 53 respektive 49 Prozent genannt werden.
Zeit als knappes Gut: Der Arzt-Patient-Graben wächst
Besonders aufschlussreich ist die Entwicklung bei der ambulanten Versorgung. Nur noch 30 Prozent der Befragten geben an, mit den ärztlichen Behandlungen zufrieden zu sein – vor vier Jahren lag dieser Wert noch bei 37 Prozent. Der meistgenannte Kritikpunkt: 39 Prozent der Deutschen bemängeln, dass Ärztinnen und Ärzte sich zu wenig Zeit nehmen. Weitere 26 Prozent fühlen sich von medizinischem Fachpersonal nicht ernst genommen.
Besonders groß ist die Unzufriedenheit unter Berufstätigen: Während 45 Prozent der Nicht-Erwerbstätigen mit der ärztlichen Versorgung zufrieden sind, äußern sich nur 22 Prozent der Berufstätigen entsprechend. Dahinter steckt vermutlich ein strukturelles Problem: Praxiszeiten, lange Wartezeiten und bürokratischer Aufwand treffen Menschen im Berufsleben besonders hart. Digitale Angebote können hier entlasten – telemedizinische Plattformen wie Kry oder TeleClinic ermöglichen es, Arztgespräche flexibel vom Schreibtisch oder von unterwegs wahrzunehmen, ohne halbe Urlaubstage einzuplanen. Terminbuchungsdienste wie Doctolib helfen dabei, Wartezeiten zu verkürzen und Praxisbesuche effizienter zu gestalten.
Was die Deutschen wirklich wollen: Prävention und integrierte Versorgung
Die Studie zeigt klar, wohin die Reise gehen sollte. Neun von zehn Deutschen (91 Prozent) wünschen sich, dass Prävention eine größere Rolle spielt. 87 Prozent sprechen sich für integrierte Versorgung aus – also die Überwindung des traditionellen Sektorendenkens zwischen ambulant, stationär und Pflege. "Unser derzeitiges System ist zu teuer und zu wenig effizient. Deutschland konzentriert sich zu stark auf Behandlung statt auf Prävention", kommentiert Michael Ey, Global Health Services Leader bei PwC Deutschland.
Der Wunsch nach mehr Prävention zeigt sich auch in der Bereitschaft der Bevölkerung, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Digitale Gesundheitsangebote spielen dabei eine wachsende Rolle: Symptom-Checker wie Ada Health helfen dabei, Beschwerden frühzeitig einzuordnen und unnötige Arztbesuche zu vermeiden. Mentale Gesundheits-Apps wie 7Mind setzen auf Prävention bei Stress und Schlafproblemen – und sprechen damit genau die Bevölkerungsgruppe an, die laut PwC-Barometer am unzufriedensten mit der ambulanten Versorgung ist: Berufstätige zwischen 30 und 55 Jahren.
Daten teilen für bessere Versorgung: Bereitschaft vorhanden, Umsetzung fehlt
Ein Hebel, den Experten häufig nennen, ist die Nutzung von Gesundheitsdaten. Laut PwC-Barometer ist die Bereitschaft der Bevölkerung dazu durchaus vorhanden: 45 Prozent der Befragten würden ihre Daten freiwillig teilen, weitere 22 Prozent gegen Entgelt und 15 Prozent im Tausch gegen konkreten Mehrwert – etwa Zugang zu neuen Therapien. 78 Prozent halten den Ausbau der digitalen Infrastruktur für einen wichtigen Hebel zur Verbesserung des Gesundheitswesens.
Die Krankenkassen gelten vielen als mögliche Brücke zwischen Versicherten und digitalen Angeboten – und sie kommen in der Umfrage vergleichsweise gut weg: 87 Prozent der Versicherten sind mit ihrer Krankenkasse zufrieden, ein Plus von zwei Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. "Die gesetzlichen Krankenkassen müssen stärker als bisher die Digitalisierung im Gesundheitswesen vorantreiben, wenn sie ihrer Aufgabe als digitale Lotsen gerecht werden wollen", mahnt Thorsten Weber, Leiter Beratung GKV bei PwC Deutschland.
Das PwC Healthcare-Barometer 2026 zeichnet damit das Bild eines Systems im Wandel: grundsätzlich leistungsfähig, aber in der Alltagserfahrung vieler Menschen zunehmend unter Druck – durch Zeitknappheit, Finanzierungssorgen und den wachsenden Wunsch nach einer Versorgung, die vorbeugend statt reaktiv denkt. Digitale Gesundheitsangebote können Teil der Antwort sein – aber nur, wenn Politik, Kassen und Leistungserbringer den strukturellen Wandel gemeinsam vorantreiben.