Süßgetränke in der Schwangerschaft: Folgen für das Babygehirn
Neue Studie: Fruktose aus Softdrinks hinterlässt epigenetische Spuren im Fötus-Gehirn – mit Folgen für Lernen und Gedächtnis noch im Erwachsenenalter.
Schwangere, die regelmäßig Softdrinks, Limonaden oder Fruchtsäfte trinken, könnten das Gehirn ihres ungeborenen Kindes dauerhaft beeinflussen. Das zeigt eine neue Studie japanischer Forscher, die im Fachmagazin Stem Cell Reports erschienen ist – und die zeigt, dass die Folgen eines hohen Zuckerkonsums in der Schwangerschaft möglicherweise tiefer gehen als bisher bekannt.
Was die Studie herausgefunden hat
Das Team um Hiroya Yamada von der Fujita Health University im japanischen Toyoake hat untersucht, was ein hoher Fruktosekonsum während der Schwangerschaft mit dem Gehirn des Nachwuchses macht. Das Ergebnis ist eindeutig: Ratten, die bereits im Mutterleib viel Fruktose ausgesetzt waren, schnitten als Erwachsene in Lern- und Gedächtnistests deutlich schlechter ab als Tiere ohne diese vorgeburtliche Belastung.
Der Mechanismus liegt tief im sich entwickelnden Gehirn: Neurale Stammzellen sind dafür zuständig, neue Nervenzellen zu bilden – ein Vorgang, den Fachleute als Neurogenese bezeichnen. In den Nachkommen von Müttern, die während der Trächtigkeit viel Fruktose erhielten, war diese Neubildung von Nervenzellen in den Hirnarealen für Lernen und Kognition deutlich verringert. Auch die Zellteilung der Stammzellen selbst litt – und die Fähigkeit, neue Nervenzellen zu erzeugen, war dauerhaft eingeschränkt.
Besonders beunruhigend ist der Weg, über den diese Schäden entstehen: die Epigenetik. Das sind chemische Markierungen auf der DNA, die bestimmen, welche Gene aktiv sind – ohne die Erbinformation selbst zu verändern. Die Forscher entdeckten, dass die vorgeburtliche Fruktosebelastung diese Markierungen in den neuralen Stammzellen des Fötus dauerhaft veränderte. Diese Veränderungen blieben bis ins Erwachsenenalter erhalten und beeinträchtigten die Aktivität von Genen, die für die Bildung neuer Neuronen wichtig sind.
„Neurale Stammzellen scheinen eine biologische Erinnerung an die mütterliche Ernährung während der Schwangerschaft zu behalten", erklärt Yamada. „Das könnte helfen zu erklären, wie eine vorübergehende Ernährungsimbalance vor der Geburt zu langfristigen Veränderungen in der Gehirnentwicklung und -funktion führen kann."
Wichtig: Die Studie wurde an Ratten durchgeführt. Die Forscher betonen, dass weitere Studien nötig sind, um zu prüfen, ob menschliche neurale Stammzellen auf ähnliche Weise reagieren. Epidemiologische Studien am Menschen zeigen allerdings vergleichbare Zusammenhänge, was den Befunden zusätzliches Gewicht verleiht.
Fruktose – vor allem in Getränken ein Problem
Fruktose ist ein natürlich vorkommender Zucker, der in Früchten steckt – aber auch in großen Mengen in Softdrinks, Energydrinks, Fruchtsäften und vielen Fertigprodukten. Haushaltszucker besteht zur Hälfte aus Fruktose und zur Hälfte aus Glukose. In industriell verarbeiteten Produkten kommt häufig Fruktose-Glucose-Sirup oder Maissirup zum Einsatz, was die Fruktosemenge noch weiter erhöht.
Ein 330-ml-Becher Cola enthält rund 35 Gramm Zucker – davon etwa die Hälfte als Fruktose. Ein großes Glas Orangensaft (300 ml) liefert ähnliche Mengen. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, freie Zucker auf unter 10 Prozent der täglichen Energiezufuhr zu begrenzen – bei einer Schwangeren entspricht das etwa 50 bis 55 Gramm täglich. Diese Menge lässt sich mit einem einzigen Softdrink und einem Glas Fruchtsaft bereits überschreiten.
Der entscheidende Unterschied zu ganzen Früchten: Fruchtsäfte und Softdrinks liefern Fruktose ohne die Ballaststoffe, die den Zucker im Körper langsamer aufnehmen lassen. Wer ein ganzes Stück Obst isst, nimmt die Fruktose deshalb schonender auf als beim Trinken des gepressten Safts. Ganzes Obst in Maßen ist in der Schwangerschaft unproblematisch – die enthaltenen Vitamine und Ballaststoffe sind sogar erwünscht.
Was bisher über Fruktose in der Schwangerschaft bekannt war
Die neue Studie ergänzt eine wachsende Zahl von Befunden. Frühere Untersuchungen zeigten bereits, dass ein hoher Fruktosekonsum während der Schwangerschaft das Risiko für Schwangerschaftsdiabetes, Präeklampsie (Bluthochdruck mit Wassereinlagerungen) und Plazentainsuffizienz erhöhen kann – also eine unzureichende Versorgung des Kindes über den Mutterkuchen.
Für das Kind wurden in früheren Studien Risiken wie späteres Übergewicht, erhöhter Blutdruck, Insulinresistenz und nicht-alkoholische Fettleber beschrieben – allesamt Erkrankungen, die sich häufig erst Jahrzehnte später zeigen. Die aktuelle Studie erweitert dieses Bild um eine neurologische Dimension: Auch das lernende und denkende Gehirn des Kindes könnte durch einen zu hohen Fruktosekonsum der Mutter dauerhaft beeinflusst werden.
Was Schwangere jetzt tun können
Die Studienergebnisse machen deutlich: Eine bewusste Ernährung in der Schwangerschaft lohnt sich nicht nur für die eigene Gesundheit, sondern kann auch die neurologische Entwicklung des Kindes beeinflussen. Softdrinks, Energydrinks und zuckerreiche Limonaden sollten deshalb gezielt reduziert werden. Auch Fruchtsäfte – auch wenn sie natürlich klingen – sind keine unbegrenzte Alternative zu Wasser.
Wer auf der Zutatenliste nach versteckter Fruktose sucht, sollte auf Begriffe wie Fruktose-Glucose-Sirup, Maissirup oder natürliche Fruchtsüße achten – das sind klassische Hinweise auf einen hohen Fruktosegehalt in Fertigprodukten.
Häufige Fragen
Muss ich als Schwangere komplett auf Obst verzichten?
Nein. Ganzes Obst ist unproblematisch und sogar empfehlenswert – die enthaltenen Ballaststoffe bremsen die Fruktoseaufnahme deutlich. Problematisch sind vor allem Säfte und Softdrinks, die konzentrierte Zuckermengen ohne Ballaststoffe liefern.
Wie viel Zucker am Tag ist in der Schwangerschaft noch vertretbar?
Die WHO empfiehlt, freie Zucker auf unter 50 Gramm täglich zu begrenzen. Das entspricht ungefähr einem kleinen Glas Orangensaft. Wer täglich mehrere zuckerhaltige Getränke trinkt, überschreitet diese Menge leicht – und liegt möglicherweise im Bereich, den die japanische Studie als problematisch identifiziert.
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