Von Redaktion

Tiefe Venenthrombose & Lungenembolie 2026: Erkennen, behandeln, verhindern

Tiefe Venenthrombose (TVT) und Lungenembolie (LE) sind die zwei Gesichter derselben Erkrankung – der venösen Thromboembolie (VTE). In Deutschland treten jährlich rund 100.000 TVT-Fälle und 40.000 Lungenembolien auf. Etwa 40.000 Menschen sterben jährlich an VTE – mehr als an Verkehrsunfällen, Brustkrebs und AIDS zusammen, laut Angaben der Deutschen Gesellschaft für Angiologie (DGA). Trotzdem: Ein Großteil dieser Todesfälle wäre vermeidbar.

Was ist eine tiefe Venenthrombose?

Bei einer TVT bildet sich ein Blutgerinnsel (Thrombus) in den tiefen Venen – meist in den Beinvenen (etwa 90 Prozent der Fälle), seltener in Armvenen. Das Gerinnsel entsteht durch das Zusammenspiel dreier Faktoren, die der Pathologe Rudolf Virchow bereits im 19. Jahrhundert beschrieb: verlangsamter Blutfluss (Venenstase), Schäden an der Gefäßwand und eine erhöhte Gerinnungsneigung (Hyperkoagulabilität). Letztere kann angeboren sein (Thrombophilie) oder durch Medikamente, Krebs oder Hormontherapien ausgelöst werden.

Besonders tückisch: Etwa 40 Prozent aller tiefen Venenthrombosen verlaufen ohne klare Symptome. Wenn Beschwerden auftreten, sind es typischerweise einseitige Beinschwellung, Rötung und Überwärmung sowie ein dumpfer Schmerz in der Wade oder im Oberschenkel. Wichtig: Das früher gelehrte Homans-Zeichen (Wadenschmerz bei Dorsiflexion des Fußes) ist klinisch unzuverlässig und sollte nicht als Hauptkriterium dienen.

Was ist eine Lungenembolie – und woran erkennt man sie?

Eine Lungenembolie entsteht, wenn sich ein Thrombus aus den Venen löst, über das Herz in die Lungenarterien wandert und diese verlegt. Je nach Ausmaß reichen die Folgen von leichter Atemnot bis zum lebensbedrohlichen kardiogenen Schock mit Kreislaufversagen.

Typische Symptome der Lungenembolie sind plötzlich einsetzende Atemnot (das häufigste Zeichen), stechende Brustschmerzen, die sich bei tiefer Atmung verstärken, beschleunigter Herzschlag (Tachykardie) sowie in seltenen Fällen blutiger Husten (Hämoptysen). Bei einer Hochrisiko-Lungenembolie – erkennbar an Blutdruckabfall, Bewusstlosigkeit oder Schock – handelt es sich um einen Notfall, der sofortiges Handeln erfordert: 112 rufen.

Diagnostik: Wann ist eine TVT oder LE wahrscheinlich?

Für die Einschätzung der Vortestwahrscheinlichkeit nutzen Ärzte den Wells-Score, der klinische Merkmale gewichtet und die Patienten in niedrige, mittlere oder hohe Wahrscheinlichkeitskategorien einteilt. Bei niedriger Wahrscheinlichkeit genügt ein D-Dimer-Bluttest zum Ausschluss. D-Dimere sind Abbauprodukte von Blutgerinnseln – ein normaler Wert schließt eine frische TVT oder LE mit hoher Sicherheit aus. Ein erhöhter Wert ist hingegen unspezifisch und erfordert weitere Bildgebung.

Bei TVT-Verdacht ist der Kompressionsultraschall der Goldstandard – schnell, strahlungsfrei und hochpräzise. Bei Lungenembolie-Verdacht ist die CT-Pulmonalisangiographie (CTPA) die Methode der Wahl, laut ESC-Leitlinie Lungenembolie 2023.

Therapie: Moderne Gerinnungshemmer im Einsatz

Seit der Einführung der direkten oralen Antikoagulanzien (DOAK) hat sich die VTE-Therapie grundlegend verändert. Rivaroxaban (Xarelto) und Apixaban (Eliquis) sind in Deutschland die meistgenutzten Substanzen: Sie hemmen Gerinnungsfaktoren direkt, müssen nicht injiziert werden und erfordern keine regelmäßige Blutkontrolle (wie das früher verwendete Phenprocoumon). Studien zeigen gegenüber dem Vitamin-K-Antagonisten eine vergleichbare Wirksamkeit bei niedrigerem Blutungsrisiko.

Die Dauer der Antikoagulation richtet sich nach der Ursache: Bei einer provozierten TVT (etwa nach einer Operation oder Immobilisierung) genügen in der Regel drei Monate. Bei einer unprovozierten Thrombose oder rezidivierenden VTE-Ereignissen wird das Rezidivrisiko individuell kalkuliert – häufig ist eine längerfristige Therapie sinnvoll. Bei krebsassoziierter VTE empfehlen die ESC-Leitlinien 2023 ausdrücklich DOAKs, sofern kein erhöhtes Blutungsrisiko besteht.

Schwere Lungenembolien mit Kreislaufversagen erfordern eine Thrombolyse (Gewebe-Plasminogen-Aktivator, tPA) oder, bei absoluter Kontraindikation, eine chirurgische oder kathetergestützte Embolektomie.

Wer ist besonders gefährdet?

Risikofaktoren für VTE lassen sich in unveränderliche und vermeidbare Faktoren unterteilen. Unveränderlich sind hohes Alter, Thrombophilien (genetische Gerinnungsstörungen wie Faktor-V-Leiden oder Protein-C-Mangel), vorangegangene VTE-Ereignisse und aktive Krebserkrankungen. Vermeidbare oder behandelbare Risiken sind Immobilisierung (Bettruhe, Langstreckenflüge über vier Stunden), Übergewicht, Rauchen, Einnahme kombinierter Verhütungsmittel und Schwangerschaft.

Prävention: Was wirklich schützt

Bei Langstreckenflügen und langen Autofahrten helfen regelmäßige Bewegungspausen, Wadenpumpen im Sitzen und ausreichend Trinken. Kompressionsstrümpfe empfehlen sich für Personen mit bekanntem Risiko. Bei stationären Patienten oder nach operativen Eingriffen ist eine medikamentöse Thromboseprophylaxe – meist mit niedermolekularem Heparin oder DOAKs – Standard. Bei familiärer Häufung von Thrombosen sollte eine Thrombophilie-Diagnostik erwogen werden.

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